Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 154 (25.12.1838)
- Date
- 1838-12-25
- Page
- Seite 621 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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621 in einem Lande, das wir nicht durch eigene Anschauung kennen, in einer Zeit, welche in Verhältnissen sich bewegte, die himmelweit von der unserigen verschieden sind, ihre Ausdrücke sind nicht solche, die uns gang und gäbe sind, ihre Gedanken liegen oft in der Tiefe, die das Auge nur nach langem Forschen durchblickt, ihr Inhalt ist so umfassend, daß alle Reiche des Wisiens, Natur und Geschichte, berührt sind und ausgebeutet werden muffen zu seinem Verstandniß. Selbst dem Gelehrten lieget Lies oft zu weit auseinander,' selbst dieser muß von fernen Seiten es sich zusammenholen: wie soll der, welcher aus der Regsamkeit des wirklichen Lebens auf Stunden höchstens an sie herantritt, wie soll dieser im Stande sein, sie recht zu fassen und aufzunehmen und auf sich wirksam zu machen? Das jüdische Alterthum hat bekanntlich für diesen Zweck viel gethan, die Bändezahl ist nicht zu berechnen, die es ihm gewidmet hat. Aber wie viele verstehen sie nicht mehr, wie viele haben im Drange des jetzigen Lebens keine Zeit für sie. Und dann, der Geist schreitet fort, das Wissen mehrt sich, die Summe des Strebens bringt eine immer größere Summe des Erfolgs; große Schatze sind in neuerer Zeit zum Verstandniß der Schrift aufgespeichert worden, die in das jüdische Leben noch nicht verarbeitet sind. Und dann, die Bedürfnisse haben sich auch geändert, vieles, was sonst als bekannt vorausgesetzt ward, liegt dem Gesichtskreise der Jetzigen ferner, vieles, was sonst gläubig angenommen wurde, muß jetzt dem Zweifel begründet werden, vor Allem aber ist die Zeit systematischer ge? worden, sie verlangt die Lehren klar und'nackt, in bestimmter Form, und der Anfang soll dem Ende anpassen — die Forderung der Zeit ist gerichtet auf genaues Wissen im Einzelnen und auf klares Erfassen im Allgemeinen. Der Herausgeber und die Verlagshandlung dieser Zeitung haben sich seit langer Zeit vereinigt, ein Bibelwerk für Israeliten erscheinen zu lassen, das den hebräischen Urtext in correktester Weise, die deutsche Uebersetzung, einen ausführlichen dogmatischen, exegetischen, historischen, geographischen und naturhistorischen Co m mentar in deutscher Sprache und die feinsten englischen Holzschnitte zur Veranschaulichung der antiquarischen, landschaftlichen und naturhistorischen Gegenstände, umfassen wird. Bei den großen Opfern, die wir zum Gedeihen dieses bedeutsamsten Unternehmens, das in der Neuzeit für Israeliten begonnen ward, zu bringen uns entschlossen haben, soll dieses Werk doch eben so für das Volk, wie für die höher Gebildeten und Gelehrten, geeignet sein. Der Preis wird so billig als möglich gestellt, um die Anschaffung auch dem Aermern leicht zu machen, wozu die Herausgabe in monatlichen Lieferungen das Ihrige beitragen wird. Der Name der Verlagshandlung bürgt dafür, daß das Unternehmen auf die solideste Weise vollendet wird, und schon liegen über 500 englische. Holzschnitte bereit, dem Werke einverleibt zu werden. Das Werk erscheint in 4., der Text und die Uebertragung in größerer, der Commentar in kleiner, möglichst Raum ersparender Schrift. In Letzterm wird die Blüthe der Tradition mit den Forschungen aller neueren Gelehrten sich vereinigen, weniger aber wird er den sprachlichen , als den dogmatischen und realen Schatz der Schrift zu heben suchen. Um dieses Werk mit dem ganzen Bewußtsein der jetzigen Zeit einzuleiten, werden einige folgende Artikel sich über die Grundsätze und den Geist dieser Bearbeitung austaffen und einige Beispiele geben. Literatrrr. Selma, die jüdische Seherin. Traumleben und Hellsehen einer durch animalischen Magnetismus wieder hergestellten Kranken. Von vr. (phii.) M. Wiener. Berlin, bei L. Fernbach jun. 1838. XViü. und 208 S. Zweite Kritik. lFortsetzung u. Schluß.) In dieser Beziehung ist diese „jüdische Seherin" von Wichtigkeit, denn sie beweiset, daß die m oralisch - religiöse Stimmung der Somnambulen nicht jedesmal dem christlichen Prinzip zugekehrt sei (Eschenmayer Mysterien S. 3t) und daß das Gebäude einer alleinseligmachenden Kirche, welches jene Mystiker zum Lheil auf den Offenbarungen der Somnambulen gründen wollten, doch an ihnen eine sehr wandelbare Grundlage habe Aber nicht nur für das Heilige, auch für das Schöne herrscht eine lebhaftere Empfänglichkeit im somnambulen Zustande, nur spricht sich auch hier die individuelle Bildung und der Einfluß der Umgebungen auö. Kerners Kranken haben Geschmack an geistlichen und mystischen Gedichten, Selma deklamirr Gedichte Schiller'-, Mahlmann's, Chamiffo's und — ihres Bruders (dessen poetische Erzeugnisse wirklich schön zu nennen sind). Unstreitig findet auch in dieser Beziehung ein Rapport zwischen der Somnambulen und ihren Umgebungen statt; so wie diese von dem außerordentlichen Zustande der geliebten Kranken, aufgeregt und gestimmt werden, eben so wirkt diese Aufregung auch wieder auf die Kranken zurück und so mischt sich selbst während der Krise manch fremder Einfluß in den Somnambulismus, besonders bei der Fähigkeit der Kranken in daö psychische Leben ihrer Umgebungen geistig zu dringen und jeden Gedanken von ihnen aufzulesen. Aus der ganzen Geschichte kann der mit diesem Zustand vertraute Arzt leicht ersehen, daß zwischen der Kranken und ibrem Bruder ein magnetischer Rapport vorhanden war, so z. B. hörte am 17. October der Krampf aus, als ihr W. die Hand auf die Stirn legte (S. 31) und wenn sie ihn genau betrachtete, so kam es ihr vor, als habe er einen bellen weißen Lichtstreif um den Kopf, alsdann verschwanden alle übrigen Gegenstände vnd sie sah nur ihn allein (S. 52). Di*. W. irrt daher, wenn er meink, daß es kein anderer Rapport als der deö verwandtschaftli-