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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-15 · Heft 51 (15.12.1885) · p. Seite 815

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 51 (15.12.1885)
Date
1885-12-15
Page
Seite 815 (sequence 7)
Language
German
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815 gefunden, von welchem ich Einsicht nehmen könne. Ich ließ es mir vorlegen und fand darin, unter andern verschiedenen Materien, zu meiner größten Ueberraschung einen ausführlichen, unstreitig von einem Zeit- und Leidensgenossen herrührenden zusammenhängenden Bericht über die 1096 stattgefundenen schrecklichen Judenverfolgungen in Speyer, Worms und Mainz. — Seiner äußern Gestalt nach bildete es ein aus 120 Pergamentblättern lose zusammen geheftetes Buch in Ouartform ohne Einband, einen in hebrär-aramäischer Sprache verfaßten Codsx rnauuserixtus, der durch aümählige Ansammlung von Manuscripten verschiedener Verfasser entstanden war. Wie aus seiner ursprünglichen Numerirung der Piecen ersichtlich ist, fehlen ihm in seinem jetzigen Bestände 54 derselben, ungefähr die Hälfte des Buches, die wahrscheinlich in einem Brande zu Grunde gegangen ist. Die ersten Blätter sind vom Rauch geschwärzt, vom Feuer angesengt und Stückchen davon abgebrannt. Obgleich säst unleserlich, läßt sich doch so viel aus ihrem Inhalte erkennen, daß sie der Ueberreft eines Midrasch sind. — Die übrig gebliebene Hälfte des Cod. man. umfaßt immerhin noch 56 Piecen, von welchen ich in Rahmers jüdischem Literaturblatt Jahrg. VII Nr. 24, 27 und 30 ein vollständiges Jnhaltsverzeichniß geliefert habe. — Im Jahre 1559 befand sich derselbe im Besitze eines jüdischen Arztes in Frankfurt a M., Namens Salomon Heilbrunn (manchmal steht noch dabei: aus der Familie Heilbrunn), der, wie er auf Fol. 216 und auf Fol. 1086 sagt, mit seiner Namensunterschrift bezeugen wollte, daß das Buch sein Eigenthum sei. Manchmal beschäftigte mich die Frage, auf welche Weise dieser Cod. man. in einem so verwahrlosten Zustande von Frankfurt nach Darmstadt gekommen sein mag. Freilich mit Sicherheit läßt sich diese Frage nicht beantworten, doch scheint es mir, als wenn ich in der von Prof. Dr. Griegk herausgegebenen Geschichte von Frankfurt a/M. (Frankfurt 1871) einen Anhaltspunkt zur Lösung derselben gefunden hätte. Da fand ich nämlich unter der Rubrik: „Ter Fettmilchische Aufstand vom Jahre 1612 bis 1616" auf Seite 348 folgende Stelle: „Besonders schmerzlich war den Juden, daß die Plünderer (der Judengasse im August 1613) viele ihrer gedruckten und handschriftlichen Bücher theils verbrannt, theils an Buchbinder verkauft hatten, welche die meisten derselben zum Einbinden verbrauchten. Die noch vorhandenen, an die Raths-Deputation abgelieferten Bücher wurden an deren Eigenthümer nicht sofort zurückgegeben. Der Rath ließ vielmehr einen Hessen- Darmstädtischen Gelehrten (Dr. Helwig) nach Frankfurt kommen, um zu untersuchen, ob in den Büchern nichts enthalten sei, „„was dem Christentbum zum Nutzen und zu besserer Unterrichtung solcher versteckter Leute dienen könne."" lieber das Ergebniß dieser Untersuchung wird nichts gemeldet." — ES könnte leicht möglich fein, daß unser aus dem Feuer gerettte Cod. man., in welchem man, nach Anschauung der damaligen Zeit, manches Anstößige gefunden haben mochte, als ein herrenlos gewordenes Gut durch eben diesen Dr. Helwig nach Darmstadt gelangt sei. — Der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunds hat in dieser Zeitung vom 3 November c. ein Promemoria veröffentlicht, worin folgende Stelle vorkömmt: „Zugleich aber ist noch ein Anderes erforderlich. Neben den in lateinischer und deutscher Sprache geschriebenen Quellen giebt es noch eine nicht geringe Anzahl anderer, welche für die Geschichte überhaupt von Werth find. Bon jenem erst vor Kurzem entdeckten Berichte über die Judenverfolgung von 1096 an bis zum Ende des Mittelalters giebt es historische Arbeiten, Aufzeichnungen, Memoirbücher u. s. w., welche unter Umständen von nicht geringer Bedeutung sind." Dieser „vor Kurzem entdeckte Bericht über die Judenverfolgung von 1096" ist wohl kein anderer als der oben erwähnte und näher bezeichnete, im Jahre 1876 von mir entdeckte, wenn ich auch nicht dabei als der Entdecker genannt worden. Zuerst habe ich ihn ins Deutsche übertragen und mit historisch-kritischen Anmerkungen begleitet, in dieser Zeitung (Mai 1876) und dann in einer besondern Schrift (Darmstadt 1877) erscheinen lassen. Den hebräischen Text 'sinn r.'Z'z-'r, rrr'Z habe ich in dem von Dr. Berliner und Dr. Hoffmann herausgegebenen „Magazin für jüdische Wissenschaft" (Berlin 1878) und in der von Prof. Dr. Grätz herausgegebenen „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" (Krotoschin 1879) veröffentlicht. — In dem beregten Promemoria heißt es vorher (S. 717 Ende): „Hierzu kommt noch, daß sowohl diese Arbeiten als auch die größern Werke über die Geschichte der Juden im Allgemeinen nicht genügend von dem Gedanken durchzogen sind, daß die Geschichte der deutschen Juden doch nur ein Theil der allgemeinen deutschen Geschichte ist, daß sie von diesem Standpunkte aus angesehen und behandelt werden muß und erst von diesem Standpunkte aus richtig begriffen und vollkommen gewürdigt werden kann." Dann erlaube ick mir hinzuzufügen, daß manche Begebenheiten in der Geschichte der Deutschen, einzelner Gemeinden oder terrioritaler Gruppen von Gemeinden nur dann richtig begriffen und dargestellt werden können, wenn man mit der allgemeinen christlichen Kirchen- und Dogmengeschichte ganz vertraut ist und von diesem Standpunkte dieselben zu beurtheilen und zu würdigen versteht. Manche Judenverfolgung in Deutschland stand sogar mit einem Dogmenstreit im Zusammenhänge, dessen Hauptkampfplatz nicht Deutschland, sondern Frankreich, Italien oder Böhmen war. Ja, in dem Berichte der Judenverfolgung von 1096 steht mancher Ausdruck, der erst durch tieferes Eindringen in die christliche Kirchen- und Dogmengeschichte erklärlich wird. (Siehe z. B. Allg. Ztg. des Judenthums vom 19. Juni 1883). Die unter obiger Rubrik erschienene

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