Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1885)
- Date
- 1885-12-22
- Page
- Seite 834 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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834 wehe, bei welcher man doch eine dauernde Wirkung einiger Schlagwörter Stöckers nicht voraussetzen sollte? Nach unsrer Meinung löst sich das Räthsel, wenn man erwägt, wie die Judenfeindlichkeit gerade in der sog. gebildeten Welt von Kindesbeinen an der Jugend eingepflanzt und in der Schule namentlich beim Religionsunterrichte groß gezogen wird. Hierzu kam nun das fanatisch angefachte deutsche Nationalgefühl, welches bei der vorhandenen feindseligen Gesinnung gegen die Juden, diese als ein fremdes Element auffaßte. Das Beispiel von Universitätslehrern hier und in Leipzig that nun das Seinige, um in einem nicht unbeträchtlichen Theile der studirenden Jugend einen förmlichen Judenhaß hervorzurufen. Würde erst die Anreizung seitens deutscher Professoren und Gelehrten nicht mehr stattfinden, so möchte sich wohl bald jene widerliche Bewegung auch unter den Studenten verlieren. Breslau, 9. Dez. Ueber die Aus Weisungen lesen wir in der „Bresl. Z.", einem Blatte, das über die Tragweite der von unseren Behörden angeordneten Maßregeln sich ein Urtheil erlauben darf: „Wenn bisher die Ansicht verbreitet wurde, daß die Tausende von Existenzen vernichtenden Ausweisungsmaßregeln in nati onalem Interesse ergriffen wurden; wenn diese Ansicht sowohl im preußischen Abgeordnctenhause durch den Minister von Puttkamer, als auch im deutschen Reichstage durch den Reichskanzler Fürsten Bismarck ausdrücklich genährt worden ist, so hat der jüngste Sonntagsleiter der „Schlesischen Zeitung" mit frappirender Offenherzigkeit dargelegt, daß den AusweisungSinaßregeln zum großen Theil confessionelle Motive zu Grunde liegen. Die entgegenstehenden, von hervorragender Stelle ausgegebenenBersicherungen werden durch jenen Artikel unumwunden desavouirt. Die „Schlesische Zeitung" weist in längerer Ausführung nach, daß sich die Ausweisungen als in erster Linie gegen das Judenthum gerichtete Maßregeln charakterisiren. Triumphirend constatirt sie in der bei ihr stereotyp gewordenen Wendung, daß das, was sie „schon vor Jahren" als nothwendig gefordert habe, nunmehr endlich von der Regierung in Scene gesetzt worden sei. Und sie ist über die gegen das Judenthum ergriffenen Gewaltmaßregelu so entzückt, daß sie verräth was bisher noch nirgends mit solch' offenbarer Schadenfreude, ja, was bisher überhaupt noch nicht verrathen war, nämlich daß schon vor einer Reihe von Wochen sich die Zahl der über die Grenze zurückgewiesenen ausländischen Juden „auf die respektable Ziffer von 5000" —sage fünftausend — belaufen habe. Fünftausend ausgcwiesene, zum Theil vernichtete, zum Theil in ein namenloses Elend gestürzte Menschen! Hat die „Schles. Ztg." eine Ahnung von dem Uebermaß von Herzeleid und Jammer, der in diesen dürren Worten constatirt wird? Doch nein, die „Schles. Ztg." nennt solche Bethätigung menschlichen Mitgefühls „ sentimentale Regungen". Wer möchte den Sonntags-Leitartikelschreiber der „Schles. Ztg.", der dergleichen vom satten Tische aus kalten Herzens in die Welt hineinschreibt, um diese Gesinnung beneiden?... Wir aber sind neugierig, was jetzt die Regierung antworten wird, wenn ihr wiederum entgegengehalten wird, daß die Ausweisungsmaßregel trotzdem, trotzdem und alledem,einen consessionellen Charakter haben? Wird jetzt, nachdem die Intentionen der Regierung mit solcher Offenheit von einem ihr so treu ergebenen Organ klar gelegt sind, noch irgend ein Vertreter dieser Regierung unternehmen können, die Behauptung, daß die Ausweisungen auf confessionelle Unduldsamkeit zurückzuführen seien, als eine „frivole Insinuation" zu bezeichnen? — Die antisemitisch-klerikale „Schles. Ztg." schlägt auf den Sack und meint den Esel. Sie freut sich über die Ausweisungen der Juden und will damit doch nur die Behauptung des Centrums unterstützen, daß die Ausweisungen ein confessionelles Motiv haben und die Katholiken treffen. Denn da die Ausweisungen bis jetzt, wie bekannt, ca. 35000 Personen betrafen, so bilden die Juden nach den Angaben der „Schles. Z." selbst den siebenten Theil, während Windthorst den Antheil der Katholiken in der Reichstagsdebatte auf 90% angab. Die „Schles. Z." hätte also immer noch mehr Veranlassung, über die unglücklichen Katholiken zu jammern, als über die 5000 Juden sich zu freuen. Stargard (Pommern), 7. Dez. (Privatmitth.) Es würde eine bunte Musterkarte abgeben, wenn man die Redacteure der antisemitisch-conservativen Blätter und Blättchen zusammenstellcn wollte. Es fänden sich Männer aus jedwedem Stande und von jeglicher Bildungsstufe bei einander. So erscheint auch hier eine „Pommersche Bolkszeitung", als deren Redacteur ein Schriftsetzer fungirt. In diesen Tagen wurde derselbe zu einer Geldstrafe von 100 Mark verurtheilt. Die Sache war zu weitläufig und an sich bedeutungslos, um hier darüber zu berichten. Es handelte sich um salsche anonyme Briefe und ein Packet mit Pulver, um Andere eines Attentats zu bezichtigen. Bekanntlich geht ein Wunsch und eine Forderung der Handwerker dahin, ein Befähigungszeugniß von dem zu verlangen, der ein Gewerbe betreiben will. Fürwahr, wenn diese Forderung an irgend einen Stand gestellt werden sollte, so wäre es an die Redacteure. Dortmund, 6. Dez. Der Cultusminister von Goßler hat gegen Illr. Bernhard Förster den Strafantrag gestellt, welchem von Seilen der Staatsanwaltschaft „im öffentlichen Interesse" Folge gegeben wurde, weil derselbe in einem in Dortmund im September d. I. gehaltenen Bortrage von der „jüdischen Herkunft" des Ministers sprach. Dem „Wests. Merk." zufolge gedenkt Herr Dr. B. F. nicht nur den Beweis für seine Behauptung anzutreten, sondern auch die Amtsführung des Ministers einer scharfen Kritik zu unterziehen, i Minden, 9. Dezbr. Die „Mind. Ztg." bemerkt in An.