Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1885)
- Date
- 1885-12-01
- Page
- Seite 782 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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782 deutende Werk, wie sein berühmter Verfasser, gerade bei der jüdischen Presse eine andere Behandlung verdient. Ter Name Chwolson und die Erinnerung an sein muthiges, wie entscheidendes Einschreiten zu Gunsten der zu Saratow und Kutay des Gebrauches christlichen Blutes zu religiösem Zwecke angeklagten Juden und an seine bei dieser Gelegenheit veröffentlichten ausgezeichneten Schriften: „lieber einige mittelalterliche Beschuldigungen gegen Juden" und „Gebrauchen die Juden christliches Blut?" fie allein, sagen wir, genügen, um die Behauptung zu rechtfertigen, daß Prof. Chw. bei der jüdischen Preffe die vollste Berücksichtigung verdient.*) Nun ist auch das vorliegende Werk an sich von Bedeutung für die jüdische Wiffenschaft, und welcher Meinung auch competente Richter über einzelne Ausführungen Chw's. in diesem Werke sein mögen. Niemand wird deffen hochbedeutenden Werth für die jüdische Wiffenschaft bezweifeln. Ich hoffe daher, daß wenn auch meine bevorstehende Besprechung spät, sie doch jedenfalls nicht zu spät kommt. Das Ziel, welches unser Autor in vorliegendem Werke sich gesteckt hat, ist zwar ein ganz specielles. Der alte Streit über das Alter und die Echtheit derKrim'schen Grabschristen nämlich soll hier teigelegt werden. Allein, wie spccieü dies Ziel auch ist, der Weg, welcher zu ihm führt, ist jedenfalls von viel ausgedehnterem Jntereffe. Herr Prof. Chw. gehört zu denjenigen Gelehrten großen Stils, die es verstehen, aus ganzen Balken zu hauen und für ihre Behauptungen Argumente aus den entlegensten Gebieten sich zu holen. Bor allem sollte ein möglichst vollständiges Oorxus inscriptionum hebraicarum als breite und sichere paläographische Grundlage dienen, auf welcher Chw. seinen Standpunkt hauptsächlich begründet. Zu diesem Behufe hat er alle Denkmäler in Quadratschrift, welche von de Saulsey, Bogüe, Renan, Levy, Arcoli und anderen edirt, wie auch noch unedirte Inschriften und Papyruffe aus verschiedene Gegenden Asiens und Europas und schließlich verschiedenen Stellen aus Bibelhandschriften, welche aus der Zeit vom Anfang des IX. bis zum Anfänge des XV. Jahrhunderts herstammen, gesammelt und planmäßig in chronologischer Folge (in den Tafeln) und nach ihrer geographischen und inhaltleuchtet und prüft und nicht selten von diesen abweicht. Außerdem setzt er hier ausführlich seine Theorie über die Entstehung und Entwickelung der Quadratschrift auseinanderdie ebenso neu wie intereffant ist. Nach ihm „läßt sich die hebräische Quadratschrist nicht aus dem ägyptisch-aramäischen Alphabet, ja nicht einmal aus der ältesten Form derselben herleiten, sondern aus älteren aramäischen Alphabeten, denen auch die ägypto-aramäischen ihren Ursprung zu verdanken haben . . Die erste Bildung der Quadratschrist reicht nach unserem Autor etwa bis zu den Zeiten Esras hinauf. Daß gerade um diese Zeit die Quadratschrift ihren Anfang genommen hat, erklärt Chw. folgendermaßen. Die vorzüglichsten Ursachen zur neuen Aenderung der Schrift und zur Bildung des Quadratalphabets waren die Ligaturlinicn und dann, im Zusammenhänge damit, das Bedürfniß, die durch dieselbe ähnlich gewordenen Buchstaben zu differenziren. Die Ligaturen wieder bilden sich vorzugsweise beim Gebrauche des Schreibrohres (und nicht bei dem Gebrauche des Meißels oder Griffels auf harten, dem raschen Zuge tiefer Schreibinstrumente Widerstand leistenden Gegenständen, wie Stein oder Metall) und beim Streben, die Arbeit des Abschreibers möglichst zu erleichtern und zu beschleunigen, was gerade zur Zeit Esras statthaben durfte, dem ver Gebrauch zugeschrieben wird, an Sabbathen und Feiertagen den Pentateuch öffentlich vorzulesen, wozu man wohl viele Exemplare deffelben nöthig hatte. Man mußte viel und schnell schreiben, und da mag Esra selbst, oder einer der Soferim, auf den Gedanken gekommen sein, die Ligaturen reichlich anzuwenden. Hat man von denselben beim alten, aus Mesopotamien mitgebrachtem aramäischen Alphabete reichlichen Gebrauch gemacht, so war die Quadratschrift in ihrer ursprünglichen Gestalt fertig." Mit der Zeit, meint Chw., habe man sich so sehr an die Ligaturlinien gewöhnt, daß man sie als integrirende Bestandtheile der Buchstaben ansah, noch später habe man ganz und gar den Ursprung dieser Ligaturen ver geffen und sich gewundert, daß dieselben den Finalbuchslaben 1 - *1- Y fehlen und daß das o am Anfänge und in der Mitte geschrieben wird, weswegen man die Einführung der fünf Finalbuchstaben bald Moses, bald den Propheten zulichen Zusammengehörigkeit (in der Besprechung derselben im? schrieb. Die Finalbuchstaben lir^o waren demnach die ur- Texte) geordnet und in treuen Abbildungen, auf deren Hersprünglichen Formen der betreffenden Buchstaben, die, weil stellung nach Photographien, Abklatschen und Zeichnungen die! sie am Ende des Wortes zu stehen kommen, keine Ligaturgrößte Sorgfalt verwendet wurde, hier vereinigt und ebenso linien angenommen haben. Diese Resultate, zu welchen Chw. eingehend als intereffant besprochen, wobei er sich keineswegs i auf dem Wege der Paläographie gelangt ist, ständen nach seiner mit der Rolle eines Compilators begnügt, sondern vielmehr Meinung im Einklänge mit der bei Origenes, Hieronymus, die Angaben und Meinungen seiner Vorgänger über die Zeitbestimmungen dieses oder jenes Denkmals kritisch be- *) Die Erklärung liegt darin, daß von diesem Werke der Redaktion lein Exemplar zugesandt, worden, und eine Besprechung in solchem Falle nicht stattzufinden pstegt. Redact. Epiphanias und den Rabbinen des II. Säe. nach der üblichen Zeitrechnung aufbewahrten Tradition, daß die Einführung jener Schrift durch Esra erfolgt ist. Der Raum gestattet uns nicht, die weiteren Ausführungen Chw's. zu verfolgen, noch weniger, seine Erklärungen, wie die einzelnen Buchstaben des