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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-22 · Heft 52 (22.12.1885) · p. Seite 829

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 52 (22.12.1885)
Date
1885-12-22
Page
Seite 829 (sequence 5)
Language
German
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829 Systeme zur Grundlage gemacht worden. Der Abfall von Gott dagegen, das Heidenthum, der Wahn- und Aberglaube führt unmittelbar zur Lasterhaftigkeit, zu Sittenlosigkeit, zum Verderben des Volkes und der Einzelnen. Von hier aus ist das Charakteristische der prophetischen Moral, daß sie sich an die Gesammtheit, die Gesellschaft, den Staat, das Volk richtet und erst in zweiter Linie das Individuum in Betracht zieht. Ihr liegt vor Allem daran, daß die Gesellschaft, der Staat und das Volk wieder gesunden und von Gottescrkenntniß und Sittlichkeit durchdrungen und von Neuem ausgebaut werden. Auf diesem Boden sind die drei Grundzüge der prophetischen Moral: die unbedingte Gerechtigkeit und Rechtspflege, die Liebe mit ihrer werkthätigen Ausübung und der Frieden nach innen und außen. Die erstere zum Schutze jedes Schwächeren, namentlich der Wittwe, Waise, des Fremdlings und Armen, zur Vermeidung jedes Unrechts, jeder Bedrückung und Berückung, namentlich auch im Handel und Wandel. Die zweite als Pflicht gegen jeden Hülfsbedürftigen, nicht als Ausfluß der persönlichen Gesinnung, sondern als religiöse und sittliche Verpflichtung. Die dritte, der Frieden, als das Ziel der menschlichen Gesittung, als die Zukunft der gesammten Menschheit, als das allein religiöse und sittliche Verhältniß unter den Völkern und allen Individuen. So stellt sich uns die prophetische Moral als vom höchsten Geiste beseelt und für die höchsten Ziele strebend und wirkend dar. Sie läßt sich auf keine Sentimentalitäten ein, auf keine weichlichen Gemüthsstimmungcn und Uebertreibungen, die leicht zu Unrecht und Jrrthum überführen. Aber was sie fordert, ist jedem Menschen möglich auszuführen und befaßt nicht allein das Heil des Individuums, sondern das der ganzen Gesellschaft, des Literarischer Wochenbericht. Bonn, 25. Nov. Herr Di-. Aug. W ünsche in Dres den setzt seine verdienstvollen Uebersetzungsarbeitcn auf dem Gebiete der Midraschliteratnr unermüdlich fort und verdient unsere Anerkennung um so mehr, als er anfänglich mit der Möglichkeit zu kämpfen hatte, seine Uebertragungen auch veröffentlicht zu sehen. Als Lohn dafür scheinen sich diese Berhältniffe verbeffert zu haben, denn dieselbe.Verlagsbuchhandlunz, Otto Schulze in Leipzig, welche seine Uebersetzung des Midrasch Rabba herausgab, hat jetzt die Veröffentlichung eines neuen Werkes übernommen: „Der babylonische Talmud in seinen haggadischen Bestandtheilen. Wortgetreu übersetzt und durch Noten erläutert von Lic. Dr. Aug. Wünsche. Erster Halbband." Dieser Band (552 S ) enthält die haggadischen Auszüge aus dem Seder Seraim und dem Seder Moed. Uns ist selbstverständlich jede Arbeit willkoinmen, welche dem allgemeinen Publikum das talmudische und midraschische Schriftthum zugänglich macht, wenn dasselbe auch ohne tiefer gehende Erläuterungen theilweise nur noch verworrenere Ansichten über den Werth und den Gedankengang erhalten kann. Herr Dr. Wünsche giebt zu in seiner Einleitung, daß man über die Auswahl der Stellen, die er getroffen, verschieden urtheilen könne: der Eine werde zu viel, der Andere zu wenig finden. Allerdings ist der Begriff dcr Halacha bestimmt abgegrenzt: es gehört zu ihr Alles, was unmittelbar das Gesetz betrifft, was strikte Auslegung des Gesetzes ist. Allein eine solche Auslegung trat öfters bei einer Gelegenheit ein, welche nun erzählt wird. Gehört dies nun zurHalacha oder zurHaggada? Wir glauben, zur ersteren, und der Bericht gehört in die Geschichte der Halacha, nicht aber in die Haggada. Dieser Ansicht war der Verfaffer nicht, und er zieht auch solche Stellen heran, wo die Erzählung, die sich um die Halacha als Kern schließt und von keiner Wichtigkeit ist, doch in seine Sammlung. Wir machen ihm dies durchaus nicht zum Vorwurf, denn wir sagen: je mehr, desto bester. Bei aller Würdigung dieser neuen Arbeit und bei dem lebhaften Wunsche, sie recht bald fortgeführt und vollendet zu sehen, können wir uns jedoch einiger kleinen Bemerkungen nicht enthalten. Bei dem Beginn seiner Einleitung zählt Dr. W. die gegen den Talmud gerichteten und im Publikum absichtlich verbreiteten schmählichen und verurthcilenden Ansichten auf. Wir erwarteten deshalb eine, wenn auch kurze, sachgemäße Zurückweisung und Widerlegung derselben. Herr Dr. W. läßt sich aber darauf nicht ein, sondern sagt nur sehr zweideutig: „Daß aber diese Ansichten über das Ziel hinausschießen und den wahren Sachverhalt verkennen, ist ganzen Menschengeschlechts, i für diejenigen, welche den Talmud wirklich in der Ursprache! lesen können, eine längst ausgemachte Thatsachc, wenn sie jauch nicht allen vorgetragenen Thatsachen, Meinungen und Aussprüchen ihre Zustimmung ertheilen." Dies ist eine sehr schwache Abwehr der von ihm in ihrer ganzen kraffen Weise aufgeführten falschen Urtheile. „UeberdasZicl hinausschicßen", klingt mehr wie ein Zugeständniß als wie eine Zurückweisung, und wer hätte wohl je angenommen, daß jeder Leser oder Uebersetzer Allem zustimmen sollte, was in Talmud und Midrasch vorgetragcn ist? Wir gestehen, daß uns diese Auslastung des Vers, recht frappirt hat. Herr Dr. W. giebt nun in der Einleitung eine Entwickelungsgeschichte des Talmud, die völlig sachgemäß ist. Aber wir vermiffen in derselben hinsichtlich der Halacha jede tiefer gehende Charakterisirung des Systems und Prinzips. Daß wir in derselben einen großen Rechtscodex, analog dem des römischen Rechts, zu gleicher Zeit und in ähnlichem Entwickelungsvcrlaufe entstanden, besitzen, ein Rechtssystem, das zwar in manchen Thcilen dem römischen Rechte nachsteht, in anderen Partien dagegen diesem weit überlegen ist; daß die Halacha nun die

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