Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 758 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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758 eine den vorgeführten Bedenken Rechnung tragende Interpretation des Geletzes von 1854 zu bitten. Zum Schluffe fügt der Vortragende noch einige Thesen hinzu, die aber, weil sie, wie der größere Theil des Vortrages selbst, dem eigentlichen Thema ausweichen, von der Diskussion ausgeschlossen werden. In der Debatte nimmt Levisohn-Verden das Wort, um aus Anlaß an die ihm persönlich widerfahrenen Unbilden den Wunsch auszusprechen, daß die Landrabbiner in der definittven Anstellung sich mehr auf die Seite der Lehrer stellen mögen. Um 1 Uhr wird die Sitzung geschloffen. Zweite Sitzung, Nachmittags 2‘/2 Uhr. Nach Eröffnung der Sitzung referirte Herr Katz-Hannover über „das Bibellesen (deutsch) in der jüdischen Schule." Referent äußerte sich etwa folgendermaßen: Es sei zu bedauern, daß die jüdische Schule auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes der christlichen nicht in der pädagogischen Behandlung nachahme, als ob für uns keine Pädagogen gelebt hätten. Während dort das Bibellesen bereits seit Jahrhunderten einen Hauptbestandtheil des Religionsunterrichts ausmache und man den großen Einfluß, den es auf das kindliche Gemüth ausübe, erkannt habe, sei bei uns wenig davon zu spüren. Die christlichen Kinder wüßten in der Bibel besser Bescheid als die unsrigen, sodaß dieser Zustand die Verwunderung des bibelfesten Christen Hervorrufe. Dies Mißverhältniß entstehe aber dadurch, daß in den christlichen Schulen der Beschäftigung mit der Bibel ein größerer Raum angewiesen sei, als bei uns, und daß die bedeutendsten Männer der Wiffenschaft und Pädagogik, ohne Unterschied des religiösen Standpunktes, den Werth der Bibel erkannt haben, und deßhalb den fleißigen Gebrauch derselben für die Schule empfehlen. Aber auch in der jüdischen Geschichte fände man Spuren, daß die Bibel gelesen wurde; so seien beispielsweise zur alexandrinischen Zeit, als bei den Juden die Kenntniß des Hebräischen mangelhaft war, von Soferim an Sabbathen und Festtagen, sowohl bei ihren Belehrungen, als auch beim Gottesdienste Abschnitte aus der Septuaginta vorgelesen worden. Ferner sei zu Esras Zeit auch von einem „Meturgemen" die Bibel in die chaldäische Sprache übersetzt worden, sodaß wohl die Forderung -riNi er.pD entstanden sein mag. Was für die damaligen Juden das Griechische und Chaldäische gewesen wäre, sei für uns das Deutsche. Fürchtete man damals nicht, daß die Bibel dadurch verdrängt werden würde, so habe man heute gleichfalls vor dieser Gefahr sich nicht zu fürchten. Die in jetziger Zeit leider vorherrschende mangelhafte Kenntniß der Bibel erfordere das Bibellesen in der jüdischen Schule. Tenn durch das Uebersetzen und den biblischen Geschichtsunterricht werden die Kinder wohl mit einem großen Theile der Bibel bekannt gemacht, aber der weitaus größere und schwierigere Theil, besonders der poetische, bleibe ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Selbst dasjenige, dessen Inhalt durch das Uebersetzen vermittelt werde, sei mangelhaft zu nennen, da durch das wortgetreue Uebersetzen den Kindern der Zusammenhang nicht recht zum Bewußtsein komme. Auch durch die sogenannte Bibelkunde sei dem Uebel wenig abzuhelfen, indem in diesem Falle die Kinder nur mit gelehrten Notizen und trockenen Inhaltsangaben belastet werden, die, weil sie langsam und schwer erlernt, desto schneller und leichter vergessen werden. Die Kenntniß der Bibel kann man aber, wenn man das Princip der Anschauung wahren will, nicht durch Sprechen über die Bibel, sondern nur durch das Lesen einer guten deutschen Uebersetzung erlangen. Nicht allein der Inhalt werde durch das Lesen vermittelt, sondern die Kinder lernen auch die Bibel schätzen und achten, der religiöse Sinn werde gebildet und der Anschauungs- und Gedankenkreis erweitert und geklärt. Aus dem Grunde sei es wünschenswerth, daß das Bibellesen ans der Oberstufe jüdischer Volksschulen, wenn die Kinder bereits eine Fettigkeit im mechanisch-geläufigen Lesen besitzen, betrieben werde. Was die Einordnung des Gegenstandes in den Lehrplan beträfe, so sei es, da man bei der oft zu hörenden Klage über Ueberbürdung auf eine Ueberstunde nicht rechnen darf, empfehlenswetth das Lesen in Anschluß an die biblische Geschichte zu nehmen, etwa in der Weise, wie es Zahn und Kehr verlangen. Hierzu könnte man die letzten 15—20 Minuten der Stunde verwenden. Allerdings würde diese Zeit kaum ausreichen, um die Bibel ihren wesentlichen Theilen nach, auch nur einmal in den zwei Jahren zu lesen. Deshalb beachte man die pädagogische Regel: Wähle das Beste und Geeignetste aus. Das Schnell-Lesen nütze nichts. Soll der Zweck, um dessentwillen die Bibel gelesen wird, erfüllt werden, so darf es nicht mechanisch und mit Eile bettieben werden, sondern das erklärende Wott des Lehrers muß das eintönige Lesen beleben. Wichüge Stellen seien sogar öfters zu lesen. Aber nicht nur der Mangel an Zeit erfordere eine Auswahl des zu lesenden Stoffes, sondern auch das Wesen der Bibel, die für reife Personen geschtteben und als Gesetzbuch naturgemäß viele Stellen enthalte, die von den Kindern nicht ohne Bedenken gelesen werden können. Dies sind entweder unverständliche, dunkle, schwiettge und von geschlechtlichen Verhältnissen handelnde Stellen. Des letzteren Umstandes wegen sei es besonders erforderlich, daß den Kindern nicht die ganze Bibel, sondern ein Bibelauszug in die Hand gegeben werde. Allerdings sei nach des Referenten Meinung ein Auszug der hebräischen Bibel nicht rathsam, da einerseits die Bibel aufhören könnte etwas Unantastbares zu sein, andererseits sei der hebräische Text den Kindern nicht gefährlich, indem sie ihn ohne Hülfe doch nicht übersetzen könnten. Ein solcher