Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1885)
- Date
- 1885-12-08
- Page
- Seite 795 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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795 der geistvollen Darlegung des Herrn Melli mit Vergnügen. Aber wir stimmen nicht mehr mit seinen Anschauungen überein, wenn er als Heilmittel gegen den Antisemitismus die Mischehe in allgemeiner Verbreitung vorschlägt. Diese Medizin ist schlimmer als das Uebel, das sie beseitigen soll, denn sie würde dem Judenthume überhaupt ein Ende bereiten. Bei dem überwältigenden Einflusie, den jede Mehrheit auf eine an Zahl geringfügige Minderheit ausübt, sobald diese letztere auf strenge Geschlossenheit verzichtet, würden allgemeine Zwischenehen von Juden und Christen früher oder später! das völlige Aufgehen der ersteren unter den letzteren herbei-! führen. Deshalb muß man, so duldsam man immer den! Einzelfällen gegenüber stehen mag, doch das Prinzip als! solches durchaus verwerfen und es geradezu für verderblich,! ja tödtlich erklären. i Herr Soria hat schließlich noch einen ihm befreundeten! französischen Politiker, den als Urheber der Wiedereinführung! der Ehescheidung in Frankreich bekannten Herrn Naquet zu; Hülfe gerufen. Das Sonntagsblatt des „Fanfulla" vom! 18. Oktober veröffentlicht ein längeres Schreiben desselben im französischen Originaltext. Herr Naquet beginnt seinen Brief mit einer Art Glaubensbekenntniß: „Ich bin meinen Anschauungen nach Freidenker, aber ich bin eng verknüpft mit der jüdischen Raffe, der anzugehören ich stolz bin, denn jeder Jude kann sich rühmen von Männern abzustammen, die es vorgezogen haben, sich eher den furchtbarsten Verfolgungen zu unterwerfen, als ihre Ueberzeugung zu verleugnen." Dann sucht er Vorzüge und Fehler des jüdischen Stammes aus! dcffen Geschichte zu erklären, um zu dem Schluffe zu gelangen: > je größer und älter die Freiheit ist, deren die Israeliten eines Landes genießen, um so größer ist auch die Würde ihres Charakters. - Mit Recht bemerkt Herr Naquet: „Der bessere Theil unter ihnen hat sich zu den höchsten Gipfeln der moralischen und intellektuellen Welt erhoben, und der geringere Theil steht nickt niedriger als die unteren Klaffen im Allgemeinen." Was will man denn mit diesem Kriege wider uns? frägt Herr Naquet weiter. „Will man uns in Masse taufen und uns der Moral des Evangeliums unterwerfen? Die Zeit dieser Moral ist leider vorbei, weil sie unfähig war. die Menschen zu bessern. Sie ist durch die Erfahrung der Jahrhunderte vcrurtheilt; die Hebung des moralischen Sinnes in der Gesellschaft hat sich ohne sic und, fo zu sagen, gegen sie vollzogen." Der Briefsteller ist geneigt, sich selbst über die antisemitische Bewegung zu freuen, da sic durch den Gegensatz die Größe des gemachten Fortschritts darthuc und zumal der Beweis des verzweifelten Todeskampfes des kirchlichen Zelotcnthums sei." Wir glauben freilich, daß Herr Naquet hier die Macht des Gegners völlig unterschätzt. Er hat es in Frankreich leicht, sich zu freuen; wenn er in Deutschland oder Rußland lebte, würde er in minder froher und zuversichtlicher Gemüthsstimmung sich befinden. — Schön sagt er gegen den Schluß seines Schreibens: „Ich liebe die muthigen und ehrenhaften Männer, und ich achte die Israeliten, die sich offen und stolz zu ihrem Charakter bekennen ebenso sehr, wie ich die andern verachte." Hoffen wir, daß diese wackern Kämpen, die, von verschiedenartigem Standpunkte ausgehend, sich so thatkräftig zur Bertheidigung ihrer Glaubens- und Volksgenossen vereinen, vollen Erfolg davontragen, daß sie den Versuch, den Antisemitismus in das moderne Italien zu verpflanzen, im Keime erstickt haben werden. Beides aber, Angriff und Abwehr, mußten in diesen Blättern, den Annalen des modernen Judenthums, verzeichnet werden. Prof. Dr. M. Philippson. Groß-Kanisza, im November. Der Messrasglaube bei den Samaritanern. Die im Aussterben begriffene Secte der Samaritaner, deren Hauptsitz bekanntlich Nabnlus (das ehemalige Sichern) ist, hat sich von jeher des aufmerksamsten Interesses der europäischen Gelehrten erfreut. Man ließ es nicht bei der Erforschung ihrer spärlichen Literatur bewenden, sondern suchte directe Verbindungen mit ihnen anzuknüpfen und ihre Geschichte und Literatur, Sprache und Religion durch authentische, von ihnen selbst herrührende Berichte in ein rechtes Licht zu setzen. Der Briefwechsel der Samaritaner mit Europäern bildet an sich eine kleine Literatur, die für die Er-! kenntniß der interessanten Secte von bedeutender Wichtigkeit ist. Es genügt, an die Briefe der Samaritaner von Gaza an ihre „Brüder" in England, an die der Sichemitcn nach Oxford und an Robert Huntington in Aleppo, ferner an ihren Briefwechsel mit Josef Scaliger, Hiob Ludolf und; Silvestre de Sacy zu erinnern. Und so ist denn auch der ' von Prof. Kautzsch in der Zeitschrift des deutschen Palästina- Vereines (Band VIII, Heft 3, S. 149 ff.) veröffentlichte Brief des samaritanifchen Hohenpriesters Jokub ibn Harun von hervorragendem Interesse und nicht zu unterschätzendem! Werthe. Prof. Strack legte nämlick im Frübjahr 1884 bei seiner Anwesenheit in Nabulus dem Kahin mehrere Fragen (nach der jetzigen Statistik der Gemeinde, der Gerichtsbarkeit derselben und nach der jetzt unter ihnen geltenden Erklärung des Messiasnamens Tahcb) zur Beantwortung vor. Die be- 1 züglich des Messiasnamens Taheb in samaritanischer und arabischer Sprache gegebene Antwort lautet in der Ucüer-! setzung: ' „Das Wort Taheb bezieht sich auf den Propheten, über . „welchen uns unser Herr in der Thora gesagt hat: „einen 50*