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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-15 · Heft 51 (15.12.1885) · p. Seite 817

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 51 (15.12.1885)
Date
1885-12-15
Page
Seite 817 (sequence 9)
Language
German
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817 Ausweisungen seinen wegen konfessioneller und sprachlicher Verschiebungen geschehen, also besonders gegen dieKath oliken gerichtet. Er schloß: „Ich bin gewiß, daß neunzig Prozent Katholiken darunter sind. Protestantische Polen hat man nicht ausgewiesen. (Widerspruch rechts.) Ich freue mich, daß diese hier geblieben find, aber daß man gerade die katholischen ausweist, dies hier zu bemängeln habe ich das Recht und die Pflicht. Der Reichskanzler ließ sich nun doch in die Diskussion ein, an welcher die Hauptredner aller der Parteien Theil nahmen, aus welchen der Interpellation Unterschriften gegeben waren. Es hatten, wie Bismarck selbst anführt, 168 Abgeordnete unterschrieben, beinah alle, die am vorigen Sonn abend anwesend gewesen, Centrum, Deutschfreisinnige, Polen, Elsässer und Sozialdemokraten. Er leugnet, daß bei den Vereins hat, weil er gegen die Beschickung der Conferenz auftrat und dabei in der Minorität blieb, bereits sein Amt niedergelegt. Berlin, 4. Dezember. Wieder einmal giebt die offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." dem Antisemitismus und dem Stöcker den Abschied und zwar in recht bemerkenswerther Weise. Sie bespricht die Berliner Stodtverordnetenwahlen und sagt: „indem sie gegen die Extremen polemisirt, es handelte sich für sie um eine Sache und um eine Person. Die Sache war der Antisemitismus, die Person Herr Hofprediger Stöcker. An jener entzündete sich die Berliner Bewegung, wie Niemand leugnen kann, welcher die Berliner Verhältnisse kennt. Sie war ein Reizmittel, welches im Anfang stark genug wirkte, um weite Kreise anzuregen; aber ein Reizmittel verliert mit seiner habituellen Anwendung seine Wirksamkeit und eine von den verschiedensten Impulsen bewegte Bevölkerung, wie Ausweisungen die Confession eine Rolle gespielt; es seien groß auch ihre Neigung für alles Sensationelle ist, verlangt auch viele Evangelische unter den Auszewiesenen; „das Kenn zeichen für die Ausweisung ist ausschließlich die polnische Nationalität," freilich „sind die meisten Polen Katholiken." Am ausgezeichnetsten sprach Abg. Hänel, der die Jnterpellaeben darum auch einen Wechsel der Anregung, wenn diele nicht auf ein praktisch realisirbares Ziel hinweist. Jedenfalls war es von vornherein ersichtlich, daß der Antisemitismus zwar allerdings ein gewaltiger Hebel zur Bewegung der tion vom staatsrechtlichen Standpunkte vertheidigte und das Massen war, daß aber die bez. Agitation auf ernste Mißpolnisch-nationale Motiv der Ausweisungen anerkannte. Man ersteht hieraus, wie falsch die auch von der „Nordd. Allg. Ztg." verbreitete Behauptung gewesen, daß die Ausweisungen vorbilligung von Gesellschaftsgruppen stieß, die nicht außerhalb einer konservativen Parteibildung gelassen werden durften. Ganz ebenso verhält es sich mit Herrn Stöcker. Man .. " ~ man zugsweise den Juden gegolten. Diese wurden in der oben kann ihm die größte persönliche Hochachtung zollen, skizzirten Verhandlung gar nicht erwähnt. Wir können nicht kann von der Aufrichtigkeit seines Pathos vollkommen über umhin, auf den Widerspruch aufmerksam zu machen, daß das offiziöse Blatt der römischen Curie Osservatore Romano jene Behauptung als Grund aufstcllte, weshalb die Curie sich um diese Ausweisungen nicht kümmere — während der Centrumsführer Windthorst sich deshalb um die Ausweisungen zu kümmern vorgiebt, weil sie zu 90"/0 Katholiken beträfen! zeugt sein, und daraus die ungeheure Wirkung erklären, welche er auf die Massen ausübt; aber man weiß auch, daß mit feinem Vorgehen in Form und Zielen Kreise absolut nicht einverstanden sind, auf welche die conservative Parteibildung in Berlin rechnen muß, wenn sie über einen momentanen Anlauf hinaus Bestand gewinnen soll. Eben darum Nun, ein Jeder mahlt sein Korn eben auf seiner Mühle. > waren aber die Exclusiven im Unrecht, wenn sie ihre Sache — Bei der Ausschußwahl für die Studirenden der | lediglich auf Herrn Stöcker setzten und sind doppelt im Unphilosophischen Fakultät, die am Sonnabend stattfand, be-! recht, wenn sie jetzt den Mittelparteilern, nur weil sie vcrhauptete der „Verein deutscher Studenten" seinen Besitzstand.! suchten, der Berliner Bewegung eine Richtung zu geben, auf Der Candidat der antisemitisch-reaktionären Koalition, stuä. j welcher ihr alle conservatio veranlagten Bürger folgen konnten, phil. Füldner, siegte mit 249 gegen 100 Stimmen über den j freisinnigen Gegencandidaten, stud. phil. Hugo Falkenheim. In Folge dessen zog die „Freie Wissenschaftliche Vereinigung" ihre beiden anderen Candidaten, Farnsteiner und Schattier, zurück, und die Herren Lob und Hoffmann wurden durch Akklamation gewählt. — Zu heute sind, wie eine Localcorrespondenz meldet, die Vorstände sammtlicher Bürgervereine zu einer Conferenz zusammenberufen, in welchem Beschluß über die Zusammenfassung sämmtlicher conservativer Vereine Preußens unter Hrn. Stöcker's Oberleitung und unter Assistenz des Pastors Dietz gefaßt werden soll. Nicht in allen Bürgervereinen ist man freilich von diesem Plan entzückt. Der Vorsitzende eines den Vorwurf machen, an dem totalen Mißerfolge Schuld zu sein." — Das heißt deutlich reden: so lange der Antisemitismus auf die Wahlen zu wirken versprach, hegte und unterstützte man ihn — nachdem man sich hierin enttäuscht sieht, verwirft man ihn. Wie steht es aber um Wahrheit und Recht'? Zählen diese in unseren Tagen gar nicht mehr mit'? . . . . — Der Kronprinz hat sich nach dem Befinden des erkrankten Stadtverordneten-Vorstehers Dr. Straßmann erkundigen und der Familie sein Beileid ausdrücken lassen. — Leider ist der verdiente äJur.'.it seitdem der anfangs für leicht gehaltenen Krankheit erlegen! Ueber dessen Beerdigung behalten wir uns vor, in nächster Nummer zu berichten. si

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