Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-15 · Heft 51 (15.12.1885) · p. Seite 814

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 51 (15.12.1885)
Date
1885-12-15
Page
Seite 814 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227607--43145-3311767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

814 Brau und Kindern genöthigt find, die vorkommenden Arbeiten zu verrichten. In wiefern diese nicht zu verkennende Schwierigkeit dem gedachten Project entgegensteht, wage ich nicht zu beurtheilen, da mir die Sitten und Gewohnheiten der Leute zu wenig bekannt sind; immerhin dürfte dieser Punkt nicht außer Acht zu lassen sein. Resumiren wir also kurz, so können wir den Punkt 3 des erwähnten Programms — Förderung des Ackerbaues zur Hebung der materiellen Lage der Juden in Galizien nur insofern befürworten, als darunter vorläufig die Heranziehung derselben zum Ackerbau verstanden wird. Den jüdischen Landwirthen, Gutsbesitzern und Pächtern dortiger Gegend gebührt unser Dank dafür, daß sie sich dazu bereit erklärt haben, eine möglichst große Anzahl der Noth leidenden Menschen in Arbeit zu nehmen, für deren Ausbildung in allen vorkommenden Arbeiten Sorge zu tragen und für die geleistete Arbeit einen angemeffencn, ortsüblichen Lohn zu zahlen. Ist cs im Lause der nächsten Jahre gelungen, diese hilfsbedürftigen Menschen zu fleißigen Arbeitern heranzubilden, so dürfte es Zeit sein, auf die Idee des Herrn Lazarus, auf die Gründung und Organisation von jüdischen Bauern-Schulen oder Bauern-Colonien zurückzukommen, die für jetzt keine Aussicht auf Erfolg bietet. Inzwischen könnte die Frage, ob es empfehlenswerther ist, eine Art Lehnsgüter mit Hilfe der All. isr. univ. für die einzelnen Familien zu schaffen oder den letzteren kleiner Besitzungen käuflich zu überlassen, reiflich erwogen werden. Es würde die Erörterung dieser Frage zuweit von dem eigentlichen Zwecke der vorstehenden Zeilen ablenken und wollten wir deshalb nur darauf hingewiesen haben. Jedenfalls kann und darf für die nächste Zeit das Streben nur dahin gerichtet werden, die in Noth und Elend befindlichen Glaubensgenossen systematisch zu Landarbeiten heranzuziehen, in ihnen Lust und Liebe zur Landwirthschaft zu wecken. Ist diese nicht vorhanden, kann sie nicht erzogen werden, so dürfte alle Mühe vergeblich und namentlich das Project der Gründung von jüdischen Ackerbau-Colonien in keiner Weise zu empfehlen sein. I. Wolfers. Nachschrift? der Redaktion. Wie obige Zuschrift erweist,' und wie wir zu bemerken mehrfache Gelegenheit hatten, ist die Aufmerksamkeit auf „das gakizischo Werk" gelenkt, und wird'es sicher Förderung finden. Alleinwas man zunächst erwartetist, daß von den leitenden Instanzen, von denen die Säche ausgegangen, nun auch etwas geschehe, der tatsächliche Beginn zu melden sei! Allerdings ist Diskussion einer Angelegenheit dieser nützlich, ja unentbehrlich; folgt ihr aber die Thät nicht, so war sic ganz überflüssig. Nun, wir hoffen, unfern Lesern über den Fortgang recht Lald berichten zu können. ''__ ' ' ' Literarischer Wochenbericht. D arm st a dt, im Dezember. (Selbstanzeige.) „DieJudenverfolgungen in Speyer, Worms und Mainz im Jahre 1096 während des ersten Kreuzzuges. Aus einem in der Großherzl. Hofbibliothek zu Darmstadt befindlichen alten hebräischen Manuskripte übertragen und mit historisch-kritischen Anmerkungen begleitet von Moses Mannheimer rc. Darmstadt 1877." — Die Geschichte der Kreuzzüge ist bis jetzt noch immer nicht nach all' ihren Motiven, Seiten und Beziehungen vollständig aufgehellt worden, so sehr auch emsige Forscher bemüht waren, alles einschlägige, ihnen zu Gebote stehende Material zu sammeln, zu sichten und daraus ein vollständiges, alles Bedeutsame umfassendes Bild zu schaffen. Am wenigsten ist dieses der Fall bei dem Thcil derselben, der die Judenverfolgungen betrifft, ungeachtet letztere große blühende, jüdische Gemeinden vernichteten, und mit den allgemeinen politischen Verhältnissen und Zuständen im Zusammenhänge standen. Die christlichen Chronisten referirten darüber nur kurz, und unter den Juden selbst pflegte während des Mittelalters in Allem, was das Schicksal der jüdischen Gesammtheit wie einzelner Gemeinden betraf, die mündliche Ueberlieferung die Stelle der Aufzeichnung zu vertreten. Die Ausnahmen davon waren sehr selten, und daher fließen die jüdischen Geschichtsquellen aus mittelalterlicher Zeit nur sehr dürftig. Dahingegen besitzen diese den Vorzug, nicht durch allerlei Sagen und Legenden verdunkelt worden zu sein und wirklich Geschehenes, die Thatsachen, ungefälscht wiederzuspiegeln. Was insbesondere den ersten Kreuzzug anbelangt, so hatten wir bisher über die dabei stattgefundenen grausamen Judenverfolgungen, außer einigen fragmentarischen Notizen, nur eine einzige innerlich zusammenhängende Erzählung besessen,nämlich die von vr. Jellinek zum erstenmale edirten Kanteros Tatun d. i.-. „Bericht über die Leiden des Jahres 1096" von Elieser ben Nathan (;2rrn) aus Köln (Leipzig 1854). Aber da der Verfasser in Köln lebte, so hat er über die dortigen Verfolgungen, deren Augenzeuge er war, ausführlicher berichtet als über die in Speyer, Worms und Mainz stattgefundenen. Hinsichtlich dieser ist, obgleich sie den ersten Anprall der verthierten Blutmeuschen auszühalten hatten, sein Bericht lückenhaft. Unter ^solchen Mmstäntnn muß es uns willkommen sein, wenn hier und: da irgend ein «cktes Manuskript zum Borschein kommt, das uns von Details Kunde bringt, die uns bis dahin" unbekannt geblieben waren, die aber zur Ergänzung und.Vervollständigung des historffchen Gemäldes einen schätzbaren Beitrag liefern. Zur Entdeckung eines fochen bin ich ganz unerwartet'gelangt. Es war im Jahr 1876, als ein Beamter der Gr. Hofbibliothek allhier mir die Mittheilung machte, es habe sich bei AuÄeeÄmg vom alten Schränken und Kisten ein uraltes Manllsctipt'uor^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.