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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-22 · Heft 52 (22.12.1885) · p. Seite 835

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 52 (22.12.1885)
Date
1885-12-22
Page
Seite 835 (sequence 11)
Language
German
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835 schluß an die Notiz, daß der auf den 9. December angesetzte Termin zur Verhandlung der Klage gegen den Redakteur P. Leonhardy wegen Beleidigung des Herrn Hofpredigers Stöcker aufgehoben sei: „Wie bekannt, handelt es sich um einen uns von zuverlässiger Seite zugegangencn Brief aus Halberstadt, in welchem die Stellung Stöcker's gegenüber seiner Mutter besprochen war. Obwohl es für uns keine angenehme Arbeit war, in den internsten Familienangelegenheiten herumzustöbern, so gebot uns doch der Selbsterhaltungstrieb, in Halberstadt, Halle, Magdeburg unsere Ermittelungen in der rücksichtslosesten Weise vorzunehmen. Wir haben uns Mühe gegeben, Material zu sammeln und wir sind bei dieser Arbeit, was wir hier lobend anerkennen wollen, von den verschiedensten Seiten aufs Wärmste unterstützt worden. Das vorhandene Material wird nicht allein genügenden von uns verlangten Beweis der Wahrheit zu führen, nein, das Material tbird im Stande sein auch nach anderer Richtung hin auf Herrn Stöcker eine wohlthuende Wirkung zu üben." Witten, 28. Nov. (Privatmitth.) Bei der gestern stattgefundenen Einweihung der neuen Synagoge hat sich die Gesinnung der Bürgerschaft in recht nachdrücklicher Weise geltend gemacht. Bekanntlich hat die antisemitische Hetzerei hier einen Heerd gefunden und zwar durch die Bemühungen eines gewissen Dr. König. An der Einweihungsfeier bctheiligten sich nun Vertreter des Magistrats und das Stadt- - verordneten-Collegium, sowie eine große Anzahl christlicher Mitbürger, welche jener mit großer Theilnahme anwohnten und ihre Befriedigung mit derselben nach dem Schlüsse laut aussprachen. Die Haltung der ganzen Stadt bewies, daß alle jene Schürereien doch nur in einem sehr kleinen Theil der Bewohner unserer Stadt Wiederhall gefunden haben. Die Festrede des Rabbiners Dr. Jaulns aus Aachen war dazu angethan, diesen Eindruck zu erhöhen, da er ausführte, daß die Religion nicht ein Trennungs-, sondern ein Einigungs¬ und Bindemittel unter allen Menschen sein soll. Es entsprach dies wohl dem Zuge, der durch alle Synagogen der Gegenwart geht, nicht um die göttliche Strafe auf die ungerechten Verfolger und Hasser herabzurufcn, sondern die Vorsehung anzuflehen, den Frieden und die echte Frömmigkeit innerhalb der ganzen Menschheit wachsen und fördern zu lasten. Aus Kurhessen, 5. Dez. (Frankfurter Ztg.) Die Conservativen und Antisemiten, die sich so lange am Herzen lagen, liegen sich nun in den Haaren, ein Schauspiel, das nicht minder interessant ist. Das Kasseler „Reichs-Geldmonopol", ein Antisemitenblatt, giebt den conscrvativen kurhessischen Abgeordneten Lotz, Grimm und v. Gehren wie folgt den Laufpaß: „Wir sind es müde, uns von Herrn v. Gehren (dem konservativen Reichstagsabgeordneten in Homberg) sagen zu lassen: Der Jude sei ein gerade so guter Staatsbürger, wie der Christ. Wir wollen auch nicht länger des Herrn Justizraths Grimm geistreiches bau mot mitanhören, „man brauche keine Judenfrage anzunehmen." Wir haben den Conservativen hilfreiche Hand geleistet, so lange wir glaubten, sie, als Partei, trieben Antisemitismus. Seitdem wir obige, ganz unzweifelbare Beweise in Händen haben, giebt es für uns nur einen Weg — die Selbstständigkeitserklärung. Wir wollen dahin zurückkehren, wo die Autisemitensührer herkamen, zum Volke; wir wollen eine Volkspartei sein. Aus dem Volke kommt unser Heil. Weg mit den Gouvernementalen, dem Ordens¬ und Adelstitel erstrebenden Justizrathsthum! Unabhängige Bolksmänner müssen wir in die Parlamente schaffen, die der Regierung gegenüber offen und ehrlich des Volkes Wohl vertreten können. So nützen wir mehr, als wenn wir politischen Sportsmännern zu Parlamentssitzen verhelfen, die uns zuletzt noch obendrein mit Seitcnhieben danken." Der Redakteur des obengenannten antisemitischen Blattes fpekulirt übrigens auf das Kasseler Reichstagsmandat, das gegenwärtig Herr Lotz in Händen hat: er soll mit Bestimmtheit glauben, daß er im Falle seiner Aufstellung gewählt werde, eine Berechnung, die für die „Kasselauer" gerade nichts Schmeichelhaftes enthält. Dessau, 8. Dez. Der Herzog hat genehmigt, daß am Montag den 4. Jan. als dem Sterbetage Moses Mendelssohns im Hoftheater eine Säcularfeier abgehalten werden solle, bestehend aus einer Ouvertüre von Felix Mendelssohn, „Onkel Moses", Charakterbild von Hugo Müller, „Nathan der Weise" von Lesfing. Aus Württemberg, 4. Dez. (Privatmitth.) Ter Verein für Unterstützung von Waisen und Wittwen armer israelit. Lehrer und Vorsänger in Württemberg veröffentlicht in dieser Woche einen sehr befriedigenden Jahresbericht pro November 1884—1885. Der Verein hatte eine Einnahme von 2775) M., darunter 1516 M. außerordentliche Beiträge von Privaten und Gemeinden. Aus Gcmeindcmitteln wird der Verein unterstützt von den Gemeinden Buchard (30 M.), Cannstatt (25, M.), Göppingen (18 M.), Hall (30 M.), Stuttgart (60 M.) und Ulm (50 M.). Auch Ihre Majestätin die ftöiiigin Olga hat dem Vereine eine huldvolle Gabe von 45 M. gewidmet. An Unterstützungen wurden 760 Ai. vertheilt. Das Vermögen hat wieder um 1835 M. zugenommen und beträgt jetzt nach 24 jährigem Bestehen des Vereins 28 000 M. Der Verein zählt 48 ordentliche und; 34 außerordentliche Mitglieder. Gründer und seitheriger! Vorstand des Vereins ist Oberlehrer Licbmann a. T. in Stuttgart.

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