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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-11-24 · Heft 48 (24.11.1885) · p. Seite 767

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 48 (24.11.1885)
Date
1885-11-24
Page
Seite 767 (sequence 7)
Language
German
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767 Er sagt„Wenn der Herr Berfaffer von der Geschichte des > und Rechtfertigung dienten. Spricht er nun vom sittlichen Mittelalters etwas mehr, als die äußeren Thatsachen kennte, Werthe, so durste er nicht, wenn er der Geschichte folgen würde er wissen, daß die allerdings scheußlichen Judenverwollte, aus den Augen lassen, daß man den Inden nichts solgungen damals ihren sehr realen Grund an dem vom als Geldhandel und Trödel übrig gelassen, daß diese gleichsittlichen Standpunkt aus nicht weniger schlimmen Wuchersam das einzige Luftloch waren, durch welches sie athmen wesen der Juden hatten, über dessen Ausdehnung und schweren konnten, da man ihnen sonst den Hals zugeschnürt hatte; er Druck z. B. hier am Rhein die archivalischen Zeugnisse keinen hätte erwogen, daß mau die Juden dieses Geldgeschäftes Zweifel übrig lassen. Er würde daun vielleicht auch zugeben,; halber zuließ und geradezu ins Land ries und ihnen Prividaß der heutige Antisemitismus, mag man dessen Rohheit'legten dafür gab, weil Geldgeschäfte den Christen kanonisch und Gewaltthätigkciten noch so sehr beklagen, gleichfalls in verboten waren, daß man ihnen also von Staatsfeiten und realen Verhältnissen Erklärung findet, namentlich als Rcaction gesetzgeberisch das Recht dazu verlieh. Wir könnten z. B. gegen den besonders von jüdischen Speculanten vertretenen unserem Philosophen sog. Judenschutzbriefe deutscher Fürsten Börsenschwindel betrachtet werden muß, durch den ein geaus dem Jahre 1607 aufwersen, in welchen den Betreffenden waltiger Theil des Bolksvermögens arglistiger Weise in die ein viel höherer Zinsgenuß gestattet wurde als landesüblich Taschen weniger meisten» unproduktiver und auch sonst nichtswar; wir sahen z. B. einen solchen Brief, der einem Lehrer nutziger Subjekte gepumpt wird." Man wird zugestehen, an einer herzoglich privilegirten Schule ertheilt ward, der daß diese Sprache eines Philosophen oder wenigstens eines niemals an Geldgeschäfte dachte. Wenn demnach Herr Schaar- Professors der Philosophie recht würdig ist! Ein Nicht-; schmidt diesen Wucher aus dieselbe sittliche Stufe stellt wie Philosoph hätte dem Or. A. wohl gesagt, er sei aus confessio- Mord und Brand, Raub und Schändung, so muß er die nellen Gründen zu Gunsten der Juden vorurtheilsvoll. Ter! deutschen Fürsten und Städte, welche die Inden dazu privi- Philosoph aber wirft ihm sofort Unkenntniß der Geschichte! legirten, erst recht aus diese sirtliche Stufe versetzen, und wenn des Mittelalters vor; er geht noch weiter und findet die an! dieselben Fürsten und Städte nach einiger Zeit die Juden vielen Tausenden, unter welchen gewiß die Mehrzahl zum überfielen und ausplünderten, so standen sie noch auf viel Wucher gar keine Mittel hatten, verübten Mordthaten und Ausplünderungen, Berjagungen und Ausrottungen mit dem Wucher auf derselben sittlichen Stufe stehen, und daß also die Wucher treibenden Juden dieses ganze grausame' Geschick verdient hätten. Wir müssen jedoch, trotz der „architieferer sittlicher Stufe. Würde also Herr Schaarschmidt die Geschichte des Mittelalters wirklich studiren, so würde er wenigstens zu der Erkenntniß gelangen, daß die mittelalterlichen Judenverfolgungen nicht so einfach sind, wie er es ans seinen rheinischen archivalischen Quellen geschöpft haben will. valischen" Kenntrnye, die der Philosoph für sich in Anspruch! Besonders muß sich doch wohl ein Philosoph in Acht nehmen. nimmt — in jüngster Zeit glaubt man die ganze Geschichte zu kennen und zu verstehen, wenn man irgend ein „archivalisches Dokument" gesunden hat, welche» irgend einen Specialfall und in den meisten Fällen von Seiten einer Partei bespricht — behaupten, daß der Herr Professor in seinen wenigen Sätzen nur eine geringe Kenntniß des Mittelalters verrath. Die Judenverfolgungen haben ihren Anfang genommen von dem Ueberfall, den die Schaaren der ersten Kreuzfahrer auf die Juden vollbrachten, und ihre christlichen Mitüber sittlichen Werth und sittliche Rechtfertigung von Missethaten so kurz weg abzuurtheilen, sonst könnte man zu der Ueberzeugung kommen, daß die Gehässigkeit selbst einen Philosophen verblendet. Jndeß Herr Schaarschmidt will auch den modernen Antisemitismus rechtfertigen. Natürlich beklagt er „dessen Rohheit und Gewaltthätigkeiten" — das ist allerdings sehr wohlfeil — aber er findet ihn erklärlich durch den , besonders von jüdischen Spcculanten vertretenen Börsenchwindel." Dieser Philosoph ist vorsichtig, denn er sagt bürger, Bischöfe voran, suchten die letzteren zu schützen. Wie soll j „besonders", weil er wohl weiß, daß der Börsen- und Gründernun das Gesindel, das zu diesem ersten Kreuzfahrerzuge zu-! schwindel auch von Christen und zum Theil hochadeligen sammengelaufen war, aus solchen bestanden haben, die unters betrieben wurde und wird. Wie kann er aber die Plündedem Wucher der Juden gelitten? Warum gerade Kreuzfahrer? rungsexcesse an jüdischen Häusern und Läden in Preußen Warum mit dem Rufe „Gott will es"? Warum die Ber- und Pommern, die Raub-, Brand- und Mordexcesse in Rußtheidigung der Juden durch die ansässigen Bürger? Würde land und Ungarn durch den „Börsenschwindel" in Berlin, dieser Herr die Geschichte des Mittelalters genauer kennen Wien und Frankfurt erklären wollen?! Wo ist da der logische oder beachtet haben, so hätte er gefunden, daß die meisten An- Zusammenhang, der doch einem Philosophen so theuer sein stifter von Judenverfolgungen Mönche, Priester und Menschen muß! Wie will er es rechtfertigen, über Millionen einer be aus der untersten Hefe gewesen sind, und daß den Verfolgungen stimmten Religionsgenossenschaft Schimpf und Schmach, Zu- Beschuldigungen von Hostienentweihung, Brunnenvergistung, rücksetzung und Beschränkung sich ergießen zu lassen, weil Blutbeschuldigung — nicht aber von Wucher — als Ursache; einige hundert aus derselben mit Genossen aus anderen Con-

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