Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1885)
- Date
- 1885-12-15
- Page
- Seite 822 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227607--43153-3311775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
822 Jahren Lehrer und Cantor in einer Gemeinde von etwa 30 Familien. Ungefähr ebenso groß ist die Zahl der Kinder, die ich in den Elementen und der Religion zu unterrichten habe. Glücklicherweise Weise bin ich von dem Schächteramt befreit, muß dagegen an den Festtagen eine Predigt halten, die ich mir aus einigen Predigtsammlungen ausschreibe und nach dem Standpunkt meiner Zuhörer herrichte. Denn ich halte es für bester, das Wort von Meistern zu wiederholen, als sebstgefertigtes Geschwätz zu recitiren. Meine Einnahmen sind karg genug, und bei einer zahlreichen Familie setzt sich oft die Sorge für den kommenden Tag mit an den Tisch. Aber man ist ja von Jugend her an Entbehrungen gewöhnt, und ein gewister heiterer Sinn und das Bewußtsein treuer Pflichterfüllung hilft über alle Schwierigkeiten hinweg. Ja. trotz alledem halte ich den Spruch unser Weisen für richtig: je mehr Kinder, desto mehr Segen. Was ich oft tief empfinde. ist die Abhängigkeit des Cultusbeamten von der Gemeinde, die Schmiegsamkeit, die er beobachten muß, um bei den Mitgliedern der Gemeinde nicht anzustoßen und feindselige Gesinnung zu erwecken. Denn solange ich auch schon hier fungire, so läßt sich die Gemeinde doch nicht heran, über eine je zweijährige Anstellung hinauszugehen. Doch dies macht nicht den Gegenstand meines Schreibens aus. Ich bin Vater von fünf Knaben, der älteste kaum 18, die anderen mit ungefähr zwei Jahren Unterschied. Ich bin ein glücklicher Barer, denn meine Söhne sind allesammt kräftig, wohlgebilvet und von gutem Geiste beseelt. Nun, mein ältester Sohn, Primus in der Prima, will Ostern zu der Universität abgehen und Medizin studiren. Sie werden sagen: Ja, warum studiren? Warum ein Fach, dessen Studium lange Zeit und viele Kosten verursacht? Doch Sie sind selbst ein Mann von Geist und kennen die Antriebe, die dieser in den Menschen mit einer gewissen Unabweislichkeit legt. Mein Alex that sich in allen Klassen so hervor, daß ich ihm im Aufsteigen keinen Halt zurufen konnte. Daß ich die Schwierig Ein tief beschwertes Baterherz wendet sich an Sie — und so würde jedes weitere Wort ein Mangel an Vertrauen zu Ihrer Güte und Menschenfreundlichkeit bedeuten. Bescheiden Sie mich gütigst u. s. w." Diesem Briefe war eine Abschrift der Antwort beigefügt, die also lautete: „Mein lieber Jugendgenosse! Dein Schreiben hat mich in die frohen Jahre unserer Knabenzeit versetzt und sofort für Dich Gefühle der Anhänglichkeit und Freundschaft in meinem Herzen geweckt, die mir Dein Anliegen zu einem Gegenstände ernster Pflicht gemacht. Ich habe nicht wenige solcher mittellosen Jünglinge die hiesige Universität besuchen, mit Entbehrungen und Schwierigkeiten ringen und doch zu einem gedeihlichem Ziele nach und nach gelangen sehen. Bei allem Bedenken, das eine solche Lage für die strebsamen jungen Leute hervorruft, hat mich doch die Erfahrung gelehrt, daß sie nicht unüberwindlich ist. Dies ist der Gesichtspunkt, aus welchem ich die Absicht Deines ältesten Sohnes betrachte. Nun kann ich Dir aber leider keine bestimmte Aussicht eröffnen, ausreichende Unterstützungen für Deinen Sohn zu finden. Meine Gemeinde ist nicht groß und nicht reich und die mäßige Zahl derer, die bereitwillig zum Geben find, wird eben bei jeder Gelegenheit in Anspruch genommen. Nun trifft es sich, daß einige unbemittelte jüdische Studenten hier bereits vorhanden find und ich sehe daher garkeine Wege vor mir, auf denen ich jetzt für Deinen Sohn etwas Erkleckliches erlangen könnte. Da bietet sich aber ein anderer Ausweg dar. Eine hiesige reiche Familie hat einen Knaben von zehn Jahren, der, bei sonst guter Anlage, nicht in der rechten Weise erzogen wird. Der Vater hat deshalb vor, einen jungen Mann ins Haus zu nehmen, der den Knaben in seinen Schularbeiten unterstütze, ihn weiter unterrichte und etwas beaufsichtige. Ich habe ihm deinen Sohn empfohlen und die Bedingungen besprochen. Er soll völlig frei sein, mit Ausnahme des Nachmittags von 4—8 Uhr. mit keiten wohl zu würdigen weiß, können Sie daraus ersehen, der Verpflichtung, am Samstag oder Sonntag einen größeren Ausdaß mein zweiter Sohn schon einige Jahre als Lehrling in flug mit dem Knaben zu machen. Dafür erhält er freie Wohnung einer bedeutenden Manufacturhandlung sich befindet und' und Kost und ein allerdings mäßiges Honorar. Du und mein Dritter für ein Handwerk bestimmt ist, dem er sich Dein Sohn müssen sich aber baldigst entschließen und der mit ganzer Vorliebe zuwendet. Wie aber nun den Weg Letztere in kurzer Zeit eintreten. Nimm nur noch die Berweiterhin ermöglichen? Dies ist es, was mich antreibt, mich! sicherung hin. daß es mir eine wahre Herzensbefriedigung an Sie zu wenden und das Wohlwollen anzurufen, das Sie j ist, Dir zu dienen, und mögest Du Dich nur in allen Dingen gewiß einem nach besten Ziele strebsamen Jüngling und seinem Vater zuwenden, der Ihr Schulkamerad gewesen. Mein Sohn will die Universität besuchen in der Stadt, welche das Glück hat. Sie als geistlichen Lehrer zu besitzen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich meinem Sohne nur geringe Mittel mitzugeben habe. Können Sie sich seiner annehmen? Können Sie ihm Unterstützungen zuwenden, die ihm bei sehr geringen Bedürfnissen auf der Universität zu existiren ermöglichen. an mich wenden, die Dir Sorge machen und am Herzen liegen. Wie gern möchte ich Dich einmal Wiedersehen! (Man kann sich denken, in welcher Fluth von Danksagungen und Ausbrüchen der Freude darüber, daß der frühere Schulkamerad sich seiner so freundlich erinnere, die Antwort des Lehres sich erging. Aber die Versicherung, daß er, der Rabbiner sich seiner auch ferner in allen Dingen annehmen wolle, brachte diesem sogleich eine andere Bitte ein.