Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1885)
- Date
- 1885-12-08
- Page
- Seite 799 (sequence 7)
- Language
- German
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799 seinem Vorleben ihm auch nur die geringste Schuld nachgewiesen werden kann. Er fordert immer wiederholt die Gegner, ja die göttliche Gerechtigkeit selbst auf, ihm die Vergehen anzuzeigen, um derentwillen er diese Leiden als Strafe zu ertragen hätte. Dahingegen braucht man nur einen Blick in die Propheten zu werfen, um zu sehen, wie die damaligen Leiden Israels als gerechte Strafe für seine Vergehen, für seinen Abfall von Gott, dessen Lehre und Gesetz, für seinen Treubruch an dem göttlichen Bunde anerkannt und längst vorausgesagt worden. Selbst der Prophet, der berufen war, Israel im Exil zu trösten, beginnt seine Trostrede damit, daß ec Jerusalem zuruft, daß „seine Schuld bezahlt sei, daß es für all' seine Sünden Doppeltes empfangen." Er erkennt also die Sünden Israels an und daß seine Leiden Strafe für seine Verschuldung seien. Er will es damit trösten, daß diese Schuld „bezahlt" und deshalb seine Leiden ihrem Ende nahe seien. Israel also als einen völlig unschuldig Leidenden, als einen Dulder Hiob darzustellen, wäre völlig unstatthaft, ja verkehrt gewesen. Wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß das Buch einer solchen Erklärung gar nicht bedarf, ja daß sein Berständniß dadurch verdunkelt wird. Abgesehen hiervon, entfernt sich auch die Sprache des Verfassers zu sehr von dem für ein Geschichtswerk erforderlichen einfachen Ton.*)! Auch hat es uns gewundert, daß der Berfaffer, der so gründj liche Studien gemacht und seine Belesenheit überall bekundet, des verdienstvollen Werkes Herzfcld's**) gar nicht erwähnt, so wie daß er die Spuren der zeitweisen Einwirkung des Judenthums auf die Babylonier mit Stillschweigen übergeht. Wir gestatten uns diese Bemerkungen, gerade weil wir von Herrn Dir. Rosenzweig noch recht tüchtige Leistungen erwarten. *) Wir können unseren Geschichlsschreibern die Lecture und j Beachtung der noch immer sehr lesenswerrhen Abhandlung Lucian'S u>g <StZ avyyQatpüv z'^v \cxoql(iv empfehlen. ") L. Herzfeld. beschichte des Bolkes Israel von der Zerstörung tes ersten Tempels bis zur Einsetzung VeS Makkabäers Zchim'on zum hohen Priester und Fürsten. Nordhausen, v Bünde, später in einer populären Bearbeitung in einem Bande vom „Institute zur; Förderung der israelitischen Literatur ' (1870) herauegegeben. ^XocxXix . Deutschland. Berlin, 24. November. (Privatmitth.) Die jüngsten Vorgänge auf der Balkanhalbinsel führen wie von selbst zu folgender Betrachtung. In Belgrad heischte man natürlich von den dortigen Juden den wärrusteu serbischen Patriotismus und sie haben ihn auch wacker bethätigt. Ebenso selbstverständlich erwartete man in Sofia die bulgarische Begeisterung Seitens der dortigen Juden, und diese zögerten nicht, sie mit thalkräftigen Opfern zu bekunden. Es hatten diese Blätter darüber die bestimmtesten Nachrichten zu geben. In dem aufgeregten Mazedonien schwärmten die Juden mit ihren mohamedanischen und christlichen Mitbürgern für die mazedonische Unabhängigkeit mit türkischer Oberhoheit. Einige Meilen südlicher hingegen boten die Juden für das Wachsthum des hellenischen Staates Gut und Blut an. Nun spreche man noch von „nationaler Abgeschlossenheit" der Juden! Man erwäge hierbei, daß es sich auf der Balkan- Halbinsel nur um kleine Völkerstämme handelt, die selbst sehr exklusiv sind. Dies wäre nun Alles gut, wenn nicht der Pferdefuß dahinter käme. In der Stunde der Noch und Gefahr schließt man die Juoen in oie Arme und sichert ihnen Bruderliebe und Hochachtung zu. Aber sowie die Noch und Gefahr vorüber sind, werden sie zurückgestoßen und verächtlich behandelt. Man glaubt dies nicht? Man hält dies im 19. Jahrhundert nicht für möglich? Man hat es in großen Staaten erlebt; aber wir wollen im bleiben. Man sehe nur auf Rumänien. In dem letzten russisch-türkischen Kriege, an welchem Rumänien sich stark betheiligte, haben viele rumänische Juden ihr Blut auf den Schlachtfeldern und namentlich auch vor Plewna vergossen und ihr Leben gelaffen. 900 jüdische Soldaten im rumänischen Heere kehrten aus dem Feldzuge zurück. Was geschah nun? Auch diese 900 jüdisch-rumänische Soldaten, die den Feldzug mitgemacht, wurden für „Fremde" erklärt, die erst der Naturalisation auf Vorschlag der Regierung durch die beiden Kammern bedürfen. Diese Naturalisation wurde ihnen Anfangs ausnahmsweise versprochen — aber sie erhielten sie bis heute nicht; sie sind denselben drückenden Ausnahmegesetzen unterworfen, wie die übrigen rumänischen Juden. Sie dürfen z. B. ebenfalls nicht auf dem Lande wohnen und das Damoklesschwert der Ausweisung und Berjagung hängt stets über ihren Häuptern. Wo liegt nun die Bürgschaft, daß nicht auch in Serbien, Bulgarien und Mazedonien Aehnliches geschehe? Kriege regen die Volksleidenschaften auf, beschwichtigen sie nicht. In dem Berliner Vertrage liegt jene Bürgschaft nicht, wie die Erfahrung gelehrt hat. Wir bemerken . dies nicht, um den Patriotismus der jüdischen Bevölkerung! irgend eines Landes abzukühlen. Im Gegentheil. Denn einerseits ist er durchaus naturwüchsig, wenn es das Heil des Vaterlandes gilt; anderutheilS muffen wir durch oie immer wiederholte Bethätigung unseres patriotischen und nationalen Geistes die Völker zuletzt zwingen, uns als integrirendes Element VvUes anzufehen. Wir stellten diese