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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-11-17 · Heft 47 (17.11.1885) · p. Seite 754

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 47 (17.11.1885)
Date
1885-11-17
Page
Seite 754 (sequence 10)
Language
German
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754 Bielefeld, 6. Nov. (Privatmitth.) Man kann sich kaum einen Begriff davon machen, was Alles von den Anhängern Stöckers aufgewendet wurde, um diesem zur Wahl zu verhelfen, und dies ist denn auch schließlch gelungen, aber erst im dritten Wahlgang und nur mit vier Stimmen Majorität. Offenbar waren am Ende einige Wahlmänner zu ihm abgefallerr. Nun, mögen sie sich ihres Erwählten freuen, den Berlin und Siegen abgewiesen haben. Ulm, im November. Die hiesige israelitische Kirchengemcinde ist, nach Stuttgart und Heilbronn, die drittgrößte mit 700 Seelen im Lande. Dennoch besitzt sie keinen eigenen Seelsorger und ist nach Laupheim eingepfarrt. Mit bedeutendem Auswande hat sie eine Prachtsynagoge erbaut. Schullokale mit Amtswohnungen für Geistlichen und Lehrer hergestellt; aber der Geistliche fehlt. Die Pastoration kann nur ungenügend von Laupheim aus besorgt werden. Der Religionsunterricht in den höheren Schulanstalten für Israeliten liegt brach, weil kein akademisch gebildeter Lehrer vorhanden ist, der ihn ertheilen kann und darf. Die geistliche Vertretung der Gemeinde bei öffentlichen Gelegenheiten wird vermißt. Die Gemeindevertretung hat sich nun entschloffen, ein eigenes Rabbinat vorderhand in provisorischer Weise zu errichten, und hat deshalb bei den zuständigen Aufsichtsbehörden Schritte gethan, die eine baldige Erledigung dieser Angelegenheit hoffen lassen. Trier, 29. Oktober. (Rhein-Westf. Ztg.) Wegen eines im Juli in dem hiesigen „Sanct Pautinusblatt" veröffentlichten Artikels „Ein Katholik, ein Protestant und ein Jude", worin die Protestanten mit den Hunden in eine Kategorie gestellt wurden, hat gestern die hiesige Strafkammer den Sitzredakteur des Blättchens wegen Verhöhnung des evangelischen Bekenntnisses zu vierzehn Tagen Gefängniß verurtheilt. (Wie der Jude in diesem Artikel weggekommen ist, wissen wir nicht. Jedenfalls ist deshalb keine Klage erhoben worden.) Oesterreich-Ungarn. Prag, 28. Oktober. Wie „Narodni Listy" erfahren, werden die antisemitischen Abgeordneten gleich in der ersten Reichsrathssitzung nach Neujahr einen bestimmten Antrag auf Dekretirung einer Ausnahmsstellung der Juden stellen. Dieser Antrag bedeute die Erfüllung jener Drohung, welche Schönerer nach der Rede des Profeffors Zucker über theilweise Aufhebung der Jury ausbrachte. (Mögen diese Leute ihre Gallenluftblasen in die Höhe steigen lassen — sie zerplatzen da, höchstens mit einigem Geräusch.) P-ofessor Rohling ist abermals um einen längeren Urlaub eingcko:.unen und hat denselben auch, nachdem er in den letzten Tagen bei dem Cultusminister Baron Conrad Audienz genommen, bewilligt erhalten. Pest, 28. Oktober. (Privatmitth.) Die Schwierigkeiten, welche den Kindern jüdischer Eltern bei der Aufnahme in die Mittelschulen und während des Schulbesuchs selbst seit mehreren Jahren gemacht werden, die Aussichtslosigkeit bei der gegenwärtigen Strömung, nach absolvirtem Studium als Juden eine Stelle zu erlangen — alles das trägt dazu bei, daß die Zahl der jüdischen Schüler in den hiesigen Gymnasien und Realschulen von Jahr zu Jahr abnimmt. Im Jahre 1879 betrug die Zahl der jüdischen Gymnasiasten noch 36°/o, in dem laufenden Schuljahre nur noch 291/2°/<>. In den Realschulen find jetzt 43,92°/o Israeliten gegen 46,23°/o im Jahre 1881/82. Frankreich. Paris, 4. Nov. (Privatmitth.) Das Unglück für echte Religiosität und den konfessionellen Frieden, insbesondere zwischen Staat und Kirche, in Frankreich ist, daß die ganze Nation in zwei entgegengesetzte Parteien, in die extrem freigeistige und extrem klerikale auseinandergeht, zwischen denen Ausgleichung und Versöhnung nicht möglich. Daher sind in Frankreich zwei Prinzipien im Kampfe, der unerbittlich bis zum Ziele fortgeführt wird. Die republikanische Partei hat oft genug, selbst durch den Mund des gegenwärtigen Unterrichtsministers Gobelet, als ihr Ziel die völlige Trennung von Staat und Kirche ausgesprochen, d. h. Aufhebung des Cultusetats, was die Kirche sich selbst überlassen und ihr jeden Einfluß auf die Schule und das öffentliche Leben nehmen heißt. So etwas in einem alten europäischen Staate durchzuführen, ist eine sehr schwierige Sache, so natürlich sie in einem Staate wie die nordamerikanische Union erscheint, wo sie sich von der Bildung des Staates an von selbst ergeben hatte. Dem steht nun ein großer Theil des französischen Volkes, der noch an der Kirche hängt, entgegen, und die eben vollzogenen Wahlen, welche über 200 „Monarchisten" in die Deputtrtenkammer brachten, haben dies hinlänglich bewiesen. Würden die Republikaner noch weiter in der Verwirklichung ihres Planes gehen, so würden sich wahrscheinlich noch viel größere Massen gegen fie erklären. Kaum aber hat so eine Vermehrung „der Monarchisten" stattgefunden, als auch der Kern dieser Partei, „die katholische Gruppe", durch den bekannten Graf de Mun ihr Programm veröffentlicht. Dies verlangt die Erhebung des Katholizismus zur Staatskirche, Befreiung der Priester vom Militärdienste, Berbindungsrecht der religiösen Orden, volle Unterrichtsfreiheit und gleichzeitige Unterstellung der Staatsschulen unter priefierliche Aufsicht, obligatorische Eheschließung in der Kirche, Abschaffung des Ehescheidungsgesetzes, obligatorische Sonntagsheiligung, Erbfähigkeit der todten Hand u. s. w. Man wird zugestehen, das ist recht offen gesprochen; aber wenn sich einige katholische Blätter darüber ärgern, daß ihr Programm so schnell und

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