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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-12-22 · Heft 153 (22.12.1838) · p. Seite 617

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 153 (22.12.1838)
Date
1838-12-22
Page
Seite 617 (sequence 3)
Language
German
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617 er doch nicht in allen Angelegenheiten mit in einem und allem zusammenstimmenden Interesse seines ganzen Herzens seine Stimme abgeben könnte. Es gibt, man nenne es nun Gleichgültigkeit, Jndifferentrsmus oder wie man wolle, es gibt eine Stimmung, ein Hang, der sich jetzt stark und oft zu erkennen zu geben scheint, und darauf ausgeht, alle Religionen, wie es heißt, für gleich gut ansehen zu wollen. Der Redner braucht nicht vor dieser aufgeklärten Versammlung den verderblichen Einfluß einer solchen .Stimmung, eines solchen Hanges zu entwickeln und zu beweisen; aber eben so gewiß, wie er glaubt, daß Intoleranz weder dadurch geweckt noch genährt wird, daß er dem Mosaiten ein Bürgerrecht bestreitet, von welchem er doch auch, wenn er aufrichtig ist, gestehen muß, daß er es ihm, (dem Redner) nicht zugestehen könnte, eben so gewiß muß er sehr und ernsthaft befürchten, daß jene verderbliche Stimmung aus der Aufnahme der Juden Ln den Volksrath Nahrung ziehen würde, und daß manche Christen zweifelhaft werden würden, wie eine solche Aufnahme erklärt werden könnte. Er muß deshalb auch von dieser Seite gegen die Aufnahme stimmen, und wenn er nun zugleich darauf sieht, daß die Mosaiten doch von vielen und den wichtigsten Verhandlungen entfernt bleiben müßten, daß die Nothwendigkeit davon in Hinsicht auf gewisse Sachen zugestanden ist, und gewiß bei näherer Prüfung für noch mehrere eingeräumt werden muß; wenn er bedenkt, wie schwierig es werden würde, hier die Gränze zu ziehen und zu bestimmen, wo der Mosait bleiben könnte, und wo er Weggehen müßte, wie auch diese Bestimmung über Bleiben und Weggehen genommen werden sollte, wie sie zu erkennen gegeben werden sollte, u. s. w., so dünkt es ihn, daß die Aufnahme für den Mosaiten auch kein wünschenswerthes Gut sein könnte. Endlich kann er die Juden nicht für eigentliche Danen ansehen. Dane wird man nicht einzig und allein durch die Geburt auf dänischem Boden; das Volksthümliche entsteht auf andere Weise und durch Zusammenwirken vieler Ursachen. Der dänische Volksstamm ist durch eine lange Reihe von Jahrhunderten, unter mannichfachen Einwirkungen, unter volksthümlichen Einrichtungen, und endlich unter dem mächtigen Wirken des Ehristenthums zu dem entwickelt worden, was wir jetzt sind; eine historische Vorzeit, die unser ist, hat auf uns eingewirkt und wirkt noch auf uns in den Gefühlen, welche ihre Helden und ihre Ehre, ihre Kampfe und ihre Drangsale in uns erwecken. Alles dieses hat der Jude nicht, kann er mit uns nicht gemein haben, und er kann nicht unsere Gefühle dieser Art theilen; in höheren vaterländischen Angelegenheiten kann er also keine Stimme mit den Gefühlen abgebm wie wir, und der Tag kann kommen, daß der Körrig seines Volkes Rath verlangen kann, wo es Aufopferungen gilt, wozu nur der, welcher Dane ist und dänisch fühlt, im Stande sein kann, und wo also nur der eigentlich acht dänische Sinn im Rathe mit sein kann und soll. Man wird freilich sagen, dieses gilt auch von jedem Ausländer, der sich hier im Lande niedersetzt; der Redner antwortet aber: wenn auch der einwandernde christliche Ausländer selten Däne wird, so würden doch seine Kinder es werden, indem sie mit und unter den unsrigen aufwachsen, auf alle Weise wie wir gebildet werden, das Streben, die Aussichten und die Hoffnung unserer Jugend theilen, und sich weder von ihr noch von uns durch den innersten Glauben und Erwartungen des Herzens unterscheiden. Er kann deshalb nicht für die Aufnahme der Juden in den Volksrath seines des dänischen Volkes, stimmen. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. München, December. Eine Beschneidung in Athen. Da wir vor Kurzem ein Genrebild aus Negroponte über einen Festabend der griechischen Juden lasen: so ist es Ihnen wol nicht ungelegen, ein solches über die Beschneidung des ersten griechischen Israeliten von baierschen Eltern, vor sich zu haben, 'wäre es auch nur, eine bekannte Scene in fremder Staffage zu er- . Athen, 12. Dcc. 1837. Nachdem also unser neuer Weltbürger das Licht der Welt erblickte, schrieben wir durch die Post mittelst eines Recepiffes nach Negroponte, den Rabbinen von dort zur Beschneidung einzuladen, und selber kam auch zu unser aller Freude am achten Tage Morgens drei Uhr an. Die Operation wurde auf 11 Uhr Vormittags festgesetzt. Die schöne Sonne sandte vom griechisch blauen Himmel ihre milden Decemberstrahlen in daö Prunkzimmer des Otho, allwo eine mir gebackenem Confekt, Liquers und andern guten Dingen reich besetzte Lasel der Gäste harrte, und in welchem Zimmer auch die Beschneidung statt fand. Die Kindbetterin hingegen lag in ihrem Zimmer aufgeputzt, wie nochmal eine Kindbetterin. Es naht die eilfte Stunde, und folgende Gaste finden sich zum Feste ein. Der Leibarzt Dr. Wibmer, der Regimenröarzt vr. Liedermaier, mehrere bairische jüdische Familien, und mehrere türkische Juden aus Constantinopel und Lariffa, die sich bei der Operation eine Mitzwa daraus machten, dem MuHel zu assistiren. Es schlug eilf Uhr. „Baruch habba," riefen alle, und der Gevatter Leopold brachte das Kindchen, welches in schöne, weiße Kiffen gehüllt war, und um das ein großes, weißes Atlasband hing, woran viele neue goldene und silberne Münzen befestigt waren. Und der alte, ehrwürdige Rabbine Menascheh, mit großem weißem Barte stand da mit dem Becher Wein in der Hand, und sang die üblichen Gebete, und die ganze Gruppe war feierlich und schön anzusehen. Nach der schnell und glücklich vorübergegangenen Operation tauchte Menascheh seinen Finger in Wein, und gab solchen dem Säugling zum Schmucken, und das Knabchen sog mit Gier das Majim Chajim, daö ihm Kräfte des Lebens verleihen möge bis 109 Jahre. Leopold brachte nun der

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