Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 144 (1.12.1838)
- Date
- 1838-12-01
- Page
- Seite 580 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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580 wörtlicher Übersetzung aufzunehmen, um so mehr, da ein löblicher Eifer des Referirenden ihn zu weit geführt, wie ich in einer Schtußbemerkung berühren werde. „Der Fortschritt der Aufklärung und der Civilisation unter, den Israeliten kann uns keines Weges gleichgültig sein. Mit wahren Vergnügen hörten wir daher mehrere Male die von dem Candidaten der Theologie Herrn Goldschmidt, im Gotteshause gehaltenen Vortrage, und bedauerten nur, daß der beschränkte Raum der, der gebildeten Klaffe nur bestimmten Synagoge, es nicht einer größern Anzahl der hiesigen Israeliten gestattete, an den Belehrungen Theil zu nehmen, die der Redner in gediegener Sprache auf eine eindringliche Weise an seine Zuhörer richtete! — Mit Hem Fortschritte der Zeit fingen auch die Israeliten allmalig an, die Bildung und die Sprachen der Länder anzunehmen, in denen sie wohnten, denjenigen Bestrebungen sich anzuschließen, die ihnen früher unmöglich schienen; allmälig erhoben aus der Mitte der erleuchteten Israeliten sich große Männer, Männer, deren Namen die Nachwelt in segenreichem Andenken bewahren wird. N ES giebt keine Kunst in der sich nicht ein Einziger wenigstens auszeichnete; keine Wissenschaft, in der nicht ein Einziger wenigstens hervorragte; wenn aber in den übrigen Therlen Europa'- große Männer sich erhoben; wenn dort die Erleuchtung unter den Israeliten Riesenschritte gemacht hat, so herrschte dort nicht wie in unserer Mitte eine so dichte Nacht, deren schwarze Flügel so viele Tausend Menschen in des Schlafes Banden hielt, und durch die kein Lichtstrahl dringen konnte, um daS vom Fanatismus verdunkelte Auge zu erleuchten; denn keine Sekte giebt es, deren Element, deren Losungswort es wäre: „Tod der Erleuchtung und der Civilisation!" Daher geschah es auch, daß kaum Herr.Goldschmidt einige Vortrage gehalten hatte, kaum war die Kunde davon zu den Ohren derer gelangt, welche vor dem Lichte sich entsetzen und diejenigen Haffen, welche solches anzünden, und bald gab sich ein Murren Kund; bald wollten die 'Fanatiker in den Lehren, vorgetragen in geläuterter Sprache, eine Verletzung der Religion erblicken. — Es giebt Worte, welche eine Zeitlang vergessen, begraben, unbenutzt, bedeutungslos und gleichsam verknöchert sind; und dennoch bedarf es nur eines Augenblickes, um diese geistige Pflanzen ins Leben zu rufen; dieser Augenblick aber mpß ein sehr günstiger, die Hand eine sehr geübte sein, um die zu deren Entwickelung geeigneten Säfte zu finden. Es ist eine unwiderlegliche Wahrheit, daß in einem gut angewandten und treffend benutzten Worte, eine gewisse mystische Kraft, eine gewisse Gewalt liegt, die jeden Zweifel überwindet, die unwillkürlich den Redner und Zuhörer überzeugt! — daß auch Herr G. dies wußte, beweisen seine am Neujahrsfeste und am Versöhnungstage gehaltenen Vortrage. Mit einer aus der Fülle innerer Ueberzeugung strömenden Beredsamkeit wußte er an diesen dreien so heiligen Tagen in eindring-' lichcn und ergreifenden Worten zur Frömmigkeit und zur Buße aufzumuntern, und indem er die Vorschriften der Religion auseinander setzte, mehrere in seinem Vortrage angezogne biblische und talmudische Stellen beleuchtete, die Mütter die ihnen besonders obliegende Pflicht der Erziehung ans Herz legte, und denselben ein erschütterndes Bild der Opfer einer vernachlässigten Erziehung vorhielt, endigte er damit, daß er einen jeden zur Erfüllung der heiligen Pflichten aufforderte, die ihm sein Stand und seine Stellung in der menschlichen Gesellschaft auflegt. — Unfern aufrichtigen Dank sagen wir Herrn G... für das erste Beispiel, das er hier in unstrm Lande gab, so wie denjenigen, die dessen Bestrebungen durch ihren Einfluß unterstützten. —- Mögen die Erleuchteten in ihren edeln Bestrebungen und in der Anwendung ihrer Kräfte zu solch erhabenem Ziele an den Neid und die Mißgunst vergessen, welche viele tausend nützliche Unternehmungen schon vernichteten; mögen sie diesen neuen Lichtstrahl sorgfältig pflegend, unterhaltend und verbreitend, sich von den Schwierigkeiten nicht abschrecken lassen, die ihnen entgegen stehen, und den Lohn dafür in ihrem innern Bewußtsein finden! —" Unser Berichterstatter hat sich aus einem allerdings sehr löblichen Eifer für die gute Sache zu einer Aeußerung hinreißen lassen, die wir der Wahrheit und unsere hiesigen Israeliten zur Ehre wiederlegen müssen. Denn von einem Murren über diese so zeitgemäße Einrichtung, ist um so weniger die Rede, als die Vorträge vielmehr selbst bei den größten Orthodoxen Anklang finden. Und wenn auch vielleicht beim ersten Vortrage einige flüchtige Bemerkungen hierüber gemacht wurden, so galten diese nicht der Sache, über deren Wichtigkeit nur eine Stimme herrschte; sondern die Neuheit der Erscheinung war es, die, wie natürlich, in Manchem die Besorgniß hervorbrachte, es könnte die Tendenz der Vortrage eine dem bestehendem Judenthume entgegenstrebend sein, eine Besorgniß, die aber bald beseitigt wurde, nachdem man sich zu überzeugen Gelegenheit hatte, daß diese Vortrage keinen andern Zweck haben, als den Lehren der Religion in ansprechender und dem Bildungsgrade der Zuhörer angemessene Form Eingang zu verschaffen, und — was von den Vorträgen unsers Redners besonders gilt — zwischen denen, die dem Alten huldigend, alles Neue, wenn auch noch so Zweckmäßige aus all zu großer rAengstlichkeit, oder vielleicht aus Bequemlichkeitsliebe verdammen, und denen, die in der Neuzeit gebildet, aus all zu großer Liebe zum Neuen, jedes Alte, noch so Würdige und Erhabene lächerlich finden und verwerfen, eine Versöhnung zu vermitteln. 8. G......S8. Theologie. Ritus der Synagoge von Avignon, beschrieben von Br. Zurrz, in Berlin. Zu den frühesten Wohnsitzen der Juden im westlichen Europa gehören Provence und Languedoc, von wo aus sie »ord- und ostwärts sich weiter verbreiteten. Bis die Wer« folgungen barbarischer Jahrhunderte hereinbrachen, und zum