Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 146 (6.12.1838)
- Date
- 1838-12-06
- Page
- Seite 588 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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888 Historische Mittheilungen über die Inden in Asien n n d Afrika in dem letzten Jahrzehend. (Eingesandt durch 0r. I. Fürst.) Wenn es überhaupt dem Weltbürger nicht gleichgültig sein kann, sich mit dem gegenwärtigen außereuropäischen Zustande eines Volkes bekannt zu machen, das, in alle Theile der Erde zerstreut, durch die mannigfaltigsten Schikkungen, vor Allem aber durch die stete Erhaltung seines Glaubens merkwürdig war und ist: so ist es gewiß für den Israeliten höchst interessant und sogar nothwendig, die verschiedenen Nachrichten, welche in dem letzten Jahrzehend über seine in anderen Welttheilen wohnenden Mitbcüder gesammelt wurden, Ln diesem Blatte vereinigt zu sehen, das dem Judenthum als unpartheiisches Organ gewidmet, keines der Gebrechen zu verschweigen im Sinne hat, woran etwa noch die jüdische Gemeinschaft leidet, sofern sie nur als Gebrechen betrachtet werden können. Aber nicht blos in patriorischerHinsicht, um sozusagen,, werden diese Nachrichten dem Israeliten willkommen sein; es wird sich auch im Verfolg dieser Darstellungen zeigen, daß die Civilisation der Völker immer Hand in Hand geht mit den intellektuellen Fortschritten der Juden, und daß diese wiederum es ist, die ihnen Achtung bei den gesitteten Nationen verschafft. Die Verbefferung ihrer materiellen Versaffung ist nie eher gesichert, bis die Völker, nach und nach von Vorurtheilen gereinigt, einsehen lernen, daß sie selbst durch milde Gesetze die Hand zu einer Verbrüderung reichen muffen, welche die ganze Verfassung des jüd. Glaubens nur empfiehlt, ihr keineswegs im Wege steht. Wenn wir zuerst Ln intellektueller Rücksicht einen Blick auf die außereuropäischen Israeliten richten, so finden wir die eben gemachte Bemerkung so gerechtfertigt, daß durchaus kein Zweifel mehr darüber schweben kann. Die europäischen Juden stehen im Allgemeinen auf einer Bildungsstufe, zu der die Vervollkommnung der Israeliten in andern Wetttheilen bei weitem nicht hinaufreicht. Freilich wird man anmerken, daß die Israeliten in Polen hinter ihren Glaubensgenossen anderer Lander, Deutschlands insbesondere, bedeutend zurückstehen. Aber eben jenes Zurückbleiben in der Intelligenz wird nur dadurch befördert, weil Vorurtheile den Blick der Regierungen umwölken, und sie mit Gesetzen und Einrichtungen zögern, die sonst überall zum Heil der christlichen wie der jüdischen Bevölkerung gewirkt haben. „Unter dem Schutz der Fürsten und Völker Deutschlands „die den Funken der Aufklärung, welcher im vorigen Jahr- „hundert plötzlich so schnell sich zeigte, klug zu bewahren „und anzufachen wußten, ward im Verein mit der politischen „Verbesserung der Israeliten auch ihre sittliche voll- „bracht. So faßten diese neuen Muth, so bereicherte sich „ihr Geist, verfeinerten sich ihre Sitten. In ihren Vechalt- „nissen unter sich gut und wohlwollend, gaben sie sich so: „gleich Mühe, es auch gegen Andersgläubige zu sein. So „lange sie von ehrlichen Gewerben ausgeschlossen waren, „durfte man den Gewinn, den ein schmutziger Handel ab- „warf, ihnen verargen? Befreit von dem Joch, welches sie „drückte, werden sie nicht ermangeln, sich der öffentlichen „Achtung fähig zu machen!" So prophezeiete die Quarterly Review im I. 1828. Und ist diese Weissagung nicht vollkommen in Erfüllung gegangen? Warlich, nur wo engherzige Gesetze und schädliche Vorurtheile so tief gewurzett sind, daß sie das Bessere zu erkennen nicht zulassen, z nur da geht die moralische Verbesserung — wenn wir die | Beziehung der Israeliten zu anderen Völkern so nennen > wollen — langsam von Statten. Wo ihnen freundlich die Hand zur Vereinigung und Bruderliebe gereicht wird, da wirkt ein solcher Entschluß wie ein elektrischer Schlag auf ihr wohlwollendes Gemüth und auf ihre Liebe zur Aufklärung. Ein Beispiel dieser Art mag selbst Rußland geben. Im I. 1824 erließ Kaiser Alexander einen Ukas, worin er allen Juden,den Schacher- und Hausirhanoe5, so wie die Branntweinbrennerei verbot, und mit Ausnahme der Aerzte und eigentlichen Kaufleute ihnen befahl, sich in die südlichen Provinzen des Reichs zu begeben, und sich daselbst ausschließlich dem Ackerbau zu widmen. Allein die Ausführung des Planes unterblieb. Die Maaßregel war zu übereilt getroffen worden, die guten Früchte mußten ausbteiben, da sie jene alten Verhältnisse der Juden in Rußland auf eine W<ise umstürzte, die weder ihnen noch ihren christlichen Mitbrüdern einen bleibenden Nutzen bringen konnte.' Alexander schlug daher im folgenden Jahr einen andern Weg ein: er setzte in Warschau eine Commission nieder, mit dem Auftrag, Maaßregeln zur Verbesserung der Lage der Juden zu treffen, unter deren Leitung ein israelitischer Ausschuß gestellt wurde, welcher mit Errichtung einer Musterschule für Rabbinen und Lehrer, welche auf Kosten des Staats erzogen werden sollten, seine Arbeiten begann. So bildeten sich auch dort Normalschulen. Diese und ähnliche Einrichtungen, die seitdem in Rußland vorgenommen worden sind, haben bereits Früchte zur Reife gebracht, die Niemand erwartete , der Polen und Rußland vor 20 Jahren besuchte und die israelitischen Zustände daselbst genau ins Auge faßte.