Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1885)
- Date
- 1885-11-17
- Page
- Seite 750 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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750 fügen hinzu: So charakterifirt sich der Widerruf des Edicts i von Nantes nicht als ein politischer Akt, als eine Gegenwehr des Staates gegen rebellische Unterthanen, als ein Einigungswerk der Nation, sondern einfach als ein Ausfluß wüster! Intoleranz und autokratischen Hochmuths. Mögen solche! Zeiten in der Geschichte der civilisirten Völker niemals wiederkehren! — Unsre Leser erinnern sich, daß wir gleich; nach dem Erscheinen des fünften Bandes von Mommsen's römischer Geschichte eine Kritik dieses hochverdienten Werkes gaben.') Wenn auch diese unsre Kritik nicht umhin konnte, einige Streiflichter auf die Grundgedanken zu werfen, von welchen Mommsen auch in diesem Bande wie in den früheren sich leiten ließ, und welche an den beiden Fehlern kranken, den römischen Machthabern die Idee zur Bildung einer Reichseinheit consequent beizulcgen und hieraus politische Begriffe und Bezeichnungen der Neuzeit zu übertragen — so war sie doch, dem Zwecke unsres Blattes entsprechend, vorzugsweise auf das Kapitel gerichtet, welches Mommsen »Judäa und den Juden" gewidmet hat. Wir wollen hier das traurige Resultat, zu welchem wir kommen mußten, nicht wiederholen. Mommsen ist in diesem Kapitel von einer unverkennbaren Parteileidenfchaft gegen die Juden beherrscht, und hat sich sogar zur Verschweigung einer ganzen Reihe von Documenten, der bezüglichen Novellen im Theodosianischen! Codex verleiten lassen, nur um den Juden das römische! Bürgerrecht und die Antheilnahme an dem öffentlichen Leben, in der Zeit vor den christlichen Kaisern absprechen zu können.! Es trat hierbei so recht fühlbar der Mangel an allen Quellen-1 angaben hervor, der nun einmal in der Art der Mommsen-! schen Geschichtsschreibung liegt. Wir gestehen offen, daß wir eine ähnliche, das Werk Mommsen's ebenso in seinen verdienstlichen Theilen wie in seinen Schwächen würdigende Kritik in anderen Zeitblättern zu finden nicht voraus- > setzten. »Der Uebereifer der Verehrer Mommsen's und jene große Schaar halbgebildeter, in den Zeitungen sich breit machender Kritiker", wie sich eine gleich zu citirende Beurtheilung ausspricht, ließ eine solche Voraussetzung nicht zu. Wir freuten uns deshalb, eine solche unparteiische Würdigung in der »Frankfurter Wochenschrift, die kleine Chronik" vom 4. und 11. October zu finden. Der Berf. citirt gleich Anfangs unsre Kritik, welche gegen die Behauptungen Mommsen's hinsichtlich der Juden zu Felde ziehe; giebt uns vollkommen Recht, bemerkt aber, daß „eine Kritik, die nur vom Parteiinteresse geleitet, ja sogar aus Parteintereffe ausgeübt wird, in seinen Augen einen nur relativen Werth habe." Hierin sieht der Vers, doch nicht richtig. Unsre Polemik war ja gar nicht gegen das ganze Werk gerichtet, das wir der Beurtheilung anderer Kritiker überließen, sondern nur gegen den Theil desselben, welcher die Juden betrifft. Wir haben also von vornherein kein Urtheil über das Ganze abgeben wollen und anderen Kritikern nur zu Gebote gestellt, was wir über das gedachte Kapitel zu sagen hatten. Denn schließlich muß der Vers, doch eingestehen, daß wir Recht haben. Auch er tadelt, daß dem Werke, und ganz besonders diesem Bande, der gelehrte Apparat fehlt und sagt: »Wir empfangen nur das Resultat seiner Forschungen und wir haben den Eindruck, daß jede Seite des Werkes gründlicher kritischer Probe aus ihre Richtigkeit bedarf." »Wir können uns nicht verhehlen, daß, da mit Hilfe des gelehrten Apparates schwere Fehler der Darstellung der jüdischen Verhältnisse nach-! gewiesen worden sind, auch der Glaube an seine Zuverlässigkeit aus anderem Gebiete erschüttert ist." Hiermit ist doch zugegeben, daß unsre Kritik den Anstoß geben muß, auch die anderen Theile dieses Bandes kritisch zu untersuchen, und hiermit glauben wir für diesen Gegenstand etwas Erhebliches , gethan zu haben. Nicht minder bezeugt sich dies uns darin, daß der Vers., nachdem er die Behandlung der Germanen durch; Mommsen besprochen hat, auch das Kapitel über die Juden j der Beurtheilung unterzieht und hierbei zu demselben Re-! sultate kommt wie wir. Er sagt da: „So wenig Gefühl j Mommsen bei der Schilderung des Heldcnkampses der Juden für nationale Begeisterung zeigt, so schwach und widerspruchsvoll ist seine Entwickelung der historischen Verhältnisse." Er hebt wie wir, den Widerspruch hervor, die Juden überall als exclusiv national zu bezeichnen, und sie dennoch durch den Hellenismus denationalisiren und wiederum dem Hellenismus im Oriente den Sieg verschaffen zu lasicn. Er sagt hier noch: „Die Juden fochten denselben Kampf für dieselbe Sache wie Karthago, Numantia, Sagunt, Korinth, sie fochten für ihre Freiheit und ihr Vaterland. Früher Pflegte man Völker zu bewundern, welche im Kampfe gegen einen überlegenen Unterdrücker einen ehrenvollen Untergang schimpflicher Knechtschaft vorzogen, aber die Geschichtschreibung, namentlich die des Berliner Profefforenthums, müßte nicht so sehr bestrebt sein, es in kühnen Combinationen einem Bismarck gleichzu- > thun, an Servilismus aber die Servilsten zu übertreffen,! wenn sie ein Wort für die Freiheitskämpfe kleiner Nationen | finden sollte." Auf die weitere Besprechung anderer Gegen« | stände in dieser Kritik können wir nicht eingehen. Sie kommt | zu dem Facit, daß das Mommsen'sche Werk nur den Aus-! gangspunkt sorgfältiger historischer Untersuchungen über den >großen weitschichtigen Gegenstand abgeben könne. Hiermit sind wir einverstanden. Was Mommsen als Resultat ausgiebt, ist also doch nur ein Ausgangspunkt; die kritische ^Operation muß erst jetzt ansangen. Wir können nur wün-! schen, daß noch mehr Kritiken in dem Geiste der eben skiz- I zirten gegeben werden möchten, wie es der deutschen Wissenschaft ziemt. i) S. diesen Jahrg. S. 249. 26). 281. 297. 315. 332.