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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-11-10 · Heft 46 (10.11.1885) · p. Seite 734

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 46 (10.11.1885)
Date
1885-11-10
Page
Seite 734 (sequence 6)
Language
German
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734 der ist der natürlichste Weg zur Hochschule; einen anderen, kann man sich gar nicht vorstellen. Daher kommt es. daß zwischen der Intelligenz und dem Volke eine weite Kluft liegt. Von der einen Seite haben wir tiefste Unwissenheit, patriarchalische Ursprünglichkeit; auf der andern eine hochgebildete, ja überbildete Klaffe, die ihrer Zeit möglichst voraneilt, was leider bei unseren Brüdern ganz besonders ins Auge fällt. Wer leugnet, daß solche Mißverhältniffe einen verderblichen Einfluß auf den Handel, die Industrie und die gesammte Cultur des Landes haben muffen? Es fragt sich nur, wie diesem Uebel abhelfen? Läßt sich hier mit drakonischen Gewalt- und Zwangsmaßregeln etwas machen? Wir begreifen wohl, daß die Regierung in ihrer großen Verlegenheit zu solchen greift, glauben aber nicht, daß sie hier etwas erreichen wird. So lange die Ursachen vorhanden sind, welche die bezeichneten Mißverhältnisse erzeugt haben, werden keine drakonischen Gesetze im Stande sein, letztere aus der Welt zu schaffen. Die Ursachen im gegebenen Falle liegen aber tief begründet, einerseiets in den specisischen örtlichen Verhältnissen, andererseits in der unzweckmäßigen Beschaffenheit des Schulsystems. Ich will es in aller Kürze erklären. Aus den Zeiten der Leibeigenschaft auf uns gekommenen Vorurtheilen und Anschauungen zu Folge, stehen alle Volksklaffen außer dem Adel, der Burcaukratie und der höheren Geistlichkeit, in sehr niedrigem Ansehen. Ausdrücke wie „Metfchtfchanin" (Bürger) oder „Metschtschanskoje" (Bürgerliches) gilt als etwas Gemeines, Schimpfliches. Wer nur „Meschtschanin"ist und,noch schlimmer, wer gar „Musik" (Bauer) ist, der wird nicht blos in der Gesellschaft, sondern auch von Regierungsbehörden sehr geringschätzig behandelt und ist cs daher sein eifrigstes Streben, sobald er zur Erkcnntniß seiner niedrigen gesellschaftlichen Stellung kommt, aus dieser sich hinauszuretten, was ihm nur durch die Erlangung eines Diploms irgend einer russischen Hochschule möglich ist, das ihn in den Literatenstand versetzt, während die Lösung eines kostspieligen Gildescheines ihn blos temporär, d. h., so lange er im Stande ist, alljährlich diesen Schein von neuem zu lösen, aus seiner verächtlichen in eine im Grunde nicht gar viel mehr geachtete Klaffe, nämlich in die kaufmännische, zu erheben. Daher kommt es, daß, sobald sich Jemand auszubilden angesangen hat, er sich nicht eher zufrieden geben wird, als bis er ein Diplom sich verschafft hat. Spcciell für den Juden hat das Diplom noch eine viel wesentlichere Bedeutung, — es verleiht ihm das wichtigste aller politischen Rechte, das der Freizügigkeit, ja noch mehr, erst mit dem Diplom sängt mau an, ihn als Menschen zu behandeln, sonst ist und bleibt er nichts weiter als ein „Shid" (Jud), das verachtetste Geschöpf auf Gottes Erde. Es ist daher nicht blos Bildnngsdrang, sondern auch das Streben nach Menschenrechten, was den (luden veranlaßt, alles Mögliche aufzubieten, um eine russische Hochschule zu absolviren, und würden so manche von diesem Streben, was mit solchen schweren Opfern verbunden ist, abstehen, wenn sie auch ohne sie der Menschenrechte sich erfteuen würden. Jetzt aber wird es für Viele einfach eine Lebensfrage. Zudem kommt noch das russische Schulsystem. Handels- Gewerbewie technische und mechanische Schulen sind bei uns nur allzu große Raritäten. „Volks- und Stadtschulen", die zwar in weit größerer als diese, aber noch lange nicht in genügender Anzahl vertreten sind, haben ein allzu beschränktes Programm, so daß die Eltern, welche es mit der Elementar-Bildung ihrer Kinder ernst nehmen, sich unmöglich mit diesem Programm begnügen können und daher sich veranlaßt sehen, ihre Kinder ins Gymnasium zu schicken. Dieses aber hat kein abgerundetes, selbständig ganzes Programm und dient blos als Vorbereitung für die Hochschule. Nicht! viel besser ist cs mit der „Realschule" bestellt. Zwar sollte sie nach dem Plan und Absicht der Regierung eine selbständige Schule mit vollendetem Programm darstellen; im Resultat aber ist sic nichts weiter als eine Borbereitungsschule für diejenigen Hochschulen, in welche man ohne klassische Sprachen ausgenommen wird, und als solche treten die Realschulen in für sie sehr ungünstige Concurrenz mit dem Gymnasium, dessen Zöglinge zu allen Hochschulen Zutritt haben, und dabei nimmt sie zur Absolvirung ihres Cursus fast eben so viel Zeit und Arbeit in Anspruch, wie das letztere, und daher quasi selbst ihre Zöglinge antreibt, um den Eintritt in die ihnen zugänglichen Hochschulen sich zu bewerben. In der That wäre es zu viel verlangt, daß ein junger Mann, der die besten Jahre seines Lebens in der Realschule zugebracht und hier, selbst auch als „Bürgerlicher" oder gar als Jude, an den Wohlthaten einer menschlichen Behandlung sich gewöhnt hat, nach mühevoller Absolvirung derselben in seine alte deprimirende Stellung zurückkehren sollte, während cs blos 4—5 Jahre bedarf, um ihn für alle Zeiten von dieser zu befreien. Was bleibt ihm auch sonst zu thun übrig? Was soll er mit seinem Schulzeugniß anfangen? Der russische Handwerker, der sein Handwerk noch in höchst ursprünglicher Weise betreibt, braucht cs nicht, und der russische Kaufmann, dessen ganze Geschäftskenntniß und Commerzweisheit im Grundsatz: „Wenn du nicht betrügst, so profitirst du nicht" gipfelt, braucht es nicht viel mehr. Diese brauchen zumeist Lehrlinge und Laufburschen, welche sie nach Belieben gründlich durchschimpfen und prügeln können, wozu selbstverständlich kein Realschüler sich hergeben wird. In großen Etablissements, in Banken und Actiengesellschaften werden in der Regel gründliche Kenntnisse der europäischen Sprachen als eine conditio sine qua non verlangt, während diese Sprachen gerade in der Realschule sehr mangelhaft betrieben werden, und daher kommt es, daß der Prozentsatz der in den

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