Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1885)
- Date
- 1885-12-15
- Page
- Seite 813 (sequence 5)
- Language
- German
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813 die mit den praktischen Verhältnissen durchaus vertraut sind, die, als Grundbedingung, vor Allem verlangen, tüchtige Arbeitskräfte heranzubilden, ehe man daran denken kann und dazu übergeht, den unerfahrenen Leuten ein Eigenthum zur Bewirthschaftung anzuvertrauen. Die bei diesem Borgehen erwachsenen Kosten find im Ganzen unerheblich, denn die im kräftigsten Alter stehenden jungen Leute haben sür die geleistete Arbeit Anspruch auf Kost und Lohn, so daß nur eine geringe Beisteuer für ihre geistige Ausbildung nothwendig sein wird. Entgegenstehend dieser Auffassung „der Förderung des Ackerbaues", befürwortet Herr M. Lazarus in seiner Schrift „Juden als Ackerbauern" eine Idee, welche in Nr. 47 dieser Zeitung ausführlich besprochen wird. Genannter Verfasser will zur Erreichung des in's Auge gefaßten Zieles sogenannte Bauernschulen einrichten, welche den Zweck haben, jüdische Familien für den Bauernstand zu erziehen, dieselben nach Art der Bauern arbeiten und leben zu lassen. Zu dem Ende entwirft derselbe Verfasser eine Anleitung, in welcher Weise seine Idee praktisch durchgeführt werden soll. Bei ruhiger und sachlicher Prüfung dieser Vorschläge müssen wir dieselben in der beabsichtigten Weise als durchaus unbrauchbar und unpraktisch bezeichnen. Wir können nur warnen, dieselben zu realisiren, da die bedeutenden Mittel, welche zu ihrer Verwirklichung erforderlich find, in keiner Weise nutzbringend angelegt sein würden. Ohne ein allzu großer Pessimist zu sein, kann man ziemlich sicher voraussehen, daß ein solches Beginnen völlig fehlschlagen würde. Zur Begründung dieses meines absprechenden Urtheils sei es mir gestattet, einige sachliche Bemerkungen hier einzuschalten. Jeder Unternehmer, welcher einen landwirthschastlicheu Betrieb selbständig leitet, muß nothwendig die hierzu erforderlichen Kenntnisse und Eigenschaften besitzen, besonders gilt das bei dem Betriebe des kleinen Bauern. Der Bauer, welcher die väterliche Scholle bebaut, wächst gleichsam in dem Betriebe auf, er überkommt die Erfahrungen seiner Vorfahren und Umgebung so sicher und allmälig von Jugend auf, daß er hierdurch, im Verein mit seiner körperlichen Tüchtigkeit, im Stande ist, sein Eigenthum auf das Beste auszunutzen. Der von frühester Jugend an harte Arbeit gewohnte Landmann, welcher gegen die Unbilden der Witterung unempfindlich ist, bietet sichere Garantie dafür, daß es ihm bei Fleiß und Sparsamkeit gelingt, sich und seine Familie zu ernähren, in seinem Betriebe voran zu kommen. Es sind vor Allem persönliche Leistungen, von welchen die Ausübung des landwirthschaftlichen Gewerbes abhängt. Jeder tüchtige Bauer muß die verschiedensten Arbeiten und Verrichtungen durch längere praktische Uebung kennen gelernt haben. Aeltere Personen, welche zur Landwirthschaft übergehen, können die vielfachen, mechanischen Arbeiten nicht mehr erlernen, wenn sie nicht durch ihren bisherigen Beruf in ähnlicher Uebung waren. Diese Grundbedingungen des bäuerlichen Betriebes berücksichtigt Lazarus in seiner Schrift viel zu wenig, er scheint die Verhältnisse nicht aus eigener Praxis zu kennen, da er sie sonst bei seinen Vorschlägen nicht unberücksichtigt hätte lassen können- Wie soll ein Lehrer, der 20—50 solcher Bauerngüter zu beaufsichtigen hat, die Leute, welche niemals die verschiedenen Handunb Gespannarbeiten verrichtet haben, darin unterweisen? Wie ist es möglich, diesen unglücklichen Menschen einen Begriff von Viehhaltung und Pflege beizubringen, sie mit den Bedürfnissen des Feldes und des Hofes bekannt zu machen? Was kann es nützen, diesen Leuten ein bestimmtes Feld zum künftigen Eigenthum anzuweisen, sie mit Allem zu versehen, was zur Bearbeitung des Feldes nothwendig, ihnen Gespann- und Nutzvieh zu überweisen, die besten Geräthe sür sie zu beschaffen, wenn sie außer Stande sind, damit umzugehen? — Es mögen diese kurzen Andeutungen genügen, um zu zeigen, daß die Vorschläge von Lazarus vorläufig keine Berücksichtigung seitens der All. isr. univ. finden dürfen, denn die zu schaffenden Bauern-Colonien würden elend zu Grunde gehen müssen, weil die Bewohner derselben außer Stande sind, das ihnen übergebene Feld nach Erforderniß zu bebauen. Alle die genannten nothwendigen Arbeiten können erst nach und nach im Laufe verschiedener Jahre erlernt werden, und bis der in Aussicht genommene Lehrer im Stande ist, die Insassen einer solchen Eolonie genügend zu unterrichten, wird der Acker von Unkraut überwuchert, das Vieh und das Inventar zu Grunde gegangen sein. Anstatt, daß den armen Leuten Hilfe gebracht werde, dürfte sich ihre Lage verschlimmert haben, weil sie vielleicht ihre letzten früheren Ersparnisse dazu benutzt haben, um den einen oder anderen Gegenstand zu beschaffen, den sie gar nicht zu benutzen im Stande sind. Aber noch ein anderer wichtiger Factor ist bei Gründung derartiger Bauern-Colonien nicht außer Acht zu lassen, nämlich die Frage: Wer soll an den Samstagen, an Fest- und Feiertagen in den rein jüdischen Colonien die Sorge für die Aufwartung und Pflege des vorhandenen Nutz- und Gespannviehs übernehmen? Wird das der jüdische Bauer und seine Frau besorgen? Eine Familie, die ein Bauerngut von ca. 30—40 Morgen (8 bis 10 Hcct.) bewirthschaftet, kann und wird keine christlichen Dienstboten halten, welche an jenen Tagen für Fütterung und Pflege des Viehes Sorge tragen und andere nothwendige Arbeiten, wie z. B. das Melken der Kühe besorgen. Letztere Rücksicht kommt natürlich stets mit in Betracht, wenn es sich darum handelt, nur jüdische Familien in einer Colonie anzusiedeln. Es wird alsdann durchaus nothwendig sein, daß sich die Leute zu den erwähnten Arbeiten, selbst gegen die Satzungen der Religion, im Voraus bereit erklären, da in Anbetracht des kleinen Besitzstandes fremde Arbeitskräfte nicht gehalten werden können, der Eigenthümer nebst