Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1885)
- Date
- 1885-12-22
- Page
- Seite 827 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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827 Die Moral in Len zwölf kleinen Propheten.*) | Um die Darstellung der Moral, wie sie von den Proj pheten, von welchen uns Schriften überliefert sind, ausgesprachen worden, abzuschließen, haben wir uns noch diesbezüglich in den zwölf kleinen Propheten umzusehen. Sie bilden bekanntlich drei Gruppen, von denen die eine sich um j Jesajas gruppirt, nämlich Joel, Amos, Hosea, Micha, Nahuin, die andere um Jeremias, nämlich Zephanja, Obadja, Secharja l. Habakkuk, endlich nach dem Exil bei dem Bau des zweiten Tempels Haggai, Secharja II und Malcachi. Hieraus gehen die verschiedenen äußeren Verhältnisse hervor, unter welchem sie austraten, und wie sie mit mehr oder weniger Entschiedenheit, mit mehr oder weniger Geist den Kampf gegen die herrschenden Meinungen und Unsittlichkeiten führten. Betrachten wir sie hier nach der im Kanon angenommenen Reihenfolge. — Hosea spricht mit großer Innigkeit die Lehre aus, daß nur in der Gotteserkenntniß die Quelle der Sittlichkeit und des Heiles zu finden sei, daß alle geistige Erleuchtung und Reinheit aus der Gotteserkenntniß fließe. Sv ruft er (6, 3) den Israeliten zu: „Laßt uns erkennen, uns mühen zu erkennen den Ewigen; licht wie das Morgenroth gehet sein Begriff auf und kommt uns wie Regen, wie Spätregen die Erde bewässert!" Ihm sind Gerechtigkeit, Liebe und Thätigkeit die Grundlagen der Sittlichkeit. So ruft er aus (10, 12): „Säet nach Gerechtigkeit, erntet der Liebe gemäß und beackert euch Neuäcker: dann ist es Zeit den Ewigen zu suchen, daß er komme und Gnade Euch herniederträufle." Aber Israel hat das Gegcntheil gethan, es hat „Frevel gepflügt, Bosheit geerntet, Frucht der Lüge verzehrt." Darum ist es seine tiefempfundene Klage (4, 1): „Keine Wahrheit ist, keine Liebe, keine Gotteserkenntniß im Lande. Meineid und Trug und Mord und Diebstahl und Ehebruch wuchsen und Blutschuld reichet an Blutschuld. Darob trauert die Erde, hinschmachten all' ihre Bewohner, selbst das Gewild des Feldes, das Geflügel des Himmels, die Fische des Meeres vergehen." Als Wurzel dieser Entartung sieht er die Trunksucht, die Buhlerei und den Götzendienst an (4, 11). Diese verhindern jede reuige Umkehr zu Gott (5, 4), denn (7, 4) die Gluth der bösen Lust und die Gluth des Weines zieht aus dem Herzen mit aller Kraft die Laster hervor. Darum ruft der Prophet am Schlüsse seiner Reden dem Volke zu (14, 2): „Kehr' um, Israel, zum Ewigen deinem Gotte hin, denn du stürzest durch deine Schuld. Nehmet Worte mit euch, und kehret zum Ewigen'. Sprechet zu ihm: Vergieb alle Schuld und nimm cs gut an, daß wir die Farren der Schuld mit unseren Lippen entrichten." Denn dann wird Gott verzeihen und Gnade üben, er wird „wie Thau für Israel sein, es blühe wie die Lilie, es schlage Wurzeln wie der Libanon." *) 1877, S. 789. 1878. S. 81. 177. 191. 273. 309. 331. 353. 515. 530. 546. 1885, S. 712. — Es war eine Zeit der Bedrängniß, als Joel zu reden begann, und Fasten und Trauer waren ausgeschrieben: aber der Prophet rufet dem Volke zu (2, 13): „Zerreißt euer Herz und nicht euer Kleid und kehrt zum Ewigen eurem Gotte zurück: denn gnädig und barmherzig ist er, langmüthig und von großer Huld, ihn reut des Unheils." — Der Hirt Amos, der unerschrockene Mahner, der dem Treuen der Fürsten und des Volkes entgegen feine Strafreden im Zehn- Stämmereich fortsetzte, ruft jenen zu (2, 6): „Also spricht der Ewige: um drei Vergehungen Israels und um vier nehme ich es nicht zurück, darum daß sie um Geld den Gerechten verkauften und den Dürftigen um ein Paar Sohlen; die nach Staub der Erde auf dem Haupt der Armen gieren und den Weg der Bedrängten beugen; der scheußlichen Buhlerei fröhnen; auf verpfändeten Gewändern strecken sie sich nieder und den Wein der Gebüßten trinken sie." Tief entrüstet schauet er (3. 9) „die großen Wirren in der Mitte Schomrons, die Bedrückungen in seinem Schoße; sie wissen nicht Recht zu üben, die in ihren Palästen Raub und Gewaltthat häufen." Nicht minder (5, 11): „Sie hassen den Mahner im Thore, den, der Recht redet, verabscheuen sie; darum weil ihr den Armen zertretet und Kornabgaben von ihm erpresset: habt ihr Häuser aus Quadren erbaut, sollt ihr sie nicht bewohnen, anmuthige Weinberge gepflanzt, sollt ihr davon Wein nicht trinken. Denn ich kenne eure vielen Vergehungen und eure gewaltigen Sünden, die ihr den Gerechten befeindet, Lösegeld nehmet und die Dürftigen im Thore beuget. Darum schweigt der Verständige in dieser Zeit, denn eine böse Zeit ist dies. Suchet das Gute und nicht das Böse, auf daß ihr lebet, dann wird der Ewige, der Hecrschaaren Gott, mit euch sein. Hasset das Böse und liebet das Gute, fest stellet das Recht im Thore; vielleicht begnadigt der Ewige, der Hecrschaaren Gott, den lleberrest Josephs." Auch er, wie Jesaias, spricht (5, 21): „Ich hasse, verschmähe eure Feste und mag nicht Wohlgcruch annehmen in euren Festversammlungcn; so ihr mir Ganzopfer bringet und eure Speisopfer, habe ich kein Wohlgefallen; schaffe hinweg von mir deiner Lieder Geplärre, deiner Harfen Gespicl vernahm ich nicht: sondern wie Gewässer ströme das Recht einher und Gerechtigkeit wie ein immer fließender Bach." Energisch geißelt er die Großen und Reichen, die in lleppiakeit schwelgen (6, 3): „Tie fern wähnen den Tag des Unheils und näher bringen das Thronen der Gewalt; die liegen aus elfenbeinernen Lagern, hingestrcckt auf ihren Betten; die verzehren Lämmer von der Heerde und Kälber aus der Mästung: die schnarren zum Klange der Harfe, Saitenspiel sich ersinnen; die zechen aus Weinpokalen, mit köstlichen Oelen sich salben, aber um das Unglück Josephs nimmer sich kümmern. Ja diese sollen nunmehr in die Gefangenschaft ziehen, an der Spitze der Gefangenen und aufhören soll der Jubel der Hingelagerten." Insbesondere ist ihm auch jedes ungerechte, 52*