Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1885)
- Date
- 1885-11-03
- Page
- Seite 724 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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724 Nationalliberalen haben den Entschluß ausgesprochen, Stöcker nicht wieder zu wählen. Bekanntlich wurde dessen frühere Wahl durch die Mithülfe der Nationalliberalen bewerkstelligt. Oesterreich-Ungarn. Wien. 18. Oktober. Die Adreßdebatte im österreichischen Abgeordnetenhause wirft, wie uns die Zeitungen ausführlich berichten, viele Blasen auf, die mit großem Geräusche zerplatzen. Einer der heftigsten Kampfhähne ist der seit der vorigen Session bekannt gewordene Advocat Knotz, welcher für die Deutschen in Böhmen mit aller Kraft und Schärfe eintritt. In der heutigen Sitzung nahm er das Wort und häufte die schwersten Anklagen gegen den Statthalter General Kraus, der sich von seinem journalistischen Beirath, dem „Juden" Graf, leiten lasse, ungefähr wie ein polnischer Edelmann von seinem jüdischen Factor. Graf besorge Alles, redigire die offiziösen Zeitungen, verleihe Buchdruckereicon- Regierungsrath vr. L. Kompert, Eduard Mannheimer und Dr. G. Wolf besteht, und wählte die Funktionäre, und zwar Herrn Julius Ritter v. Goldschmidt zum Vorsitzenden, Herrn Rabbiner vr. Güdemann zum Vorsitzenden-Stellvertreter und Herrn vr. G. Wolf zum Schriftführer. Hierauf wurden die eingelaufenen Gesuche erledigt. Es wurden im Ganzen 1125 fl. an 28 Petenten (3 Rabbiner, 5 Rabbiners-Witwen, 8 Lehrer und 12 Lehrers-Witwen) vertheilt, und zwar erhielten 3 ü 100 fl., 8 ä 50 fl. und 17 a 25 fl. Das Vermögen des Vereins beträgt jetzt 25 600 fl. in Staatspapieren. Wien, 22. Oktober. (Privatmitth.) Ein interessantes Factum des practischen Antisemitismus meldet die Zeitung Czech aus Münchengrätz. Der dortige Bürger Franz Aumann ließ nämlich auf seinem Geschäfte die Firma anbringen: „Christliche Woll- und Baumwollwaarenhandlung." Der Bezirkshauptmannn fand jedoch in dieser Aufschrift einen Verstoß gegen § 44 der Gewerbeordnung, welcher die Gecessionen, weise die.Bezirkshauptleute an und trage so zur werbetreibenden verpflichtet, sich einer „entsprechenden" Ausbreitung der antisemitischen Bewegung bei. Knotz fordert j Aufschrift auf ihren Betriebsstättcn oder Wohnungen zu bedie Absetzung des Statthalters. Knotz ist auch durch seine! dienen und ordnete ihre Entfernung unter Androhung einer antisemitischen Allüren bekannt. Es ist merkwürdig, wie wenig die Menschen aus ihren eigenen Erfahrungen lernen. Gesetzten Falls die Beschwerden, die er gegen den Graf vorbringt, seien alle begründet, was wir ihm als Parteigänger noch nicht zugeben können: wie sollen die Juden dafür verantwortlich sein? Wenn einzelne Deutsche in Böhmen Fehler begehen, wird Herr Knotz die Verantwortlichkeit dafür auf die sämmtlichen Deutschen werfen lassen? Aber in ihrer Verblendung sehen diese Leute nicht ein, daß das, was sie gegen Andere thun, dritten das Recht giebt, auch gegen sie zu üben. Geldstrafe an; Herr Aumann hat dagegen Recurs ergriffen. Man darf auf die Entscheidung der höheren Instanz gespannt sein. Das politische Ereigniß der Woche ist die Adreßdebatte und wie die Verhältnisse liegen, hat es auch für die Juden etwas gesetzt, was die großen Tagesblätter aus Parteiinteresse verschweigen. Der Abg. vr. Knotz hat in seiner Rede über die Bedrückung der Deutschen in Böhmen Klage geführt und dabei die Behauptung aufgestellt, daß die Hetze gegen die Deutschen in der Prager Statthalterei gemacht werde. Dabei In der That begreift man die Verblendung der böhmischen! legt er einen besonderen Accent auf „den jüdischen Journa- Deutschen nicht, die ihnen verwandten Juden mit aller Ge-'listen" Josef Graf, der „den ihm nahestehenden" Statthalter walt von sich zu stoßen, da sie doch der Unterstützung um so nach jeder Richtung beeinflusse und so an dem Wachsen des mehr bedürfen. , Antisemitismus Schuld trage. Die Sache wäre uns gleich- — An Niemandem rächt sich die frühere Nachgiebigkeit > giltig, wenn nicht hier die Absicht unverkennbar zu Tage gegen Rumänien mehr als an Oesterreich. Daß dieses in. träte, das Judenthum der betreffenden Herren — der Stattfeinem Handelsverträge mit Rumänien seine jüdischen Staats- Halter von Böhmen, Frhr. v. Kraus, ist als Jude geboren bürger preisgab, daß cs später die erste Großmacht war, — dem Hasse und der Lächerlichkeit preiszugeben und wenn welche Rumäniens Unabhängigkeit, ohne die Erfüllung der! sie nicht auf die längst gekennzeichnete Stellung des „deutschen Bestimmungen der Berliner Congreßakte abzuwarten, anerj Klubs" zum Judenthume ein Helles Streiflicht werfen würde, kannte — das hat es nun zu büßen, da ihm Rumänien nicht nurl Die Deutschen beschuldigen die Juden der Deutschenhetze, schon öfter die gröbsten Beleidigungen angethan, sondern auch die Czechen werfen ihnen vor, daß sie ihre Gegner unterdie Rumänier in Ungarn zu Aufruhr und Abfall aufhetzt. stützen, die Polen betrachten sie als Germanisatoren, die So läßt sich der große Kaiserstaat immerfort vom kleinen j Clericalen sagen, daß sie an der Entchristlichung der Gesell- Köter anbellen, dessen Unverschämtheit immmer größer wird. — Die bisherige „Mannheimer-Stiftung" hat sich als „Mannheimer-Verein" constituirt. Am 17. d. M., am Geburtstage des edlen Gründers, versammelte sich der Vorstand, der jetzt aus den Herren Jacob Brandeis, L. S. Fischl, Julius Ritter v. Goldschmidt, Rabbiner vr. M. Güdemann schüft arbeiten und vergebens fragen wir uns: Wo sind unsere Freunde? Der Abg. v. Schönerer beginnt die Rolle Jstoczy's im österreichischen Reichsrath zu spielen. Bei paffender und unpassender Gelegenheit springt er auf und donnert gegen die Juden, wobei er dann reichlich das Gelächter des Hauses