Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-11-24 · Heft 48 (24.11.1885) · p. Seite 766

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 48 (24.11.1885)
Date
1885-11-24
Page
Seite 766 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227604--43094-3311713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

76$ Wir finden also auch bei ihm dieselbe Grundlage, dieselbe Grundrichtung der Gedanken, denselben Hinweis ans die > Lehre und das Gesetz, die in Israel seit alter Zeit bestehen.! Suchen wir nun nach einigen Einzelheiten, so hören wir ihn! in seiner ersten Rede sich entrüstet aussprechen über die! Frömmelei, mit welcher der ganze Cultus in überreichem! Maße betrieben ward, während man dem Unrecht, der Gewalttbat, der Bedrückung und Lieblosigkeit fröhnte: „Wozu mir Eurer Opfer Menge?" der Ganzopfer von Widdern, des Fettes der Mastkälber u. sw., wozu das Rennen in den Tempel und desien Vorhöfe? Neumond und Sabbath. Zusammenberusung (kt-? s~p, echt mosaisch), nicht mag ich Frevel und Fest: eure Mon^e und Feste hastet meine Seele, sowie das viele Gebet, während die Hände voll Blutes sind." So stellt er den ganzen Apparat des mosaischen Cultus vor unsere Augen und geißelt die Heuchelei, die sich seiner bedient, um ihre Bosheit zu verdecken, oder den Wahnglauben, hegt, dadurch die frevlen Thaten zu sühnen. 4, 5 erinnert er an die Rauch- und Feuerwolke, die einst vor Israel einhcrqezogen, 11, 16 erinnert er an den Auszug aus Egypten. 30, 29 erwähnt er „der Nacht der Festesheiligung und Herzensfreude, wenn der Pilger bei Flötcnton zum Berg des Ewigen, zum Felsen Israels zieht," also des Peßachabcnds, wo alle Familienväter Israels das Pcßachlamm darbringen. 37, 30 wird jenes Zusammentreffens gedacht, wenn nach dem Erlaßjahre das Jobeljahr folgt. Endlich finden wir in dem Dankliede 12, 5 die Worte des Liedes am Rothen > Meere: „Singet dem Ewigen, denn Hohes that er, kund sei; es auf aller Erden." — Blicken wir nun schließlich auf die nochexilischen Propheten, so finden wir bei Haggai 2. 12 die 4 Mos. 19. 22 besprochenen Verunreinigung durch die Berührung eines Tobten erwähnt. Maleachi 1, 2 wird Esau's und der Bevorzugung Jacobs gedacht. Der Prophet erhebt sich B. 6 entrüstet gegen die fehlerhaften unreinen Opfer, welche das Volk darbringt, sowie gegen die unvollständigen Zehenten (3. 10). Nachdrücklich handelt er 2. 4 von der Erwählung des Stammes Leon zur Belehrung des Volkes, und er schließt 3, 22 mit den Worten: „Seid eingedenk der Lehre Mosis, meines Dieners, die ich ihm entboten am Horeb für ganz Israel. Gesetze und Reckte." — Wir glauben durch diese Zusammenstellung den vollen Beweis erbracht zu haben, einerseits daß sänuntliche Propheten auf dem Boden der mosaischen Lehre und des mosaischen Gesetzes stehen, daß sie allesammt diese als seit alter Zeit bestehend, im Volke lebend und von einem Theile desselben geübt voraussetzen, daß sie von ihrem Geiste durchdrungen, mit den mosaischen Institutionen und deren wörtlichem Aus druck vertraut sind, ja daß der Kampf, den die Propheten streiten, der Erhaltung und Befestigung jener Lehre und jenes Gesetzes gilt. Andererseits sehen wir, daß diese Propheten bis in die Zeit vor dem Könige Hiskia, also auch vor dem Könige Josias, welchem die mosaische Urkunde wieder zu Händen kam, reichten, also ihr Zengniß bis darüber hinaus ausdehnen. Der Prophetismus mit seinen eigenthümlichen, von den Verhältnissen der Zeit gebotenen Richtungen, war also die zweite Entwickelungsphase, der zweite concentrische Kreis, der sich um den ersten, den Mosaismus, und seine Peripherie über denselben hinaus legte, bis er zuletzt die ganze Menschheit umfaßte, diese jedoch um Israel als Mittelpunkt versammelte. Cüerarifdjrr Wochenbericht. Bonn, 11. Nov. In der jüngsten Zeit muß es auffallen, daß so viele deutsche Gelehrte jetzt mit ihrer antisemitischen Gesinunng hervortreten und sie recht deutlich im! Lichte des Tages flimmern lasten. Als die antisemitische Agitation sich in Deutschland erhob, trat in Berlin eine | Reihe autoritativer Männer zusammen uud erließen eine Er-! klärung gegen diese „Schmach unserer Zeit". Unter diesen! Männern befanden sich auch einige wiffeuschastliche Celebri-! täten, doch nicht zu viele, die anderen waren hochangesehcne! Männer aus dem industriellen und sozialen Leben Die große! Maste der wissenschaftlichen Deutschen schwieg. Jetzt nun, j wo jene Agitation in merkbarer Abnahme ist, fühlt man sich; bet antisemitischen Aeußerungen sicher vor der Gefahr, unter jene gehässigen Agitatoren gezählt zu werden. Bei dem Anklange, den jedoch diese Bewegung in der vielverbrciteten antisemitischen Gesinnung gefunden, fühlt man sich auch sicher, bei judengedässigeu Aeußerungen Nachtheile zu finden. So kommt mit einem Mal nicht wenigen deutschen Gelehrten der Muth, tapfer aus die Juden loszuziehcn. Es ist für uns eine traurige Aufgabe, auch diese Erscheinung zu cvustatireu uud ihr abwehrcnd cntgegenzutreten. Die Herren möchtctl sonst glauben, ihre Autorität sei so mächtig, daß mau vor ihren parteiischen Aeußerungen schweigen müste, daß, wenn sie gesprochen, überhaupt jede Diskussion ein Ende habe. Heben wir daher heute einige Beispiele! hervor. Wir haben die Schrift des l)r. David Asher: „Das Endergcbniß der Sckopcnhauerschen Philosophie in seiner Ncbereinstimmung mit einer der ältesten Religionen" unsererseits besprochen (Nr..'»2, I>^d4. Ni. 1 d.J.,S.7). In den ^Philosophischen Mouatsbestcn (XXII. 1t>2)" giebt Pros Schaarschmidt eine kurze Kritik über diese Schrist, die wir hier nicht weiter zu beachten haben. Asher hat sich nebenbei gegen den Antisemitismus ausgesprochen, welchen er „als Rückfall in die mittelalterliche Barbarei" charakterisirt. Dies ist es, was den Herrn Professor in hohem Grade entrüstet. Tenn in seinen Augen ist die „mittelalterliche Barbarei" gegen die Juden uud ebenso der heutige Antisemitismus völlig gerechtfertigt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.