Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1885)
- Date
- 1885-11-10
- Page
- Seite 736 (sequence 8)
- Language
- German
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736 daß int Lehrerpersonal sänuntlicher russischen Lehranstalten — mit geringer Ansnahme — und in der gesammten russischen Schuljugend, ohne alle Ausnahme, keine antisemitischen Bestrebungen bis jetzt wahrznnehmcn waren, dessen wohl das hochcivilirte Deutschland sich nicht rühmen darf. Diese unbedingt höchst beachtenswerthc Thatsache kräftigt in uns die Ueberzeugung, daß der gegenwärtige Feldzug gegen die Bildung der Inden sich nicht lange wird behaupten können, weil er schnurstracks der Gesinnung und den Bestrebungen aller befferen Elemente des russischen Volkes zuwiderläuft und seine Rechtfertigung höchstens in der außerordentlichen Stimmung der Regierung findet, in welche die nicht weniger außerordentlichen als höchstbetrübenden Ereignisse der letzten Jahre sie versetzt haben. Hoffen wir! Wie man mir ans zuverlässiger Quelle soeben mittheilt. ist an sämmtliche Direktoren der Gymnasial- und Realschulen ein vertrauliches Circular vom Minister der Volksaufklärung ergangen, wonach bis auf Weiteres jüdische Schüler nur im Procentsatz von 10°/o der gesammten Schüler ausgenommen werden sollen, was zur Folge hatte, daß die Anzahl jüdischer Schüler in meisten hiesigen Gymnasien fast um die Hälfte zusammengeschmolzen ist. Die „Nowoje Wremja" bringt heute die Nachricht, daß die erste Sitzung der „Pahlenscheu Commission" am 31. d. M. und von da ab einmal wöchentlich stattfinden wird. Vorerst wird sich die Commission mit der Durchsicht des Materials, welches ihr im Verlaufe der Sommeiferieu 1885 zugegangen ist, beschäftigen, darauf wird sic zur Bearbeitung desselben, seinem Wesen nach, übergehen. %evt*u/i/vcpwac fci c ij l'e vi. Deutschland. Berlin, 28. Oct. (Privatmitth.) Bevor die Wahlen der Urwähler vor sich gegangen, mögen wir noch einige Bor- ' kommnisse mittheileu, welche zur Beurtheilung des Ausfalls; jener dienen können. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß! gerade die Berliner Wahlen für uns von Wichtigkeit sind, weil hier die Antisemiten noch mit ganz offnem Bisir auftreten. Eine Anzahl bedeutender Männer aus der hiesigen freisinnigen Partei haben einen Aufruf erlassen, deffeu Anfang folgendermaßen lautet: „Die Berliner Natioualliberalen haben es für erforderlich erachtet, trotz des schweren Kampfes, welchen gerade im ersten Berliner Landtags-Wahlkreise der Liberalismus gegen Conservatismus und Antisemitismus seit Jahren zu tämpseu har, plötzlich durch Ausstellung besonderer Candidaten eine Zersplitterung der liberalen Kräfte zn versuchen. Bei der numerischen Schwäche ihrer Partei, über welche sich die Nationalliberalcn selbst, ausweislich ihrer öffentlichen Aeußerungen nicht täuschen, ist die Ausstellung eigener Candidaten absolut aussichtslos, cs sei denn, daß ein schließlicher Compromiß mit den Conservativen in Aussicht genommen ist. Die Couscrvativen des ersten Berliner Wahlkreises aber haben unzweideutig bekundet, daß sie sich mit der Richtung Stöcker solidarisch fühlen und haben auch ihre Candidaten in diesem Sinne aufgestellt. Den Nationalliberalen bleibt also nur die Perspective, wenn überhaupt, so doch nur im Verein mit diesen Conservativen zu siegen. Und selbst, wenn viele von ihnen, vor diese Alternative gestellt, sich bei der Abgeordnetenmahl ganz oder theilwcise der Abstimmung enthalten wollten, so würden sie durch die Verminderung der liberalen Wahlmänner-Stimmen doch die Verantwortlichkeit für einen etwaigen Sieg der Conservativen tragen." Berlin, 30. Oktober. (Privatmitth.) Tie Wahlen zum preußischen Abgeordueteuhause sind vorüber; das Endergebniß für den gesammten Staat läßt sich heute noch nicht Überlehen. Uns speziell interessiren diejenigen Wahlkreise, in welchen sich die Conservativen ganz offenkundig mit dem Antisemitismus identifiziren, und dies thaten sie vorzugsweise! in Berlin und Breslau. In beiden Städten aber sind : sic von den Freisinnigen total geschlagen. Selbst im ersten Berliner Wahlkreise, dem Viertel, in welchem die Geheimräthe, die Hoflieferanten und Beamten vorzugsweise wohnen, sind zu Wahlmännern 608 Fortschrittler, 261 Conservative und 71 Nationallibcrale gewählt worden; die beiden letzteren Kategorien zusammen zählen also nur ein Geringes mehr als die Hälfte der Freisinnigen. Im zweiten Wahlkreise 817 Fortschrittler, 146 Conservative, 38 Nationalliberale; im dritten 771 Fortschrittler, 356 Conservative, 37 Nationalliberale, und im vierten 618 Fortschrittler, 237 Conservative, 12 Nationalliberale. Da die Wahl der Abgeordneten durch die Wahlmänner zu einer bloßen Formalität geworden, weil die Wahlmärrncr ans bestimmte Abgeordnete gewählt werden, ist das Resultat schon jetzt sicher: Stöcker ist durchgesallen und! Ludwig Löwe wird gewählt. Dagegen soll in Charlottcnburg die Wahl Cremers gesichert sein. In Breslau hatten 1 sich die Conservativen und Natioualliberalen vereinigt und offen den Antisemitismus aus die Fahne geschrieben: cs hals ihnen nichts, sie unterlagen vor den Freisinnigen.