Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1885)
- Date
- 1885-12-08
- Page
- Seite 800 (sequence 8)
- Language
- German
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800 Betrachtung vielmehr an, um die tiefe Verlogenheit oder Verblendung unserer Gegner ins Licht zu stellen, wenn sie immer wieder von der „nationalen Ausschließlichkeit und Absonderung" der Juden sprechen und sie ihnen zum Vorwurf machen, oder gar zum Vorwände gebrauchen, die Gleichberechtigung wieder aufzuheben. Berlin, 25. Nov. Für jüdische Schüler und Schülerinnen wird die jüdische Gemeinde im Westen resp. Südwesten der Stadt eine zweite Religionsschule errichten, mit deren Leitung der Prediger vr. Apolant betraut wurde. — Alle Parteien sind darin einig, den Herrn Wilh. Pickenbach, den einzigen offenen Träger des Antisemitismus in Berlin im jetzigen Augenblicke nicht wieder in die Stadtverordnetenversammlung zu wählen. Er wird jetzt auch, wie die Boss. Ztg. berichtet, von seinen eigenen Parteigenoffen heftig angegriffen. So hat der antisemitische Agitator, Schuhmachermeister Hermann Schröder in dem Bezirk ein Flugblatt in 2000 Abzügen vertheilen laffen, das schlechtweg beginnt: „Wähler, seit 2 Jahren vertritt als Stadtverordneter ein Mann den Bezirk, der nicht würdig ist Stadtverordneter zu sein". Wir haben nicht Lust, uns einer Beleidigungsklage auszusetzen und verzichten daher aus den Abdruck der Liebenswürdigkeiten , die Herr Schröder seinem früheren Meister sagt. Wir können ihm das Zeugniß geben, daß er in dieser hohen Schule etwas gelernt hat. Vielleicht ist das, was Herrn Pickenbach vorgeworfen wird, nur Klatsch; aber Herr Schröder, der noch bei der letzten Reichstagswahl in Gemeinschaft mit dem Schuster Masche den Kreis Jüterbogk-Treuenbrietzen für Herrn Pickenbach bereiste, wird davon wohl mehr wisien als wir. Die Conservativen haben Herrn Pickenbach einen Gegenkandidaten in der Person des Herrn Rothensee gestellt. Berlin, 26. Nov. Und der Erfolg? Vor Thvrschluß wandten sich die Conservativen dem Pickenbach wieder zu, und dieser — ist in die Stichwahl gekommen! — Nach mehrfachen Seiten hin ist folgende Gerichtsverhandlung sehr lehrreich. Am Abende des 14. September passirte der stuck. phil. Paul Oppenheim auf dem Nachhausewege die Potsdamer Straße. An der Ecke der Lützowstraße erhielt er plötzlich von zwei ihm begegnenden jungen Leuten kräftige Stöße in die Seite, gleichzeitig ließen die Angreifer die Aeußerungen: „Verfluchte Judenbande'." „Haut die Juden!" u. s. w. fallen und einer derselben hieb dem Oppenheimer mit einem Spazierstocke über den Kopf. Der Angegriffene erhob nun auch seinen Spazierstock, um sich zur Wehre zu setzen, der zweite der Gegner ergriff aber den Stock Oppenheims und entwand ihm denselben. Dem Angegriffenen wäre es wohl schlecht ergangen, wenn ihm in diesem Augenblicke nicht der Kaufmann Levysohn, der von der anderen Seite der Straße dem Vorfälle beigewohnt hatte, zur Hilfe geeilt wäre. Die Angreifer flohen, wurden aber cingeholt und zur Wache gebracht, wo sie als die Offiziersaspiranten Alexander Freiherr v. Schenk zu Schweinsberg und E. v. Lutheroth recognoscirt wurden. Da der Letztere inzwischen bei einem Ulanen-Regiment eingetreten ist und sich somit der Civilgerichtsbarkeit entzogen hat, so konnte nur gegen den Ersteren verhandelt werden, der sich offen als denjenigen bezeichnete, der Oppenheim geschimpft und ihm den Stock entriffen hette. Er entschuldigte sein Thun mit Angetrunkenheit. Der Gerichtshof hielt ihn nur der Beleidigung und der Sachbeschädigung für schuldig und erkannte dafür auf eine Geldstrafe von 50 und 10 Mk. (!) Berlin, 28. November. (Privatmitth.) Wenn man die Zahlen der bei der Stadtverordnetenwahl jüngst abgegebenen Stimmen zusammenrechnet, so findet sich, daß die Freisinnigen etwas, die Conservativen sehr viel verloren haben gegen die Wahlen von 1883; dagegen haben die Sozialdemokraten abermals an Stimmzahlen beträchtlich gewonnen. Die beiden Antisemiten Pickenbach und Limprecht werden in der Stichwahl durchfallen, da die „Arbeiter-Partei" (Sozialisten) gegen sie stimmen. Gewühlt wird allerdings mächtig für sie. Ueber dieses Resultat klagt die „Kreuzzeitung" in Sack und Asche und tröstet sich nur mit der edlen, echt deutschen und echt religiösen Gesinnung in der Leipziger Studentenschaft! (Doch nur in einem Drittel derselben!) — Eine neue antisemitische Zeitung soll unter dem Titel „Deutsche Bolksstimme" an Stelle der „Wahrheit" und der Liebermann'schen „Neuen deutschen Volkszeitung" am 1. Januar nächsten Jahres unter der Leitung des Urdeutschen de Grousfiliers erscheinen. Der „Volkszeitung" lag ein Circular, unterzeichnet von dem genannten Herrn, sowie von einem mecklenburger Gutsbesitzer, einem Kaufmann in Hamburg-St. Pauli und Herrn Wichert in Quitzövcl bei Wilsnack, dem Jnspector des bekannten Agrarierchefs von Jagow, vor, worin diese noch um 20 OoO Mk. in Beiträgen von 500 Mk. bitten und den Darleihern statt der Zinsen ein Exemplar der Zeitung versprechen. Leipzig, 27. Nov. Bei einem Commers, der in diesen Tagen zu Ehren der Anwesenheit Stöckers Hierselbst stattfand, haben sich gegen 1000 Studenten betheiligt! Es ist dies für den in der deutschen Jugend sogenannter höherer Bildung gegenwärtig herrschenden ethischen und humanen Geist sehr bezeichnend. — Neuerdings find hier zwei jüdische Handelsleute aus Russisch-Polen ausgewiesen worden, der eine „wegen bereits erfolgter Ausweisung aus Preußen." Man sieht, daß Sachsen die frühere gewaltige Antipathie gegen Preußen verloren hat. Leipzig, 24. Nov. (Privatmitth.) Zwffchen London und Leipzig findet außer vielen anderen Verschiedenheiten auch in der allgemeinen Gesinnung eine starke Differenz statt