Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1885)
- Date
- 1885-11-10
- Page
- Seite 739 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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daß diese Verlesung nicht ohne Minjan staltfinden darf, und daß das Minjan jedem Gottesdienste den Charakter eines öffentlichen verleiht. Wesentliche Abhülfe, da nun einmal die reichsgerichtliche Entscheidung besteht, kann nur durch die Gemeinden selbst geschafft werden, wenn sie Ruhestörungen während der Verlesung, da diese, allen Klügeleien zum Trotz, einen Theil des öffentlichen Gottesdienstes bildet, reglementsmäßig verbietet und unter Strafe stellt. Dasselbe thaten schon viele Gemeinden in Bezug auf die Predigt, die auf halachischem Boden auch keinen Theil des öffentlichen Gottesdienstes bildet. Landau, 24. Oktober. Der hier erscheinende „Landauer Anzeiger" bringt einen höchst beachtenswerthen Artikel, der besonders unseren Glaubensgenoffen zu empfehlen ist. Auch in diesem Blatte ist schon so oft davor gewarnt worden, die Jugend in zu großem Maße der kaufmännischen Carriere zuzuführen, während ein gut und solide geführtes Handwerk viel sicherer zu einer guten Existenz verhilft. Dieser Gegenstand kann nicht oft und eindringlich genug besprochen werden. Der Artikel lautet: „Wenn wir einen Gang durch das Centrum unserer Stadt machen, so sehen wir, daß viele Häuser, die noch vor wenig Jahren von Privaten bewohnt, oder als Metzger- und Bäckerläden dienten, heute prächtig ausgestattete Manufaktur- oder Modegeschäfte bilden. Der Drang nach Selbständigkeit, zuweilen in Verbindung mit Ueberschätzung der eigenen Kraft, veranlaßt eben viele junge Kaufleute, selbst mit ungenügenden Mitteln, sich eigene Geschäfte zu gründen, in der Hoffnung so gut, oder bester noch wie andere zu prosperiren. Manchen gelingt es. Andere verlassen nach einigen Jahren, etwas erleichtert, unsere Stadt, um anderswo ein Geschäft zu etabliren, während Andere nach kurzer Zeit ganz von der Bildfläche verschwinden. Für die Herren, welche auf diese oder jene Weise uns verlassen, kommt stets nach kurzer Zeit übervoller Ersatz, um den älteren Häusern, ihren Concurrenten, das Leben möglichst sauer zu machen. Durch diese Verhältniste sind alle gezwungen, große Waarenlager zu halten und möglichst billig zu verkaufen. Daß unter diesen Umständen diese Kaufleute keine glänzenden Geschäfte machen, kann wohl nicht angezweifelt werden. Aber auch die meisten anderen Kaufleute, gleichviel ob sie mit Brodfrüchten, Wein, Tabak, Hopfen, Branntwein oder Vieh Handel treiben, klagen seit einer Reihe von Jahren über schlechte Geschäfte. Niedere Preise, große Concurrenz und schlechter Geschäftsgang im Allgemeinen reduciren den Gewinn derart, daß sie am Ende des Jahres meistens froh sein müssen, wenn sie in ihren Berhältniffen geblieben sind, wie sie zu Jahresanfang waren. Ja die Fälle sind nicht gerade selten, daß bei Sterbcfällen das Inventar des Bermögensstandes eines für sehr wohlhabend gegoltenen Geschäftsmannes große Enttäuschung oder gar Ueberschuldung nachweist." Aus dem Reichslunde, im October. Nach den statistischen Ausweisen beläuft sich jetzt die jüdische Bevölkerung ans 2,5 Procent der Gesammtbevölkerung, die katholische auf 77,7 und die evangelische auf 19,5 Procent. Die jüdische und die katholische hat im Gesammtverhältniß etwas ab-, die evangelische zugenommen, weil fortgesetzt viele deutsche Evangelische in das Land einströmen. Bon den Israeliten ziehen noch immer diele, namentlich von der Jugend, nach Frankreich, wo sie leichter ihr Fortkommen zu finden hoffen, als in Deutschland. O esterreich-Ungarn. Wien, 23. Oct. Der Abg. Knotz ist nicht der Einzige, der bei der Adreßdebatte seinem Antisemitischen Gelüste fröhnte. Auch dem Deutschnationalen Antisemiten Türck, einem Wundarzt aus dem nordwestlichen Schlesien, bot die Adreßdebatte Gelegenheit zur Entwickelung seines Programms. Er ist nicht der Anschauung, daß der Nationalitätenstreit auf parlamentarischem Boden werde ausgetragen werden; später einmal wird „Blut und Eisen" das zu Stande bringen. Er verlangt Ackerbaukammern, er will die wirthschaftliche Reform gleich jetzt durchgeführt sehen, inzwischen einen Waffenstillstand mit der Majorität abschließen, und er verzichtet auch auf die Mitwirkung des Hochadels nicht. Allein vor Allem müste der jüdische Wucher beseitigt werden, welcher nicht nur den kleinen, sondern auch den großen Grundbesitzer zu Grunde richte. Und gleichzeitig müste auch gegen die Judenpreffe zu Felde gezogen werden, weil dieselbe durch ihre falsche Darstellung die wirthschaftlichen Reformarbeiten verhindere. Er sei Antisemit nicht aus religiösen Gründen, sondern nur aus socialen Rücksichten, und so beantragt er einen Zusatz zur Adreffe, worin es heißt, daß „die Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des wirthschaftlichen Lebens anznstreben sei". Für diesen Antrag erhoben sich ganze vier Mann: Schönerer als Präsident, Fiegl als Bicepräsident und Türck als Schriftführer der „antisemitischen Bereinigung" des Hauses, und der diesem Club nicht angehörende vr. Pattai stellte aus Gefälligkeit das Gros der Partei: das „Volk" vor: 1)r. Pattai war auch der Vertreter Rohlings, in dem eben beseitigten Prozesse gegen Bloch. Er hat somit die ganze Demüthigung seines Clienten mit durchgemacht.) Lemberg, 16. Oct. Wir haben schon berichtet, daß das Geschworenengericht, dies Mal in Krakau, Moses Ritter und Genossen, nun zum dritten Male für schuldig gefunden und zum Tode verurtheilt, der Bertheidiger dagegen abermals die Appellation bei dem obersten Gerichtshof, der bereits zwei Mal das Verdikt der Geschworenen in dieser Angelegenheit 46*