Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1885)
- Date
- 1885-12-01
- Page
- Seite 783 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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783 Quadrataphabets allmälig sich entwickelt und durch die Ligaturen verändert haben, zu reproduciren und müssen wir uns begnügen auf die betreffenden Stellen im Werke selbst (p. 9. 404 bis 431) zu verweisen. Als ein Laie in der Paläographie enthalte ich mich jedes Urtheils, sowohl über die ernsten Bemühungen Chw's., wie der Entscheidung der alten Streitfrage über die krim'schen Grabschriften, als auch über besten von mir in gedrängtester Kürze soeben reproducirte Theorie über die Entwickelung der Quadratschrift; glaube jedoch behaupten zu dürfen, daß selbst für den Fall, daß besagte Ausführungen Chw's. nicht stichhaltig sich erweisen, sein Corpus inscr. Hebr. immerhin seinen immensen Werth für die hebräische Paläographie behält, was ein jeder, der nur mit dem hebräischen Schriftenthum bekannt ist, auch ohne gerade Paläograph von Fach zu sein, einsehen muß, was übrigens alle Recensenten, unter denen gewiegte Specialisten sich befinden, wie Halevy, Kautzsch, Neubauer, Delitzsch u. a. ohne weiteres einräumen. Durch die Sammlung und Erläuterung aller bisher aufgefundenen alten Schriftproben verschiedener Zeiten und Orte, welche bis jetzt zerstreut, theils noch unedirt waren (im Ganzen mehr als 200 N. N.) und auch durch die Beigabe der von Prof. I. Euting meisterhaft ausgearbeiteten, 172 cm. langen, mit 139 Columnen bezeichneten Schrifttafel ist es Prof. Chwolson gelungen, um die hebräische Paläographie und Schriftkunde sich für alle Zeit verdient zu machen und seinem Corp. inscr. Heb., das unbedingt das vollständigste Material auf dem betreffenden Gebiete enthält, einen dauernden Werth zu verleihen. Allein, wenn auch der Hauptwerth des vorliegenden Werkes in der Paläographie gipfelt, so ist er jedenfalls nicht sein einziger oder erschöpfender Werth. Im Jntereste seiner Argumentation hat sich Chw. oft veranlaßt gesehen, jüdischhistorische oder cultur-historische Fragen mehr oder weniger eingehend zu behandeln und kam mitunter zu Resultaten, die von den bis jetzt herrschenden Ansichten stark abweichen. So zum Beispiel über den Gebrauch der Grabschriften, der nach Chw. schon in vorchristlicher Zeit bei den Juden üblich gewesen wäre (pag. 396). Daß man dennoch in Palästina bis jetzt keine eigentlichen mit Grabschriften versehenen alten Leichensteine gefunden, will er durch die Art und Weise, wie die Leichen in Palästina bestattet wurden, erklärt wiffen, in welcher Beziehung er die Angaben von M. A. Levy, auf Grund der von letzterem noch nicht gekannten oder wenigstens unbenutzt gebliebenen Quellen ergänzte. Auch in Bezug auf das Alter des Gebrauches der Eulogien auf Grabsteinen geht Chw. seinen eigenen Weg und findet, daß dieser Gebrauch um 7—8 Jahrhunderte älter ist als nach Angabe Zunz's, nach welchem besagter Gebrauch etwa um die Mitte des 12. Jahrhunderts nach der üblichen Zeitrechnung zuerst vorkäme. Ebenso ist nach Chw. auch der Gebrauch der Abbreviaturen bei besagten Eulogien (pag. 431—451), wie der der Datirung nach der Schöpsungsära weit älter als andere Gelehrte bis jetzt behauptet haben (pag. 474—486). Belehrend und intereffant zugleich sind ferner seine Ausführungen über die Möglichkeit des Gebrauches der Aera limW» (pag. 284), über das Jnschriftenwesen bei den alten Juden (pag. 339—400), über die alten Beziehungen der Küstenvölker der alten Welt (Pag. 452), über den Bildungsgrad der alten krim'schen Juden (pag. 470), über die Datirung bei den alten Juden (pag. 474) rc., auf die wir aus Raumrückfichten hier nicht eingehen können. Jedoch kann ich nicht ein Moment hier unberührt lasten, das von allgemeinerem Jntereste ist. Es handelt sich nämlich um die mit „i-?" oder zusammengesetzten Eigennamen, wie die Namen?pr“p oder oder y.rr, ewr> oder sr.xr, t/snrr oder ysrr Chw. erklärt sie als alte (mit irr) und neuere (mit r) gebrauchte Hiktilformen und macht dabei aufmerksam, daß im Texte sehr häufig, besonders im Buche Ezekiel und dann im „Ketib" erhaltenen, alten hebräischen Formen zu begegnen sind, welche man sonderbarer Weise größtenteils als Arainaismen angesehen hat, auf Grund welcher man, irrthümlich genug, auf das Alter der Redaction dieses oder jenes Stückes des a. T. schließen wollte, wozu man demnach natürlich nicht den geringsten Grund hatte. Prof. Chw. benutzt diese Gelegenheit, um das Verfahren jener eilfertigen Bibelkritiker, die auf Grund ähnlicher vager Hypothesen, wie aus dem Vorkommen der Archaismen in einzelnen Büchern des a. T., welche fälschlich als Aramaismen ausgegeben worden, die Bibel in einzelne unzusammenhängende Stücke zerfetzen, nachdrücklich zu rügen. (Näheres s. pag. 76—84 und in der Monographie desselben: „die Quiescentes in der althebräischen Orthographie". Sonderabdruck aus Travaux de la Troisifeme Session du Congrfes international des Orient. St. Petersburg 1876, t. II p. 457—490, p. 25 ff. (481 ff.). Ohne Zweifel werden die Gegner des Herrn Prof. Chw., gegen welche das nachstehende Werk hauptsächlich gerichtet ist, nicht versäumen, die etwaigen Unrichtigkeiten und Jrrthümer in den Ansichten und Angaben Chw's. aufzudecken, was Grund genug ist, einer Kritik der letzteren, welche außer einem erfahrenen kritischen Blick auch eingehendes und mühvolles Quellenstudium beansprucht, vorläufig sich zu enthalten und zu sehen, was jene in all diese Fragen unbedingt tief eingeweihten kampfgewandten Gegner Vorbringen werden. Dann wird es jedenfalls nicht so schwer fallen, in diesem kolossalen Labyrinth des einschlägigen Materials sich zurechtzufinden und die Ansichten beider Parteien einer ruhigen und gerechten Prüfung zu unterwerfen.