Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1885)
- Date
- 1885-12-22
- Page
- Seite 843 (sequence 19)
- Language
- German
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843 vermittelnd immer zum Schaffen hinführte, das bildet seinen so wesentlichen Antheil an den mit gemeinsamer Kraft in den vergangenen 11 Jahren in's Leben gerufenen Gemeindewerken, das wird sein Andenken auch bei fernen Geschlechtern in hohen Ehren erhalten. Das ist der Mann, den wir verloren, das ist die tiefe Lücke, die der unerbittliche Tod so unerwartet, so plötzlich gerissen hat. Wo sollen wir Trost und Stütze suchen? Ich weiß nur einen. Und in seinem Sinne, an seinem Sarge, hier in dieser Versammlung der sämmtlichen Ehrenämter und Aemter der Gemeinde sei es ausgesprochen: Wir müssen den Trost suchen, wir müssen ihn finden in dem festen Willen, in dem festen Entschlüsse,! in seinem edlen, humanen Sinne, in seinem vermittelnden und versöhnenden Wirken unausgesetzt fortzuarbeiten für das, was sein ganzes Streben und Sinnen war, für das Wohl und Gedeihen der Reichshauptstadt Berlin. Und wenn der echte, rechte Bürger die erste feste Stütze für sein öffentliches Wirken findet in seinem eigenen Heim und seiner Familie — dann danke ich in diesem Augenblicke so voller Trauer und Wehmuth der tieftrauernden Familie, der Wittwe und den Kindern Namens der ganzen großen Gemeinde dafür, daß sie dem verstorbenen Freunde zum öffentlichen großartigen Wirken diese Stütze treu gewährt, und bitte sie ihrerseits Trost und Stärke zu finden in der tiefen Theilnahme und Trauer, die die ganze große Gemeinde der Reichshauptstadt bei dem unersetzlichen Verluste durchdringt und erfüllt." Nach abermaligem Chorgesang ergriff Stadtv. Geh. Rath Birchow das Wort zu folgender Ansprache: „Hochgeehrte Versammlung! Das Verhältniß, in welchem alle die, welche sich zn dem Dienste der Gemeinde verpflichtet haben, zu einander stehen, ist ein so eng gegliedertes, daß Lücken in denselben höchstens vorübergehend geduldet werden können. Auch der hervorragende Platz, auf welchen unser verstorbener Freund j gestellt war, hat schon wieder besetzt werden müssen, und der mächtige Strom der Geschäfte, welche die Verwaltung einer so großen Gemeinde täglich zu erledigen hat, drängt die Lebenden zu neuer Arbeit. Wird der todte Mann darüber vergessen werden? Gäbe nicht schon diese große Versammlung eine beredte Antwort auf diese Frage — die Geschichte unserer Stadt würde Zeugniß dafür ablegen, daß seine Erinnerung aus dem Gedächtniß weder der Lebenden, noch der Kommenden getilgt werden kann. Wenige Jahre, nachdem Berlin Reichshauptstadt geworden war, ist Straßmann durch das Vertrauen seiner Collegen an die Spitze der Vertretung der Bürgerschaft berufen worden und es ist nicht zum wenigsten sein Verdienst, daß in den zehn Jahren, während welcher er die Geschäfte geleitet hat, jene gewaltige Umgestaltung, die gegenwärtig die Beftiedigung, ja ich darf wohl sagen, den Stolz der Bewohner, die Bewunderung der Fremden erregt, sich in sicherer und ftiedlicher Weise, in voller Continuität der Ziele und mit weiser Sparsamkeit in den Mitteln vollzogen hat. Er hat es verstanden, die so nahe liegende Gefahr der Frictonen zwischen den städtischen Behörden zu vermeiden innerhalb der Stadtverordneten-Versammlung selbst die Freiheit und Würde der Verhandlungen zu wahren, wie von sich selbst den Verdacht abzuwehren, als leite ihn persönliches Interesse einer einzelnen Partei. Weder ihm, noch der Versammlung ist es erspart geblieben, herben Angriffen ausgesetzt zu werden. Er selbst wurde um seiner Religion willen angefeindet, die Versammlung ist während der Zeit seiner Vorsteherschaft einer schwereren Krise unterworfen worden, als jemals früher. Aber er hat seinen Platz siegreich behauptet und ist aus allen Anfeindungen hervorgegangen als ein intakter Mann, ja, er hat alle Bitterkeiten überwunden und in nur noch höherem Maße jede Anstrengung aufgewandt, um milde und gerecht zu sein gegen alle und das hohe Gut der Selbstverwaltung zu schützen vor jeglicher Verkümmerung. Wolfgang Straß - mann besaß eine ideale angelegte Natur. Aus den kleinsten und engsten Verhältnissen hervorgegangen, im täglichem Kampfe um seine Existenz, fast ohne äußere Hilfsmittel, bat I er seine jugendliche Entwicklung sofort den höchsten Zielen der Menschheit zugewandt. Die Jahre, wo sonst unsere akademische Jugend in geordneter Weise ihre Studien verfolgt, dehnten!fich für ihn zu einer ungewöhnlichen Länge. Sieben Jabre diente er um die Wissenschaft und auch da wurde er durch i ein ungünstiges Geschick hinausgeworfen in den Krieg, den ein deutscher Stamm um sein altes Recht zu führen hatte. Erst 13 Jahre, nachdem er die Universität bezogen hatte, konnte er sein Examen als Arzt machen. Er war 34 Jahre alt geworden, als es ihm gelang, eine feste bürgerliche Stellung zu gewinnen. Aber kein Mißerfolg, keine Entbehrung hatte ihn erschüttert. In wenigen Jahren erwarb er theils als praktischer Arzt, inmitten der ärmsten Bevölkerung, theils durch wissenschaftliche Arbeiten soviel Mittel, daß er nickt nur selbst leben, sondern auch seine Brüder zu geachteten Stellungen heranbilden konnte. Aber nicht genug damit, er begann alsbald die socialen Schäden, die er so genau kennen gelernt j hatte, zu ergründen und nach Kräften zu mildern. Kaum hatte j er selbst einen festen Halt gewonnen, da, im Jahr 1862, grünj bete er in seinem Bezirk eine Darlehnskaffe, aus welcher später j die Genoffenschastsbank des Stralauer Stadtviertels hervor-! ging bis zu seinem Tode, hat er mit peinlicher Genauigkeit j die Direction dieses großen Instituts, dessen Umsatz jährlich I viele Millionen umfaßt, geführt. Bor nunmehr 22 Jahren! erhielt er zum ersten Male ein Mandat zur Stadtverordnetenj Versammlung und hier war es wiederum die Armenverwal- >tung, der er seine Hauptthättgkeit zuwendete. 1869 schuf j er den Berliner Verein gegen Verarmung, als ein Hilss-! institut für die Armenverwaltung der Gemeinde. Nur, wer