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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-01-04 · Heft 1 (4.1.1840) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 1 (4.1.1840)
Date
1840-01-04
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 es bei der kleinsten Minderzahl von wahrhafter Erkenntniß und Bildung bedurfte, um durch eine so gewaltige, aller Aufklärung Kaare, und noch nicht auf der ersten Station einer richtigen Weltanschauung angelangte Gesammtmasse sich Bahn zu brechen. Und doch besitzt Lemberg recht tüchtige, kenntnißreiche Geschaftsmänner, 15 Doctores der Medickn mosaischen Glaubens, 3 Landes¬ und Gerichts-Advokaten, mehrere Dres. der Rechte, eine große Anzahl vorzüglicher Wundärzte, die theils in der Hauptstadt, theils auf dem Lande praktiziren; der Menge israelit. Candidaten nicht zu gedenken, die in verschiedenen Gymnasien und Universitäten studiren. Ich kann bei dieses Gelegenheit nicht umhin, hier eines ausgezeichneten Mannes Erwähnung zu thun, den mit vollem Rechte die Israeliten Galiziens ihren Stolz und ihre Würde nennen! Ich meine den in und außerhalb unserer Provinz hochberühmten medicinae Doctor Herrn Jacob Rappaport. Wenn man mit Aufmerksamkeit dem glänzenden Lebenslaufe dieses würdigsten der Asclepiaden folget, dann zeigt sich die durch Erfahrung langst begründete Thatsache abermals bestätiget, daß wahrhafte Genialität, veredelt und gehoben durch echte Herzensbildung und innem Menschenwerth, sich auch stets eine ihrer Größe entsprechende äußere Stellung erringen muß. Betrachtet diesen Mann an der Lagerstätte der Leiden, wie die edle Stirne in enger Gedankenfülle sich hebt, während von seinem Munde beglückende Worte des Trostes strömen; dann muß man gestehen, daß diese Geist und Herz erhebende Persönlichkeit vollenden muß, wozu Scharfsinn und auf die gediegensten Prinzipien der Wissenschaft basirte Erfahrung bereits ,den Grundstein legten. — Folgen wir nun diesem durch seine soziale Stellung hochgestellten Manne, dem verehrten und ersehnten ärztlichen Rathgeber und Hausfreund der stolzesten Aristokratie Europas, des hohen polnischen Adels, dem Freund und Hausarzt unserer ersten hiesigen Staatsbeamten, in die stillen Räume seiner Häuslichkeit, wie er voll Sanftmuth und Liebe im Kreise der Seinen waltet; wie er sodann der stets sich andrängenden Masse von Leidenden und Hilfsbedürftigen mit unermüdlicher Geduld begegnet, den ersten mit gleicher Bereitwilligkeit die Spenden seines wissenschaftlichen Reichthums, wie den andern mit seltener Munisi'zenz die reichlichsten Gaben darbietend; dann wird man begreifen können, warum allgemeine Bewunderung und Hochverehrung seinen Namen, umglänzt, und daß sein Ruhm nur der Größe seiner Verdienste entspricht! — Wäre dieser Mann nicht Jude, welche Liste von Ehrentiteln müßte ich ihm betfügen? und dennoch bei dieser glänzenden Stellung treu seinem Gotte! treu seinem Volke! treu seiner Ueberzeugung! — Fürwahr! es gibt noch Männer in Israel! Um nun auf unser eigenthümliches Thema, von dem uns nur die gerechte Würdigung eines ausgezeichneten Mannes einigermaßen' ablenkte, wiederum zu kommen; so dürfte es mit Recht Viele Wunder nehmen, wie diese Aufzählung mit dem früher entworfenen trostlosen Zustande sich einen läßt? wie in diesen schroffen Gegensätzen, Licht und Schatten so grell gesondert, sich gegenseitig nicht aufyeben? — Mit Grund darf der aufmerksame Leser fragen: Woher bei der Stagnation aller physischen Thätigkeit der Gesammtmasse, ''eine reiche Entwicklung von Geisteskraft bei so vielen Einzelnen? und gibt es daselbst erleuchtete Männer von ' wahrhafter Erkenntniß und wissenschaftlicher Bildung, wie geschieht es, daß nicht der Eine oder andere mit prometheischem Funken der Cultur den todten Gesammtkörper durchglüht und belebt? Alle diese scheinbaren Widersprüche werden bei näherer Beleuchtung verschwinden. — Das größere oder kleinere Verhalmiß gebildeter Individuen zur rohen unwissenden Menge kann und darf in keinem Lande, in keiner Provinz, in keinem Orte als passender und richtiger Maßstab der Culturstufe gelten! Es gibt so manche äußere Anregungen, so wunderbare Zufälle unzähliger Art, die wol günstig auf Personen und Familien ihren gewichtigen Einfluß ausüben, ohne jedoch in die innere Organisation einer Gesammtpopulation einzugreifen. So finden wir in vielen kleinen Orten, auf denen noch schwer der Nebel der Unwissenheit lastet, gebildete und helldenkende Männer, die ihre vecedeltere Stellung ihren komerziellen Beziehungen, der zufälligen Berührung mit andern, in intelligenter Hinsicht höherstehenden Ortschaften verdanken. — Kann man diese Männer jedoch, wie bedeutend ihre Zahl auch sei, als Träger der Bildung ihrer Heimat betrachten? Verkehrsverhältnisse sind nur zu sehr dem Wechsel unterworfen; der Tod kann die Einzelnen, Bessern hinraffen; welches Bild gewährt sodann die geistige Physiognomie dieser Gemeinden? Ganz andere, wesentlichere Bedingungen, aus unerschütterlichern Vasen ruhend, sind erforderlich, um den Eivilisationsgrad der Massen im Allgemeinen festzustellen! — Wie sich nemlich das Nationalleben im Großen, durch seine politischen Institutionen, und durch literarische Ergebnisse manifestirt, also spiegelt das Gemeindeleben im verkleinerten Maße sich in seinen Erziehungs¬ und Bildungsanstalten ab! — Diese Elemente geben den hohem oder niedern Grad, das höhere oder niedere Princip der Volksexistenz ab. — Betrachten wir nun aus diesem Gesichtspunkte den Zustand Israels, so ist leider seit Jahrtausenden seine äußere politische Existenz nur allzubekannt. Sein Leben gleicht dem untergeordneten Pflanzenleben, abhängig und bedingt vom weichem oder hartem Boden, in -em es wurzelt, der freiem oder beengenderen Luft, die es einathmet, dem wärmern oder kühlem Sonnenstrahle, der es durchglüht! — Freilich konnte keine irdische Macht den innern Faden zerreißen, der durch alle Drangsale und Leidensepochen seine vereinzelten, in alle Welttheile zerstreueten Glieder für alle Ewigkeit bindet! Der jüdische Wanderer von dm Eisfluthen des Kaukasus wird in der glühenden Zone des Atlasgebirges von seinen Glaubensgenossen mit brüderlichem Gruße empfangen! Der Jude an der Themse

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