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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-12-01 · Heft 49 (1.12.1885) · p. Seite 780

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 49 (1.12.1885)
Date
1885-12-01
Page
Seite 780 (sequence 4)
Language
German
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780 Gesuche aus Mangel an Mitteln abgewiesen worden find?! Was uns freut ist, daß wir im Berzeichniß der Förderer die israelitische Gemeinde Augsburg, Braunschweig, mit je M. 30, Bromberg mit M. 20, Neiße mit M. 9, Nürnberg mit M. 50 und der Armenverein daselbst mit M. 50 aufgesührt sehen. Mögen im Hinblick auf das dringende Bedürfniß recht viele Gemeinden und einzelne Menschenfreunde diesem schönen Beispiele folgen und so dem Vereine die Mittel zu Gebote stellen, recht viele Noth innerhalb der wissenschaftlichen Jugend unserer Religion zu lindern. Darmstadt, im Oktober. Das -rutsche Lied im syuagogaleu Kultus. Bon M. Mannheimer jn Darmstadt. Das deutsche Lied ist bekanntlich bereits in den öffentlichen Kultus vieler Synagogen eingeführt und voraussichtlich wird es unter den israelitischen Gemeinden Deutschlands immer mehr an Boden gewinnen, immer größere Verbreitung finden. Es muß daher die Frage an uns herantreten: welche Eigenschaften müssen einem deutschen Liede innewohnen, wenn es dem Zwecke des öffentlichen jüdischen Gottesdienstes entsprechen und werth sein soll, in denselben als Synagogenlied eingeführt zu werden? Diese Frage soll hier in Kürze beantwortet werden. — 1) Von dem einzuführenden Synagogenlied können wir vor Allem Wahrheit fordern; denn der Grundcharakter des Judenthums ist die Wahrheit, und ein standhafter Zeuge der Wahrheit zu sein, ist seine weltgeschichtliche Mission. Das Lied darf also Nichts enthalten, was der Wahrheit widerstrebt, also nicht religiöse Fiction, Schein, Jrrthum oder gar Lüge. Die Wahrheit ist enthalten in Vernunft und Schrift, folglich muß das Lied Vernunft- und schriftmäßig sein. — Die Psalmen enthalten bei all ihrer Unübertrefflichkeit Härten, die zur Zeit ihrer Abfassung passend und angemessen waren, für unsere Zeit aber abstoßend und unerbaulich sind. Nur bei äußerst wenigen Psalmen*) ist schon eine Bersisication hinreichend, um sie für unseren Gottesdienst brauchbar zu machen; bei gar vielen ist eine Umarbeitung nothwendig, so daß das Bibelwort nur der Funke ist, der die Poesie in dem Dichter entzündet, der es aber nach seiner Weise frei um arbeiten muß. Auch reichen die Psalmen nicht aus, um in ihnen den Ausdruck unseres religiösen Lebens nach allen seinen Beziehungen, was als Kummer oder Sorge, als Sehn- *) Wir können uns dieser Ansicht nicht anschließen z schon die im Gebetbuche gebräuchlichen Psalmen find mit geringer Ausnahme sämmtlich zum Liede geeignet und außerdem noch eine ganze Reihe. Redaktion. sucht oder Hoffnung, als Freude oder Schmerz, als Glaube und Liebe in uns lebt, vollkommen ausgesprochen zu finden. — Das Synagogenlied muß auch subjektiv wahr sein. Was der Dichter darin ausspricht, muß in ihm leben und in allen Herzen wiedertönen; es muß, dem Sinne nach, schon in diesen liegen und nur durch das Lied zur Entfaltung gebracht werden. Wie es zur echten Humanität gehört, nichts Menschliches, was nur ein Menschenherz in Lust und Schmerz bewegen kann, sich ftemd zu halten, ebenso gehört es zum echten Jsraelitenthume, nichts Israelitisches sich ftemd zu achten. Was daher echt Israelitisches im Liede ausgesprochen ist, wie der große Beruf Israels, die Würde der empfangenen Thora, die Leiden und Hoffnungen Israels, wird von Allen empfunden werden, die noch Israeliten in Wahrheit fein wollen; sie werden es ihrem Geiste asfimiliren. Welcher Israelit wird z. B. das von M. M. Haarbleicher in Hamburg verfaßte und von mir im Jahre 1857 in die hiesige Synagoge eingeführte Lied: „Das ist die Thora, das ist das Wort rc." mitfingen oder mit anhören können, ohne darin seine eigenen Gefühle und Ueberzeugungen ausgesprochen zu finden? 2) Schönheit ist das zweite Merkmal, das dem Synagogenlied eigen sein soll. Hierzu gehört vor Allem die Schönheit des Gedankens. Ein Gedanke ist schön, wenn er irgend eine Wahrheit in solcher Form ausspricht, die ihm nicht nur sich anpaßt, sondern auch die Phantasie anspricht und das Gefühl für ihn gewinnt, so daß er mit Freuden ausgenommen, und daß man, ihn anschauend, sich immer aufs neue freut. — Auf religiösem Boden muß das Schöne von einem tiefwahren religiösen Gedanken getragen werden, und damit das religiöse Wahre ein Schönes werde, muß der Inhalt eine Gefühl und Phantasie ansprechende Form haben. Die Sprüche der heiligen Schrift tragen das Gepräge des Schönen. Dies wird sogar von denen empfunden, denen ihr Inhalt nicht Lebenswahrheit ist und die sich denselben nicht aneignen wollen. Und zwar ist es ebenfalls die Harmonie des Inhalts mit dem Ausdrucke, sowie daß auch der Anschauung ein anziehendes Objekt geboten wird, was dem biblischen Worte das Merkmal des Schönen aufdrückt. — Alles wahrhaft Religiöse ist schön, sobald es sich in einer reinen lebendigen Form darstellt; d. h. Alles, was Gemüth und Gewissen im Innersten trifft, bewegt und erfüllt, wird auch immer zugleich, sobald es nur zum Gegenstand der Anschauung gemacht wird, die Phantasie anregen und ihr Nahrung geben und somit als das Schöne empfunden werden. — Das Schöne liegt also zunächst in dem dargestellten Gedanken. Demungeachtet macht auch das Ohr sein Recht dabei geltend, sofern der Gedanke in hörbarem Worte sich ausspricht. Zwar ist das gesprochene Wort noch nicht dem musikalischen Gesetze unterworfen, was ihm erst als gei sungenem Worte zukommt; aber auch das gesprochene Wor

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