Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1885)
- Date
- 1885-12-22
- Page
- Seite 839 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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839 Forschungen auf den Gebieten der Natur und Geschichte den Lehrsätzen des Judenthums nicht wiedersprechen, da die Bibel die primitiven Vorstellungen ihres eigenen Zeitalters zugleich mit dem Begriff der göttlichen Vorsehung und Gerechtigkeit wiederspiegelt, den sie in Berichte von Wundern kleidet. Drittens. Wir erkennen in der mosaischen Gesetzgebung ein Erziehungssystem des jüdischen Volkes zu seiner Mission während seines nationalen Lebens in Palästina, und heute nehmen wir nur die Moralgesetze als bindend an und halten nur solche Ceremonien aufrecht, welche unser Leben erheben und Heilgen, verwerfen aber solche, welche nicht zu den Ansichten und Gewohnheiten der modernen Civilisation paffen. Viertens. Wir behaupten, daß alle jene mosaischen und rabbinischen Speise- und Priesterreinigungs-Gesetze unter dem Einflüsse von Vorstellungen gegeben worden, die sowohl unseren gegenwärtigen gemüthlichen wie geistigen Ansichten fremd sind. Sie vermögen nicht, dem modernen Juden einen Begriff priesterlicher Heiligkeit einzuflößen; ihre Beobachtung kann in unseren Tagen die moderne geistige Erhebung eher zurückhalten als fördern. Fünftens. Wir erkennen in der modernen Aera der allgemeinen Herzens- und Geistesbildung das Nahen der Verwirklichung von Israels großer mesfianischer Hoffnung auf die Errichtung des Reiches der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Menschen. Wir halten uns selber nicht länger für eine Nation, sondern für eine religiöse Gemeinde und erwarten deshalb weder eine Rückkehr nach Palästina noch einen Opfercultus unter den Söhnen Aarons, noch die Wiedereinsetzung irgend welcher Gesetze, die den jüdischen Staat betreffen. Sechstens. Wir erkennen im Judenthum eine fortschreitende Religion, die immer strebt, im Einklang zu stehen mit den Postulaten der Vernunft. Wir sind von der dringenden Nothwendigkeit überzeugt, die geschichtliche Identität mit unserer großen Vergangenheit aufrecht zu erhalten. Da das Christenthum und der Islam Töchterreligionen des Judenthums find, so schätzen wir ihre providentielle Mission, die monotheistische und moralische Wahrheit zu verbreiten. Wir erkennen, daß der Geist der allgemeinen Menschenliebe unserer Zeit unser Verbündeter und die Erfüllung unserer Mission ist und reichen deshalb die Bruderhand allen denen, welche mit uns an der Herstellung der Herrschaft der Wahrheit in ihrem Bestände unter den Menschen arbeiten. Siebentens. Wir bekennen die Lehre des Judenthums, daß die Seele des Menschen unsterblich ist, indem wir diesen Glauben in der göttlichen Natur des menschlichen Geistes begründet finden, der für immer im Rechtthun den Segen und in der Sünde das Elend findet. Wir verwerfen Ideen, die nicht im Judenthum begründet sind, den Glai sowohl an die körperliche Auferstehung wie an Gehenna Eden (Hölle und Paravies), welche als ewig dauernde Strafe oder Belohnung den Menschen erwarten. Achtens. In voller Uebereinstimmung mit dem Geiste der mosaischen Gesetzgebung, welche danach strebt, die Beziehungen zwischen Reichen und Armen zu regeln, halten wir es für unsere Pflicht, an der großen Aufgabe der Jetztzeit theilzunehmen, auf der Basis von Gerechtigkeit und Rechtsgefühl die Probleme zu lösen, welche die Contraste und Uebel der jetzigen Organisation der Gesellschaft herbeiführen. Die Frage der Sonntagsfeier war ein lebhaft diskutirter Gegenstand bei den sogenannten Reformern, schließlich wurde folgende Resolution angenommen; daß nichts im Geiste des Judenthums oder in seinen Gesetzen vorliegt, was die Einführung des Sonntag-Gottesdienstes an Orten verhindere, wo die Nothwendigkeit eines solchen Gottesdienstes auftritt oder sich fühlbar macht. In der Einleitung zu der Resolution wird die Wichtigkeit, den historischen Sabbath auftecht zu erhalten als ein Band mit der Vergangenheit und als ein Symbol der Einigkeit im Judenthume über die ganze Welt anerkannt. Nachdem empfohlen wird, Gesellschaften zu bilden zur Verbreitung der reformirten jüdischen Lehrsätze unter den ärmeren Klassen, vertagt die Versammlung ihr Zusammenkommen auf den ersten Montag im Mai 1886 zu Cincinnati." Wir beabsichtigen heute nicht, eine Kritik dieser Resolution zu geben, die von ihren Urhebern für das „amerikanische Reformjudenthum" beschlossen worden ist, sondern fügen noch einige Bemerkungen hinzu. Sie erklären, nur die mono-! theistischen und Morallehren des Mosaismus anzuerkennen j und der Mission des jüdischen Volkes gemäß auftecht zu erhalten und sich überhaupt von der Vergangenheit des Juden-! thums nicht trennen zu wollen. Auch für die mesfianischen I Hoffnungen treten sie ein, so weit diese eine zukünftige Zeit! der Gerechtigkeit, der Menschenliebe und des allgemeinen . Friedens betreffen, während sie von einer Rückkehr nach Pa! lästina und einer Wiederherstellung des priesterlichen Opferkultus nichts wissen wollen. Dagegen sagen sie sich von den mosaischen und rabbinischen Speise- und priesterlichen! Reinigkeitsgesetzen los. Daß sie dies so totaliter in einer |3eit thun, wo sich bedeutende Capacitäten für mehrere! Momente jener Speisegesetze erklären, z. B. die Entfernung des Blutes durch das Schlachten, die sorgfältige Untersuchung über die gesunde Beschaffenheit des getödteten Thieres u. dergl., zeigt von einer gewissen Oberflächlichkeit. Sie kehren auch später zu den Sozialgesetzen des Mosaismus zurück, statt aber jene großen Prinzipien in diesem Gesetze hervorzuheben, welche erst durch den modernen Staat allmählig anerkannt und verwirklicht werden, und die z. B. in der Erklärung der ersten Synode zu Leipzig aufgeführt sind, betonen sie nur das Berhältniß „zwischen Reich und Arm." Wenn sie die mosaische