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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-22 · Heft 52 (22.12.1885) · p. Seite 828

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 52 (22.12.1885)
Date
1885-12-22
Page
Seite 828 (sequence 4)
Language
German
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Maß und Gewicht verhaßt (8, 5). So erhebt der Vertreter! des Volkes, der leidenden, unterdrückten Masse unerschrocken, > von allen Drohungen unentwegt, seine Stimme im Namen des Rechts und der Wahrheit gegen die gewiffenlosen Gewalt-! Haber, gegen die Bedrücker des Volkes. — Die Anschauung. Michah's prägt sich am meisten in dem berühmten Spruche' aus (6, 8): „Verkündet hat er dir, o Mensch, was gut und j was der Ewige von dir fordert: nur Recht zu üben und > Huld zu lieben und demüthig zu wandeln mit deinem Gott." Bon da aus verurtheilt er alles Unrecht, indem er von den Häuptern Jerusalems sagt, sie „richten um Geschenk und ihre Priester lehren um Lohn und ihre Propheten weissagen um Geld; und doch stützen sie sich auf den Ewigen, sprechend: ist nicht der Ewige unter uns?" (3,11.) Bor allem geißelt er die Habgier und Gewinnsucht, der jedes Mittel recht ist. Er ruft aus (2, 1): „Wehe denen, die Unthat sinnen und Böses bereiten auf ihren Lagern: beim ersten Frühlicht vollführen sie es, sofern in ihrer Hand es steht. Sie gelüsten nach Feldern und rauben sie, nach Häusern und nehmen sie weg; sie berücken den Mann um sein Haus und den Besitzer um sein Eigenthum." Wenn man die sittlichen Gedanken und Empfindungen Micha's aus den Gegensätzen heraus erkennen will, so achte man auf den Schluß seiner Reden, in welchem er nochmals seiner ganzen Entrüstung Worte leiht. „Sind noch im Hause des Frevlers," ruft er aus (6, 10), „frevelhafte Schätze und mageres verfluchtes Ephah (Maß und Gewicht)? Bin ich rein bei frevelhafter Wage und bei trügerischem Gewicht? Da ihre Reichen voll Gewaltthat sind und ihre Bewohner Lüge reden und ihre Zunge in ihrem Munde Trug ist: so habe ich dich wund geschlagen, um deine Sünden dich verwüstend." Und (7, 2): „Es schwand der Fromme aus dem Land, ein Redlicher unter den Menschen ist nicht mehr da, Alle lauern auf Blut, Einer stellet dem Andern Netze. Um der Hände Böses gut zu heißen, fordert der Fürst Lohn, richtet der Richter für Bezahlung und spricht der Große seiner Seele Gier aus. Ihr Bester ist wie Dornstrauch, der Redlichste schlimmer als Dornhecke. Glaubet dem Freunde nicht, traut dem Genosien nicht, vor der, die an deinem Busen ruht, verschließe deines Mundes Oeffnung'. Tenn der Sohn beschimpft den Vater, die Tochter steht gen ihre Mutter auf, die Schnur gen ihre Schwieger' seines Hauses Leute sind des Mannes Feinde. Ich aber will schauen auf den Ewigen, des Gottes meiner Hülfe harren, mein Gott wird mich erhören." Und zum Schluffe (B. 17): „Sie zittern daher aus ihren Schlöffern, kommen bebend zum Ewigen unserem Gotte und fürchten sich vor dir. Wer ist ein Gott wie du? Sünde vergebend, Abfall übersehend, nicht auf immer regt er seinen Zorn und an Gnade hat er Wohlgefallen. Er wird sich unsrer erbarmen, unsre Schuld auslöschen, in die Tiefen des Meeres all' unsre Sünden versenken." So sichert der Prophet uns zu, daß über jedwede Sünde die Barmherzigkeit Gottes hinausreicht und seine ewig erlösende Kraft. — In ganz gleichem Sinne spricht Habakkuk 2, 2 und Zephanja 2, 3 ruft uns zu: „Suchet den Ewigen all ihr Demüthigen des Landes, die ihr sein Recht geübt; suchet Gerechtigkeit, suchet Demuth, vielleicht daß ihr geborgen werdet am Zorntage des Ewigen." Aber (3, 1) sie sind widerspenstig und so hat der Prophet die Fürsten, die Richter, die Propheten und Priester zu geißeln wegen ihrer Gewaltthaten. — Die nachexilischen Verhältnisse, nach außen so beschränkt, gestalteten sich nach innen ungleich besser. Nicht auf die Gesammtheit haben die Propheten ihr Mahnwort zu richten, sondern auf Ilebclthaten, die bei den Einzelnen häufiger Vorkommen, als cs zu dulden. So ruft Secharja 4, 6 das große Wort aus: „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Ewige der Heerschaaren!" Dann bedroht er (5, 3) jeden Dieb und falsch Schwörenden und ruft dem Volke zu (8, 16): „Dies sind die Dinge, die ihr thun sollet: redet Wahrheit, Einer mit dem Anderen; nach Wahrheit und Gericht des Friedens richtet in euren Thoren; und sinnet Keiner das Unheil des Andern in Eurem Herzen und falschen Schwur liebet nicht, denn alles dies hasse ich, spricht der Ewige." Und (7, 9): „Wahrhaftiges Gericht richtet und Liebe und Barmherzigkeit übet Einer gegen den Anderen; und Wittwe und Waise, Fremdling und Dürftigen bedrücket nicht und Böses sinnet nicht in euren Herzen Einer wider den Anderen." — Bon Maleachi endlich brauchen wir kaum an das bekannte Wort zu erinnern (2, 10): „Haben wir nicht Alle Einen Vater? Hat uns nicht Ein Gott geschaffen? Warum sind wir treulos Einer wider den Anderen?" Im Besonderen eifert dieser Prophet gegen die Ehescheidung und für die Treue gegen „das Weib deiner Jugend" (2, 14) sowie gegen jede Art von Unredlichkeit. So haben wir die Wanderung durch die Moral des Prophetismus, so weit wir diesen in selbständigen Schriften besitzen, beendet. Derselbe befaßt den Zeitraum vom Ende des 8. bis zu dem des 5. Jahrhunderts; er sah den Sturz des Zehn-Stämmcreichcs und des Reiches Juda, die Zerstörung Samariens und Jerusalems, das Exil in Babel, die Rückkehr nach Palästina und den Wiederaufbau des Tempels. Aber trotz der Verschiedenheit dieser Zeiten und der in ihnen waltenden Verhältnisse und trotz der Verschiedenheit des j Geistes in den einzelnen Propheten, verfolgen diese in ethischer! Beziehung gleiche Grundrichtungen und theilen dieselben An-; schauungen. Bor Allem ist ihnen sämmtlich die Gotteser-! kenntniß die wahre Quelle aller Sittlichkeit; mit der reinen . und wahrhaften Gotteserkenutniß ist Frömmigkeit und Tugend! unmittelbar verbunden — eine Anschauung, die im Juden- >thum herrschend blieb und auch von Maimonides seinem

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