Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 154 (25.12.1838)
- Date
- 1838-12-25
- Page
- Seite 622 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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chen Blutes und der innigsten Freundschaft gewesen wäre; gerade dies sind Momente, die oft zum magnetischen Rapport disponiren. Es thut dies indeß im mindensten Wundern des Magnetismus keinen Eintrag. Auf eine unerklärbare Weise (was ist unS aber in der Erklärung der menschlichen Natur deutlich, und können wir auch nur das gewöhnliche SLnnenleben erklären '/) tritt bei der Elairvoyance die Psyche aus ihrer gewöhnlichen Sphäre und von ihrem gewöhnlichen körperlichen Substrat, dem Gehirne, hervor und verbreitet sich über das übrige (sympathetische) Nervensystem, jeder Nerv wird Sinnesnerv und ohne organischen Apparat, ohne Auge, Ohr sicht er, hört er, es bildet sich somit eine ganz neue Sinnenwclt im Kranken, die durchdringender und universeller ist, das gewöhnliche Gemeingefühl wird zur Intelligenz gesteigert und bekommt eine vollere Ahndung von einer höher« geistigen Welt; das intellectuelle (Gehirn-) Leben wird zwar ganz abhängig von diesem Gefühlsleben, wie es im gesunden Zustande umgekehrt der Fall ist, cs steht aber immer noch mit ihm in Verbindung und influirt auf das geweckte und gesteigerte Gefühl. Man denke sich einen ganz gesunden Menschen, der auf einmal ohne seine Sinne in Tätigkeit zu setzen, Notiz von dem bekommt, was um ihn vorgeht, von seiner Kammer aus hört, was man meilenweit von ihm spricht, was auf entlegener Straße vorgeht, das Vermögen erhalt, in seinen Körper zu schauen, alles Facta, die gewiß dem Magnetismus nicht mehr abgeleugnet werden können — welchen Einfluß würde schon dies erhöhete Sinnenleben auf seine Intelligenz haben, würde diese wohl in ihrer Norm sich lange erhalten können und würde am Ende nicht auch die Phantasie ihm Truggestalten vorführen, welche die camera obscura seines bedrängten Gehirnes dem, was er durch seinen neu erweckten Sinn wahrnimmt, unterschiebet.,Nun. ist zwar bei den Kranken, welche Empfänglichkeit für daö magnetische Fluidum haben, der Kreis mehr abgeschloflen, Schlaf- und Traumleben bilden erst die natürlichen Uebergange zum clairvoyanten Zustande und führen ihn auch wieder zum Wachen zurück, in welches er keine Notiz hinübernimmt, aber dennoch welche Veränderung entsteht in seinem ganzen physischen Leben durch die Erweiterung, durch den Umtausch der SinneSsphare und muß nicht durch dieAusgleichung seiner erhöhten Kennmißnahme mit seinem bisherigen Wißen ein verschiedenes Resultat bei verschiedenen Kranken entstehen'! Dies nur für diejenigen, welche die Aussagen der Magnelisirten für unumstößliche Wahrheiten und Offenbarungen annehmen. Wohl kaffen sich aus diesem Zustande herrliche Resultate für die Psychologie erwarten, wol zeigt er durch die Unabhängigkeit, welche in ihm daS psychische Leben von den gewöhnlichen und materiellen Sinnen erhält, auf eine Fortdauer nach dem Tode hin, wol daß der wahre Werth unsers geistigen Lebens nicht in dem Lernen und Erlernten besiehe und daß die künftige Seligkeit sicherlich nicht nach dem Maßstabc der Intelligenz abgemessen werde, so daß der, welcher mehr Mathematik, Geographie, Philosophie, Sprachen und dergl. erlernt hat, seliger als wol sein unwissender Nebenmensch iwerde, daß die wahre Seligkeit nicht in der Confession und dem Begriffe von Gott sondern nur in der Vereinigung mir Gott, also im moralisch-religiösen Leben zu suchen sei, wol kann uns dieses wunderbare Phänomen rückwärts auf eine Zeit hindeuten, wo das Ebenbild Gottes im Menschen, noch reiner und ungetrübter, mit dem Ebenbild Gottes in der Natur in inniger und heiliger Verbindung stand und sich ihm Namr und Gottheit mehr durch erhöhtes Gefühl als jetzt durch die Philosophie des Verstandes offenbarte, aber der menschliche .Geist muß erst wisicnschaftlich forschend an jene Zustände herantreten, um zu Resultaten zu gelangen, die Offenbarungen der Mag n etisi rlen an sich enthalten noch keine objektiven Wahrheiten und sie zu O rakeln d er W eisheit zu machen, ist vergeblich und — sündlich. So glauben alle Kranken dieser Art das, was ihnen ihre freiere Psyche eingiebt, von einem außer ihnen sich befindenden Schutzgeift zu vernehmen, dem sie bald die Gestalt geliebter Verstorbenen leihen, bald phantastische Prädikate beilegen (bei Selma ist eS ein alter Bstamine, den die Geister Sy-mbolarium nennen!), eben weil das veränderte psychische Leben den Menschen selbst so überrascht, daß er sich gar nicht vorstelten kann, daß eS aus ihm selbst hervorgehe, und wie sehr die Clairvoyante hier getäuscht wird, geht schon daraus hervor, daß sie den Schutzgeist zu hören wähnt, wo sie selbst im veränderten Tone spricht. °) So stellen sich die im Kampfe zwischen altem und neuem Leben sich befindenden Kranken vieles als äußeres Symbol dar, die Krankheit als schwarzen Hund, oder im Momente der Krise als schwarzen Geist (ein sehr consranreS Phänomen), der mit dem Schutzgeist im Kampfe ist und nur durch Gebet, Amulete, Glauben, Willen vertrieben wird, so stellen sich frühere Vorgänge, von denen sie in diesem Zustande einer Ahnung fähig sein können, mit allen Persönlichkeiten dar, und sie glauben Geister zu sehen. Man erinnert sich der vielen Geister in der Seherin von Prevorst, und auch in diesem Buche werden Geistererscheinungen und Geisterspuk aufgeführt. Im Betreff dieses Geistersehens und Geisterspukes werden sich die Gläubigen schwerlich mit „Illusion" zurückweisen lassen, schwerlich damit, daß in einer Zeit, wo die Familie Winer durch die Ereignisse so sehr angegriyen war, nun noch der Dr. W. die „Seherin von Prevorst" in's Haus bringt, ein Buch, welches auf die Phantasie einen starken Eindruck macht, — wir stehen hier an den Grenzstein der Sinnenwelt und ob wir auch annehmen können, daß eine höhere Geisterwelt mit unS schon in diesem Leben in Verbindung steht, so wenig reichen die bisher von den Sehern angeführten Thatsachen hin, uns etwas Bestimmtes von diesem Verhalrniß annehmen zu lassen, und wir laufen Gefahr in ein Labyrinth zu geratden, in welchem Ariadne's hülfreicher Faden vergeblich gesucht werden dürfte. „Wir wollen unS gern bescheiden," sagt Fichte, „wenn die Thatsachen wahr sind." Will man aber wahrnehmbare Erscheinungen auS der Geisterwelt geltend machen, so kehrt man gerade hierdurch wieder zum Materiellen zurück. Von dieser.materiellen Welt scheinen denn auch diese Gespenster sehr modificirt zu werden, denn sie sind wahrlich sehr verschieden bei den Sehern, und benehmen sich oft alberner, als eö von Geistern zu erwarten wäre. Indessen sagt selbst der große Denker Kant: „Die Philosophie, deren Eigendünkel macht, daß sie sich selbst allen eiteln Fragen blos stellt, sieht sich oft bei dem Anlape gewisser Erzählungen in schlimmer Verlegenheit, wenn sie entweder an einigem in denselben ungestraft nicht zweifeln oder manches davon unausgelacht nicht glauben darf. Beide Beschwerlichkeiten finden sich in gewissem Maße bei den G ersteige schichten." Er untersteht sich nicht, gänzlich alle Wahrheit an den mancherlei Geistererzählungen abzuläugnen, doch mit dem gewöhnlichen, obgleich wunderlichen Vorbehalt, eine jede einzelne derselben in Zweifel zu ziehen, allen zusammengenommen aber einigen Glauben berzumeffen ••)♦ Mit Recht kann daher dieses Buch jedem Denker empfohlen werden, und ist dem Verf. für diese Mirtheilung aus seinem Familienleben nur Dank abzustatten. Möchte die schöne Prognose sich bewähren, die seinem Schicksal die hellsehende Schwester-gestellt hat. Oi. moll. Philippson, _ prakt. Arzt. *) S. 121; „Mein Beschützer sagt, daß ich nun gar nicht mehr magnetlfirt werden darf! ,,„Eö ist genug! Du bist gesund!"" „Diese mit Anführungszeichen versehene Stelle und eine später folgende, wurde von einer tiefen und wohltv'nenden Stimme, die zwar von der Kranken ausging, aber weil unter ihrer Skala — wenn ich mich so auödrückcn darf — lag, gesprochen. Sie war uns 'durchaus fremd und klang wie Glockentöne." Selma war aber noch nicht gesund und der Schutzgeist musste wieder kommen. •°) Kant vermischte Schriften 2. D. S. 311. Redacteur Dr. 8. Philippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. - Druck von I. B. Hirschfeld.