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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-01 · Heft 49 (1.12.1885) · p. Seite 781

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 49 (1.12.1885)
Date
1885-12-01
Page
Seite 781 (sequence 5)
Language
German
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781 aßt Modifikationen des Tones zu, die mit der musikalischen Bestimmtheit desselben verwandt sind. Da ist in Betracht zu ziehen der Rhythmus, welcher der dichterischen Rede Gestalt, Maß und Symmetrie verleiht, dann aber auch ganz besonders der Wohllaut in der Bildung der Sätze, in der Aufeinanderfolge der Wörter und Sylben rc. 3) Noch eine dritte Forderung hätten wir an das Synagogenlied zu richten, nämlich die Klarheit und Anschaulichkeit. Man muß wissen, wovon im Liede die Rede sei. Gedanken, die ins Nebelhafte verschwimmen und wobei sich nichts Bestimmtes denken läßt, oder dunkle Ideen, mit denen die Sprache noch ringt, um sie angemessen aussprechen zu können, gehören nicht in diese Dichtung, die, so tief und inhaltsvoll ihre Gedanken sein mögen, doch hell wie ein Sonnenschein vor uns liegen muß. Auch dürfen dem Reim oder Metrum zu liebe die Worte nicht verstellt sein, so daß man sich erst besinnen muß, wie sie eigentlich stehen sollten. Zur Klarheit gehört ferner die Anordnung der Gedanken, damit das innere geistige Auge die Dichtung überschauen und zusammensaffen kann. Zwar kennt die Poetik eine lyrische Unordnung, ein Absteigen, wo ein Gegenstand kaum berührt unv dann wieder verlassen wird. Der Dichter will keine Demonstration aufbauen, auch seine Dichtung nicht nach einer regelrechten Disposition gestalten, sondern er will ein Bild zum Anschauen geben. Daher, und weil der Sinn jeder Strophe mit der Strophe selbst relativ abschließen muß, ist es gestattet, daß von einem Liede etliche Verse oder Strophen abgeschnitten werden, ohne dasselbe zu entstellen. — So verfuhr ich im Jahre 1857, als mir, als damaligem Rabbinatsverweser, vom Borstande der Auftrag ward, ein Lieder-Compendium für die hiesige Synagoge zusammenzutragen, zu ordnen und hcrauszugeben. Der gedrängte Raum gestattete nicht, Lieder von 7 bis 8 großen Strophen vollständig aufzunehmen; ich zog daher von je einem großen Liede drei bis vier Strophen heraus und fand dennoch den Sinn nicht entstellt. So verfuhr ich z. B. mit den Liedern: „Wenn des Sabbaths Feierfiille unfern Geist rc." für den Sabbath; „Gott erschien auf Horeb's Höhen rc." für das Wochenfest: „Seele, was betrübst du dich rc." für die Todtenfeier am Berföhnungstage. Bei diesem Verfahren leitete mich aber auch die Hoffnung, die Gemeinde werde sich anfänglich leichter an ein Weniges als ein Vieles gewöhnen, leichter in seinen Sinn eindringeu und ihn lieb gewinnen; das Lied werde sich eher in ihrem Geiste assimiliren und ihr geistiges Eigenthum werden. Und, wahrlich! meine Hoffnung ist aufs Beste erfüllt worden. Wenn z. B. am Berföhnungstage, nach vorausgegangener Betrachtung über den Tod und Erinnerung an die Todten, das herrliche Lied: „Seele, was betrübst du dich rc." angestimmt wird, da wird es gesungen von Jung und Alt, von der ganzen anwesenden Gemeinde, mit wahrer Begeisterung, mit gehobener, verklärter Stimmung; es ist in Wahrheit ein beseligender Moment; ein balsamischer Duft hat sich über alle Anwesenden ergossen, der den Gedanken der Verwesung überwindet; der Erdensohn ist ausgesöhnt mit Grab und Tod. — Aber ungeachtet der Dichter im Liede keine didaktische Gedankenentwickelung, sondern nur ein Bild zum Anschauen geben will, muß man doch bedenken, daß auch ein Bild eine gewisse Ordnung hat, und was z. B. in den Hintergrund gedrängt ist, nicht ebenso gut im Vordergrund, in heller Beleuchtung stehen darf. Auch giebt es in der religiösen Wahrheit bestimmte Zusammenhänge zwischen Grund und Folge, zwischen Handlung und Motiv, die auch der Dichter nicht wohl zerreißen oder verkehren darf. — Ein nothwendiges Erforderniß für den poetischen Charakter ist endlich auch die Anschaulichkeit, durch welche das innere Auge Etwas zu schauen hat. Wie bereits angedeutet, sollen im Liede nicht abstracte Gedanken, sondern Bilder gegeben werden, die sich der Phantasie in lebendiger Gestaltung und Farbenhclle zur Anschauung darbieten; nur darf bei einer Mannigfaltigkeit von Bildern, die das Lied enthält, das eine Bild das andere nicht stören; auch dürfen die Bilder nicht ineinander geschoben werden. — Ich habe im Vorhergehenden die Gesichtspunkte zu zeigen versucht, von welchem aus die Güte und Vortrefflichkeit eines einzuführenden deutschen Synagogenliedes zu beurtheilen, und die namentlich von Gesangvereinen in Betracht zu ziehen seien. — Möchten doch Letztere von dem hohen Werthe, den sie dem öffentlichen Cultus verleihen, immer mehr durchdrungen werden und in ihrem Eifer nie erkalten! Möchten ihnen aber auch die Gemeinden die gebührende Anerkennung jeder Zeit zu Theil werden lassen und immer mehr Sinn und Berständniß für ihre Leistungen erlangen. Literarischer Wochenbericht. Petersburg. 10. Nov. Lorpns inscriptionum hebraicarum, enthaltend Grabschristen aus der Krim und andere Grab- und Inschriften in alter hebräischer Quadratschrift, sowie auch Schriftproben aus Handschriften vom IX.—XV. Jahrhundert, gesammelt und erläutert von D. Chwolson. Mit IV photographischen und II phototypischen Tafeln nebst einer Schrifttafel von Prof. Dr. Euting. St. Petersburg 1882. 8abent sua tata libelli. Mehr als drei Jahre sind bereits verstrichen, seitdem dieses Werk des berühmten Autors des „Ssabier und Ssabismus" erschienen ist, und während die bedeutendsten allgemeinen und Fach-Zeitschriften diesem Letzteren eingehende Besprechungen gewidmet haben, hat bis heute, meines Wissens, kein jüdisches Organ — mit Aus-! nähme der „Revue des Etudes Juives“ — es mit einer I Silbe erwähnt. Und doch hat dieses, unbedingt sehr be-

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