Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1885)
- Date
- 1885-12-01
- Page
- Seite 788 (sequence 12)
- Language
- German
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733 nrmg; nicht aber ein sehr großer Theil des französischen Volkes. Dieser will von jener Trennung, von jener Besei» tigung alles Kirchlichen aus dem öffentlichen Leben nichts wissen. Von den mehrfachen Schritten, die schon nach diesem Ziele geschehen find, wie die ansehnlichen Abstriche am Cultusbudget, die Entfernung alles Kirchlichen aus der Schule, zurückgestoßen und geärgert, hat es in den letzten Wahlen eine verhältnismäßig große Zahl monarchischer und katholisch gesinnter Abgeordneter gewählt. Dadurch lasten sich aber die Radikalen nicht abschrecken. sondern sie erklären noch heute jene Trennung für das wichtigste Moment ihres Programms. Die Gemäßigten jedoch, die Opportunisten und Gambettisten theilen zwar die Ansichten der Radikalen in dieser Beziehung, doch halten sie die Zeit für noch nicht gekommen und glauben die Republik gefährdet, wenn sie auf dem gedachten Felde noch weiter vorwärts gehen. Selbst das gegenwärtige Ministerium hat dies in dem Programm, welches es vor der neuen Kammer ausgestellt hat, erklärt. Die Zukunft wird also diese Angelegenheit noch weiter entwickeln muffen. Auch m England haben die Radikalen die Trennung von Staat und Kirche, die Beseitigung der Vorrechte der anglikanischen, als ihr Princip aufgestellt. Bei dem starken kirchlichen Sinn des englischen Volkes ist dies für die liberale Partei ein gefährliches Spiel und muß eine Zersplitterung derselben zur Folge haben. Gladstone erhob sich deshalb sofort mit allem Nachdruck dagegen, und obschon er an sich der Sache gar damit wohl auch diese selbst zusammen. Die volle Streichung des Cultusbudgets würde den jüdischen Gemeinden die Erhaltungskosten für ihren Cultus sehr vermehren. Nun haben zwar die Beiträge aus den Staatsmitteln niemals ganz ausgereicht, und die Gemeinden mußten immer auf Mittel sinnen, um ihre Einnahmen zu vermehren. Allein der Wegfall der Staatsgelder würde doch manche Gemeinde in arge Verlegenheiten versetzen. Jndeß ist doch die Opfer» Willigkeit unserer Glaubensgenosten nicht fraglich, und so würde man über diese Schwierigkeiten auch hinwegkommen. — Bei den gegenwärtigen Parlamentswahlen in England sind folgendes Jraeliten als Candidaten aufgestellt: Sir Julian Goldsmid in St. Pancras, Oberst-Lieutenant Eowan in Tower-Hamlets, M. Samuel Montagu in Whitechapel, Mr. Ernest Hart in Mile-End, Sir David Salomons in St. Georges in the East, Mr. Philip Falk in Norfolk und Mr. Alfred B. Henriquez in Walworth. Für das Amtsjahr 1885,86 sind folgende Israeliten zu Mayors (Bürgermeistern) gewählt: in Leicester Israel Hart, in Manchester Philipp Goldsmith (Beide zum zweiten Male), in Rochester Lewis Levy und in Wrexham W. E. Samuel. Rußland. Petersburg, 20. November. Der Oberpolizeimeister von Petersburg bringt, wie die „Pos. Zeitung" berichtet, einen Senatsbeschluß vom 5. d. M. zur öffentlichen Kenntniß, wonicht abhold ist, verlangte er doch, daß jenes Princip ja nach die Niederlassung von Juden in der Hauptstadt im nicht in dem Programm der Liberalen erscheine. Tie Torys sahen aber schnell ein, welchen Bortheil sie daraus bei dem Volke ziehen könnten, und weisen lebhaft auf diese Absicht der Liberalen bin, um das Volk von ihnen abzuwenden. Da nun Gladstones Warnung nichts geholfen und die radikalen Hitzköpfe nicht davon ablasten wollen. so wird diese Frage zum Gegenstand einer Agitation auch in England werden, und kann man über den Verlauf noch nicht urtheilen. Die englischen Juden können diesen Dingen ruhig zusehen, denn sie würden durch die Durchführung jenes Princips in keiner Weise berührt. Sie könnten sogar die Logik der Principien und Thatfachen darin bewundern. Die Träger und Bertheidiger der anglikanischen Hochkirche haben sich lange genug der bürgerlichen Gleichberechtigung der Dissenters, der K atholiken und der Juden widersetzt, und man bemühte sich Prinzip dahin eingeschränkt wird, daß die polizeiliche nehmigung von der vorherigen Prüfung jedes einzelnen Falles unter Zugrundelegung der allgemeinen, für die jüdische Bevölkerung verbindlichen Gesetzesbestimmungen und ohne Rücksicht auf die bisherige Staats- oder Ortsangehörigkeit der Petenten abhängig gemacht wird. Bonn, 22. Nov. (Notizen.) Man schreibt uns aus Minden, 13. Nov.: Seit einigen Jahren werden hier die jüdischen Rekruten vor ihrer Vereidigung auf der Commandantur in die Synagoge geführt, wo sie durch unseren Prediger, Herrn Liepmannssohn, in geeigneter Weise ermahnt werden. Heute ist nun zum ersten Male auch die Vereidigung unter Assistenz mehrer Offiziere in der Synagoge vorgenommen worden. Da die christlichen Soldaten nur in der Kirche verlange vergebens, ihnen klar zu machen, daß die Stellung vereidigt werden, so ist diese Neuerung im Interesse der Paritä» Hochkirche durch die Gleichstellung jener nicht verändert oder' tischen Behandlung freudig zu begrüßen. Es sei noch hingar geschädigt werde. Aber ein Princip wie das der Gleichzugcfügt, daß unser Garnison-Commandeur, General v. Stöckle, stellung bringt seine Conscquenzen mit sich, und diese be- ^die Dispensgesuche für die jüdischen Feiertage stets in libe» stehen in der Beseitigung aller confesfionellen Privilegien. > ralster Weise genehmigt, selbst in den Fällen, wo Jnspizi- Anders steht es bei unseren französischen Glaubensgenossen.! rungen die Urlaubsertheilung erschweren. (Es muß wohl bei Mit der Trennung von Staat und Kirche fiele auch die verschiedenen Truppentheilen verschieden gehalten werden; denn staatliche Geltung der israelitischen Consistorialverfassung und' so lange wir in Magdeburg amtirten, wurden die Rekruten