Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 142 (27.11.1838)
- Date
- 1838-11-27
- Page
- Seite 572 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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572 „Eine Irrung, die sich in viele ausländische Lorrespondenzen- . artikel eingeschlichen, muß ich hier berichtigen. Die Regierung , hatte eine Verordnung in Bezug auf die Emancipativn der Juden erlaffen, welche einen neuen Ausbruch der Gährung der Gemüther hervorbrachte, die seit den Gewaltthätigkeiten gegen die Presse noch vorhanden war. ES ist ebenfalls bekannt, daß die Unzufriedenheit hierüber im ganzen Lande so stark war, daß dem Handelsminister, der die Verordnung contrasignirt hatte, mehre Mal die Fenster eingeworfen wurden, und er sich genöthigt sah, zu resigniren, worauf ein Theil der Verordnung zurückgenommen wurde. Dies.haben die Organe der Regierung als Beachtung der öffentlichen Meinung von ihrer Seite und als einen Beweis, daß der König gern der Stimme des Volkes, wenn sie sich wirklich kund thut, Gehör geben will, dargestellt. Indessen sowol die eine als die andere Behauptung ist unrichtig. Die lebhafte Unzufriedenheit mit der Emancipationsverordnung entstand eigentlich nicht deshalb, daß man den Juden eine größere Gewerbfreiheit eingeräumt hatte, sondern weil die ausübende Gewalt sich anmaßte, bei Erlassung dieses Gesetzes, wie bei einer bloßen Derwaltungsangclegenheit, nach eigner Willkür zu verfahren, obgleich es Veränderungen sowol in den Erbgesetzen der Juden als in dem ehemaligen Verbote, sich mit Christen zu verheirathen, enthielt, folglich sowol eine Abweichung in kirchlicher als in bürgerlicher Gesetzgebung, worüber, den Gesetzen des Landes gemäß, der König, ohne die Zustimmung der Reichsstande zu beschließen kein Recht hat. Dieses Verfahren ist also als ein Staatsstreich anzusehen, um so mehr, da alle vier Reichsstande beim letzten Reichstage von der jetzt geschehenen Veränderung abriethen. Ein auffallender Beweis, daß diese Beeinträchtigung der Verfassung die wirkliche Ursache der Unzufriedenheit war, ergibt sich noch daraus, daß die beliebtesten Zeitungen im Lande, -das „Aftonblad" und „Dagligt Allehanda," welche die vornehmsten Organe der Opposition sind, beide erklärt haben, daß sie für die Emancipation gestimmt haben würden, hätte sie vollständig sein können, und wäre sie auf gesetzlicherm Wege zu Stande gekommen. Ebenfalls ist eS eine irrige Behauptung, daß die Verordnung nachher zurückgenommen sei. Der König hat nämlich durch eine spätere Bekanntmachung eigentlich nur verordnet, daß er für jeden besondern Fall auf besonderes Ansuchen bestimmen werde, inwiefern ein Jude sich auf dem Lande niederlassen darf, waS eins der durch die Verordnung ihnen zugestandenen Rechten ausmachte. Die Veränderung enthält also nur einen Ucbergang von einer allgemeinen wider die Formen der Verfassung willkürlich festgesetzten Maßregel zu einem Licenz- oder Lex in oa8» - System, wodurch indessen nichts von den Veränderungen in den ErbschaftS- und Heirathsgefetzen der Juden zurückgenommen wurde." Prag, 12. Nov. (Privatmitth.). Am 8. d. M. verschied hier der Religionstehrer uno Senior an der israelitischdeutschen Hauptschule, Inhaber der mittleren goldenen Civit- Verdienst:Medaille, Herr Peter Beer, im 83. Jahre seines thaigen Lebens mit vollem Bewußtsein und in wahrhaft männlicher religiöser Ergebenheit gegen Gott. Sein Leben war ein steter Kampf gegen eingefleischte Vorurtheile und rohen Fanatismus; aber er gehörte zu den wenigen Glücklichen, denen es noch im späten Mer vergönnt ist, die Früchte ihrer Bemühungen heranreifen zu sehen, und so viele Feinde er vor 30 Zähren zahlte, so viele Verehrer sind ihm in der späteren Generation entstanden. Viele seiner Ansichten mochten den Schwachen Schwindel erregen, einige sogar wirklich falsch sein, mehrere mögen ihm sein schonungsloses Aufdecken von Mißbrauchen und Verdrehungen nicht vergessen können: aber eine bis ins 83. Lebensjahr unerschütterte Energie, eine allgemein anerkannte Rechtlichkeit, ein Lebenswandel entfernt von aller Heuchelei und Zweideutigkeit, das sind doch wahrlich Vorzüge, die alle Spitzpsindigkeiten seiner Gegner zu Nichte machen, und ihm die Achtung von Jung und Alt erwerben mußten, und der Verlust, den unsere Gemeinde durch diesen Todesfall erleidet, ist um so be'klagenswerther, als hierdurch wieder ein gefeierter Name aus unserer Mitte scheidet, und man hier nicht sehr darauf bedacht zu sein scheint, solche Abgänge durch Heranziehung anderer Autoritäten zu ersetzen. Ueber das Leben und literarische Wirken dieses merkwürdigen Mannes wird zweifelsohne noch in diesen Blättern weitläufiger berichtet werden. Hier sei nur erwähnt, daß er noch 3 Monate vor seinem Tode mit derselben Rüstigkeit seinem Lehramte Vorstand, mit der er es vor 27 Jahren bei uns angetreten. Seinen Bemühungen zur Verbesserung des israelitischen Gottesdienstes in Prag wurde schon in dieser Zeitung*) erwähnt. Obwol bereits hoch in den Siebenzigen war er einer der eifrigsten Mitglieder der liturgischen Sektion des Vereins zur Verbesserung des geregelten Gottesdienstes, und sein im September 1834 an die Mitglieder dieses Vereins, zu einer Zeit, als sich dieser durch Lauheit im Innern und Chikane von Außen her aufzulösen drohete, erlassenes „Sendschreiben" (gedruckt bei M. I. Landau), zeugt hinlänglich von seiner männlichen Begeisterung, wo es galt, die Fortschritte im religiösen Leben unserer Glaubensgenossen zu fördern. Die durch seine, später im Jahre 1835 herausgegebenen, Cultusangelegenheiten betreffenden Reminiscenzen u. s. w." (Gedr. bei M. I. Landau. Prag.) veranlagten geheimen Umtriebe, wurden noch zur rechten Zeit durch den k. russischen Commercien-Consulenten Herrn Mordechai Justus aus Odessa in diesen Blättern aufgedeckt, und so die letzten Gegner des Verblichenen, zugleich Gegner des Fortschrittes, die in diesem Falle um so gefährlicher waren, als sie vermöge ihrer Stellung letzteren förderlich sein sollten, und sich ihm dem Augenscheine nach wirklich anschlossen, in ihrer heuchlerischen Gemeinheit entlarvt. Dem — nach dem Wunsche des Verblichenen ganz einfach am 11. Nov. um 3 Uhr Nachmittags begangenen Begräbnisse wohnten die Direktoren und Lehrer sämmtlicher christlichen Hauptschulen, so wie mehrere hohe Beamten bei; und es sei zum Lobe des Dahingeschiedenen gesagt, daß dies der erste jüdische Leichenzug hier war, bei dem trotz des Andrangs von mehreren Tausenden eine würdevolle Haltung und eine musterhafte Ordnung vorherrschte. 2... •) S. No. 38. 40.