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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-22 · Heft 52 (22.12.1885) · p. Seite 833

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 52 (22.12.1885)
Date
1885-12-22
Page
Seite 833 (sequence 9)
Language
German
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833 kennt man jetzt und Niemand hat danach mehr Verlangen; daher ist Herr Stöcker seit Jahr und Tag in beiden Parlamenten eigentlich ein sehr stiller Mann, parlamentarisch gearbeitet hat er nie, dazu fehlt es ihm an Kenntnissen, und nicht einmal in den Generaldebatten über sozialpolitische Vorlagen hat dieser Mann, der sich als Sozialreformer aufspielt, das Wort ergriffen. Er ist im Reichstag und Landtag entbehrlich, selbst nach der Auffassung feiner konservativen Freunde. Auch in der politischen Agitation ist seine Rolle so ziemlich ausgespielt, und Diejenigen, die ihn bisher, öffentlich oder heimlich, dabei begünstigt haben, werden vergeblich versuchen, sich seinen jetzigen Rückzug als Verdienst anzurechncn. Sie laffen ihn nur gehen, weil er seine Schuldigkeit vollständig gethan hat und ihnen anfängt, mehr unbequem als nützlich zu sein. Der Antisemitismus und die damit zusammenhängende reaktionäre Bewegung ist durch ihn aus Westfalen herbeiziehen, und hierzu ein tüchtiges Kapital herschießen. Dietz ist ein sehr regsamer antisemitischer Agitator. Ob aber der Friede zwischen ihm und Stöcker, gerade wenn Dietz sich in den Vordergrund schiebt, der Friede lange dauern werde, ist zweifelhaft. Berlin, 8. Dez. Die „Frkft. Ztg." schreibt: Herr Stöcker beabsichtigt, sich von der politischen Bühne zurückzuziehen. Allerdings nicht ganz, denn der Leitung der christlichsozialen Partei will er treu bleiben, und auch das ist eine politische Thätigkeit. Man muß annehmen, daß er nur die demagogische Agitation und die Judenhetze, soweit sie sich nicht im Rahmen der christlich-sozialen Partei betreiben läßt, aufgeben will, also denjenigen Theil seiner bisherigen Thätigkeit, durch den er als Hofprediger den meisten Anstoß erregt hat. Er wird demnach genau den Weisungen folgen, die ihm in der Norddeutschen wiederholt ertheilt worden sind und die er und seine Freunde Anfangs schroff zurückgewiesen haben.! eine Macht geworden, kräftig genug, um allein und in schein- Ein freiwilliger Verzicht ist es nicht. Herr Stöcker war ge-j bar anständigeren Formen bestehen zu können. Der Rückzug zwungen, eine Aenderung seiner bisherigen Gesammtthätigkeit des Herrn Hofpredigers ist deshalb praktisch ziemlich beeintreten zu laffen, wenn er nicht in der einen oder anderen deutungslos. Weise öffentlich Schiffbruch leiden wollte. So unbemerkt, Berlin, 8. Dez. (Privatmitth.) Schon vor den letzten wie seine Freunde es darzustellen sich bemühten, sind die ^Wahlen zeigte sich eine Spaltung innerhalb der Berliner Thatsachen, welche durch die berühmten Stöckerprozesse entconservativen Partei, da ein großer Theil derselben von den hüllt wurden, seitens seiner kirchlichen Vorgesetzten doch nicht Antisemiten nichts wissen wollte. Jndeß noch wenige Tage geblieben. Die Frage, ob eine Disziplinar-Untersuchung gegen vor der Wahl verständigte man sich über die Candidaten, ihn einzuleiten sei, ist offiziell angeregt worden und nur sehr namentlich Stöcker, weil man den Skandal fürchtete, zwei mächtigen Einflüssen hat er es zu danken, daß sie dies-! conservative Candidaten aufgestellt und mit einander rivalimal noch zu seinen Gunsten entschieden worden ist. Ein siren zu sehen. Jetzt, nach den Wahlen, kommt der Bruch zweites Mal darf er eine solche Entscheidung nicht mehr riskiren. abermals zum Vorschein und hat die Folge, daß, nach Er steht vor der Wahl: entweder seinem Amte als Hofprediger! Mittheilung der „Kreuzzeitung", der Wunsch, Stöcker aus der oder seiner agitatorischen Thätigkeit zu entsagen. Und wenn' Berliner Bewegung entfernt zu sehen, seiner Erfüllung nicht der Rath, den ihm die Norddeutsche vor Monaten gab, sich! fern ist. Stöcker will eine Probe machen, ob die confervative Bewegung in Berlin sich ohne ihn erhalten werde, und will sich deshalb auf seine christlich-sociale zurückziehcn und beschränken. Man kann sich aber wohl vorstellen, daß zu diesem Entschlüße bei Stöcker nicht die Rücksicht auf seine conservativen Gegner, sondern viel mehr die Absage gewirkt habe, welche ihm jetzt zum zweiten Male von der „Nordd. Allg. Ztg." geworden ist. Er sieht, daß sein Terrain hierdurch sehr beschränkt Word::: und ihm die mächtige Stütze fehle, auf die er (mit 'Recht oder Unrecht) stets gezählt. Nun, wir werden sehen, ob sich diese Drohung Stöckers, an die Conservativen gericl:t?t, verwirklichen werde? Es gcgeschieht in unseren Tagen so viel hinter den Coulissen, daß man nur erst vollendete Thatsachen zur richtigen Beurtheilung der Sachlage verwenden darf. — Daß bei der jüngsten Wahl des Studentenausschuffes, der übrigens völlig bedeutungslos ist, die antisemitisch gesinnten Studenten wieder gesiegt haben, hat die Frage ventiliren lassen, woher dieser reaktionäre Wind gerade bei der wiffenschastlichen Jugend 62 auf die christlich-soziale Partei zurückzuziehen, damals nur ein wahltaktisches Manöver war, so ist es neuerdings im Jntereffe Stöcker's ganz ehrlich gemeint. Seine unbedingten Anhänger hatten wohl gehofft, er werde seinem kirchlichen Amte entsagen und sich ganz der Agitation widmen; nach den Aeußerungen der „Kreuz-Ztg." aber scheint er sich zum Gegentheil entschloffen zu haben. Er bleibt Hofprediger und will nur seine Agitation einschränken. Wie wir ihn zu kennen glauben, leitet ihn dabei gewiß die Absicht auch in der scheinbaren Zurückgezogenheit und nach einer Anstandspause das alte Geschäft, vielleicht in etwas mäßigeren Formen, wieder fortzusetzen. Die Konservativen werden, bis auf den verhältnißmäßig kleinen Kreis seiner fanatischen Anhänger, seinen Rückzug nicht sehr bedauern. Im Reichstag und Landtag hat Stöcker ihnen nie etwas genutzt, er hat nur Anfangs denjenigen Fraktionsgenoffen, die doch zu vornehm sind, um in seine Versammlungen zu gehen, das Vergnügen bereitet, einige Borträge im Jargon dieser Versammlungen anzuhören. Das

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