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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-11-24 · Heft 48 (24.11.1885) · p. Seite 764

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 48 (24.11.1885)
Date
1885-11-24
Page
Seite 764 (sequence 4)
Language
German
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76 wachte allerdings auch in Pommern, den beiden Preußen, Posen und Schlesien das Bedürfniß nach besseren Zuständen; aber es wollte sich bisber kein rechter Mittelpunkt für ein derartiges Bestreben finden. Neuerdings kommt durch die Ausweisung der russischen Untertbanen geradezu eine Notwendigkeit herein und vor dieser wird man sich wohl beugen. Bereits hat ein hochherziger Mann, wie wir berichtet haben, der Gutsbesitzer Rohr bei Bojanovo, ein Capital j von M. 460,000 sowie ein Haus- und Gartengrundstück in Bojanovo gestiftet, um daselbst ein jüdisches Lehrerseminar! zu gründen. Außerdem ist aber unter Mitwirkung des ^Israelitischen Studien-Beförderungs-Vereins für Ost- und Westvreußen zu Königsberg" ein Comitä zusammengetreten, um für die vier östlichen Provinzen, Ostpreußen. Westpreußen, Pommern und Posen ein jüdisches Lehrerseminar in der Stadt Polen zu gründen. Dasselbe soll seminaristisch gebildete Neligionslehrer, die in Rücksicht auf die Bedürfnisse kleinerer Gemeinden zugleich die Stellung eines Cultusbeamten bekleiden können, ausbilden. Die Mittel zu der Anstalt sollen durch freiwillige Schenkungen und Jahresbeiträge aus allen vier Provinzen beschosst werden. Es wird sich nun zeigen, ob die jüdische Bevölkerung dieser Provinzen, die in dieser Beziehung so sehr zurückgeblieben, Einsicht und Freigebigkeit genug besitzt, um dieses unentbehrliche Werk und zwar recht bald zu Stande zu bringen. Denn allerdings ist dort Gefahr im Verzüge. Möge es uns vergönnt sein, über die Verwirklichung dieses Planes recht bald berichten zu können. — Der gedachte Verein, der soeben seinen 16. Jahresbericht über das Jahr 1384 ausqegeben. hat im verflossenen Jahre 47 Stipendien mit M. 2890 verausgabt und für 1660 M. ostpreußische Pfandbriefe angekauft, so daß der e'serne Fond jetzt aus M. 80.600 besteht. Demungeachtet mußte der Vorstand seinem diesjährigen Berichte eine unerfreuliche Bemerkung voranschicken. Diese „gilt der verminderten Theiln.ibme an unseren Bestrebungen, wie sie ein Blick auf die so lückenhafte Mitgliederliste sowohl in Bezug auf das Fehlen ganzer Gemeinden als so vieler nambasser Personen in demselben aufzeigt. Wenn der Verein auch weiterhin seiner Aufgabe genügen, weiterschreiten, statt zurückgehen soll, dann muß er auf thatkrästigere Unterstützung zählen dürfen, und wenn wir auch gern den augenblicklichen schwierigen Zeitverhältnissen Rechnung tragen: es giebt doch in den beiden Provinzen noch Hunderte von Glaubensgenossen, die ohne besondere Belastung den geringfügigen Beitrag — Minimalbeitrag 6 Mark jährlich — leisten könnten, wenn sie nur wollten und — wir können unseren Herren Localvorstehern diesen Vorwurf nicht ersparen — dazu angeregt würden." Möge dieses gerechte Verlangen eine recht inhaltreiche Erfüllung finden. — In Nr. 45 hatten wir eine Anfrage aus Cairo zu beantworten, welche den jeweiligen Standpunkt der in Deutschland gegründeten „unabhängigen Orden der Bne Berith", die aus Nordamerika hierher verpflanzt seien, betraf. Wir konnten darüber nur geringen Aufschluß geben. In Folge dessen erhielten wir aber mehrfache Zuschriften, wie z. B. die Mittheilung aus Posen in der vor. Nr. Ausführliches theilt uns nun Herr Julius Fenchel in Berlin. Lindenstraße 45 mit. Nach seinem Berichte zählt der Orden, nachdem er am 22. März 18^2 von ihm. Herrn Fenchel, in Deutschland eingeführt worden, über 1000 Mitglieder, welche sich auf 13 Logen vertheilen; es giebt deren drei in Berlin und je eine in Breslau. Stettin. Dresden. Beuthen in Schl.. Kattowitz. Kreuzburg in Schl.. Magdeburg. Gleiwitz, Halle a. S. und Posen. Zugleich sandte uns genannter Herr eine Anzahl Druckschriften, von welchen wir eine Anrede des Dr. E. Gutmann aus New-Pork, der hierzu aus New-Pork delegirt worden, die er am 30. Angust 1882 in Halle bei der Jnstallirung der Germania-Loge daselbst gehalten, besonders beachtenswerth fanden. Aus derselben geht nämlich Zweifaches klar hervor, nämlich daß der Zweck dieser „Orden" in seinem Wahrspruch „Wohlthätigkeit, Bruderliebe, Eintracht" enthalten sei, daß er nichts Anderes als wohlthätige Werke jeder Art. gesellige Unterhaltung und Belehrung durch Borträge und Bibliothek beabsichtige, und alle politischen und religiösen Bestrebungen und Diskussionen völlig ausgeschlossen halte. Zweitens daß die Anfangs nach Art des Freimaurerordens fabrizirten Ceremonien. Formalitäten und Geheimnißkrämereien nach kurzer Zeit vom Orden aufgegeben und verworfen worden. Im Grunde genommen sind also diese Orden nichts Anderes als freie Vereine zu wohlthätigen Zwecken und geselliger Unterhaltung und verfolgen also sicherlich einen lobenswerthen Zweck. Wir würden unsererseits wünschen, daß man auch den. immer noch geheimnißvoll und leicht zu verdächtigenden Namen „Orden" beseitigen und dafür einfach sagen möge: ..Verein der Bne Berith". Noch weniger billigen wir die Bezeichnung Loge. Dies Alles ist Nachäfferei, und diese wie jede Art von Verdächtigung müssen wir Juden, namentlich auf dem europäischen Continente, vermeiden, noch dazu, da jene Bezeichnungen, nach der Versicherung des vr. G., völlig bedeutungslos geworden. Auch in Nordamerika würde sich das Wort „Union", das sich ja auch im Wahcspruch des Vereines „Eintracht" ausdrückt, viel besser machen Wie sie uns so geschildert werden, ist dieser „Orden der Bne Berith" nichts Anderes als eine Erneuerung der uralten Chebroth in Israel, nur daß die praktischen Amerikaner Wohlthätigkeit und gesellige Unterhaltung in anziehender Weise zu vereinigen wissen. Bon einem Ausschluß der Oeffentlichkeit ist nicht die Rede, denn die amerikanischen Zeitschriften bringen über Alles, was in den Versammlungen vorfichgeht, sehr ausführliche Berichte, und die alle fünf Jahre stattsin-

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