Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1885)
- Date
- 1885-12-01
- Page
- Seite 778 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227605--43107-3311727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
778 ganz ruhig blieb und fortfuhr, der befruchtende Faktor für gegen was sollen wir losstürmen, was sollen wir beseitigen? Industrie und Handel zu bleiben, wie es dies war, und unhatte sie keine Antwort zu geben. So mußte sich denn auch entwegt dem materiellen Wesen in der Weise zu dienen, welche! die früher gehegte Furcht verlieren; man sah die Juden gegen diese fördert. Die ganze antisemitische Bewegung übte, auch die heftigen Angriffe ohnmächtig und wehrlos, nur daß deren nicht in einem Momente, einen Einstuß auf die Börse aus. Es; Ruf nach Wahrheit und Gerechtigkeit sich um so mehr Bahn stellte sich also factisch heraus, daß der Einfluß der Juden brach, je weniger man ihnen Thatsachen entgegenstellen konnte, auf Kapital und Börse garnicht fühlbar war. Diese sind,! Allerdings suchten sich die Antisemiten zu helfen, indem sie wie Jndstrie und Handel selbst, völlig interkonsessionell, d. h. > Lügen auf Lügen häuften und falsche Behauptungen ins Feld die Consession ist für dieselben irrelevant. Die Industrie führten. Diese waren aber zum größten Theil so übertrieben, schafft, wofür sie Absatz zu haben glaubt; der Handel verdaß sich deren Unwahrheit bald herausstellte; es war in den kauft die Maaren ebenso gern an den Fetischneger, wie er meisten Fällen garnicht schwer, namentlich in ihren Zahlenvom chinesischen Buddhisten kauft. Aber ebenso wenig zeigte angaben, die absichtliche Unrichtigkeit und Verdrehung nachsich eine Machtäußerung seitens der Juden in der Presse, zuweisen. Dadurch verloren sie jedes Ansehen, außer bei Jahrelang wüthete die antisemitische Agitation gegen die ihren verbissenen Anhängern, und jeden Glauben. — Hierzu Juden, erhob gegen sie alle möglichen Anschuldigungen, stellte kam nun noch, daß der Antisemitismus zum Wahlmanöver die wüstesten Behauptungen auf und — die Presse schwieg.; gebraucht ward. Einerseits hatten die einzelnen Agitatoren Das heißt ein nicht geringer Theil derselben schlug sich zu von Beginn an zur Absicht, auf den Wahlschild gehoben zu den Antisemiten und wetteiferte mit den Reden und Pamwerden; andererseits glaubte die ceactionäre Partei, recht phleten dieser in der rohesten Gehässigkeit. Aber die sogen.1 viele Stimmen im Volke durch den Antisemitismus zu geliberale Presse schwieg und trat für die Angegriffenen durch-; winnen. Auf diese Weise wurde der letztere eine Parteisache aus nicht ein, ein Theil derselben zeigte sich sogar sehr ge- | und dies mußte seine Kraft lähmen. Denn einentheils wich neigt, dann und wann auch ein antisemitisches Artikelchen zu j er auf diesem Wege unter die Momente der betreffenden bringen. Man fürchtete eben, bei einem großen Theil der Abonnenten durch Vertheidigung der Juden Anstoß zu erregen; man fürchtete zu den „Judenblättern" und ^Judenknechten" gezählt zu werden; man war vielleicht von jener Furcht vor der vermeintlichen Herrschaft der Juden auch nicht frei. Selbst die in den Händen von Juden befindlichen Blätter schwiegen — mit geringer Ausnahme — wohl aus denselben Befürchtungen. Außer einigen, von tapferen jüdischen Autoren verfaßten Broschüren, welche außerhalb der jüdischen Kreise nur wenige Leser und noch geringere Beachtung fanden, blieb Alles stumm in der Vertheidigung der so schwer Heimgesuchten. Aenderte sich dies später etwas, so hatte es seinen Grund in einem anderen Umstande, dessen wir gleich erwähnen werden. So zeigte es sich überklar, daß der Einfluß der Juden auf die Publizistik und Literatur so gut wie Null war, daß, was Einzelne von ihnen in diesen galten, eben nur dem Talent und dem Geschick dieser Einzelnen zukam, daß von einer allgemeinen Herrschaft über Richtung und Tendenz seitens der Juden garnicht die Rede sein konnte. Was man in jenen für jüdische Tendenzen ausgab, war nicht von Juden gekommen und gefördert, sondern von christlichen Autoren und Literaten, höchstens daß einige jüdische Skribenten sich diesen anschlossen. Bor einem solchen factischen Beweise mußte die anttsemitische Agitation die Segel streichen. Sie fand keinen wirklichen Angriffspunkt, keinen thatsächlichen Gegenstand, den sie aus dem Wege räumen könnte. Sie konnte aus der Phrase oder aus dem Pöbelexceß nicht herauskommen und da man sie befragte. Partei zurück, verlor feine allgemeine Geltung und wurde nur einer der vielen Zwecke der Partei; anderntheils mußten sich nun alle anderen Parteien mehr oder weniger gegen ihn erheben, ihn bekämpfen, verurtheilen, seine Schliche aufdecken, seine Lügen ans Tageslicht bringen. Als Wahlmanöver verlor er seine Kraft und sein Ansehen selbst bei jener Partei, weil er sich erfolglos zeigte, weil der überaus größte Theil des Volkes sich von ihm bei den Wahlen nicht leiten ließ, und die Partei, die ihm sich angeschlossen, sah, daß sie ohne ihn denselben Erfolg gehabt hätte, vielleicht noch größeren. Wir glauben, daß diese Darstellung das Anschwellen und die Abschwächung des Antisemitismus zu einem großen Theile erklärt. Fügen wir noch eine Bemerkung hinzu, die allerdings in keinem direkten Zusammenhang steht. Man muß sich klar machen, daß, als Stöcker seinen Feldzug gegen die Juden eröffnete, er dies sicherlich nicht wie einveusex maebiua unternahm, nicht ohne sich eines Hinterhalts vergewissert zu haben, ohne Fühlung und Unterstützung hochangesehener Männer, die hinter den Coulissen geblieben, ihm jedoch in jedem Falle den Rücken zu decken versprochen hatten. Um so weniger ließ es sich erwarten, daß Stöcker, wenn er in Defaillance gerieth, aufgegeben würde. Man mußte ihn unter allen Umständen halten, wenn auch seinem antisemitischen Streben die früher geleistete Unterstützung in Wegfall kam. Nun hatte aber jener Mann, nachdem er durch seinen Antisemitismus die Blicke allgemein auf sich gezogen hatte, aber auch noch eine andere Fahne aufgestcckt, die der kirchlichen Orthodoxie. Die ecclesia militans bedarf aber streitbarer, rücksichtsloser Männer. Hieri