Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1885)
- Date
- 1885-11-03
- Page
- Seite 722 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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722 nungs- und Lehrlingszwang und bald auch Zunftzwang mit Beschränkung von Fabrik und Handel. Daß sie hierdurch, selbst wenn sie es erlangten, sich selbst nur Schaden zufügen und bald wieder die Befreiung von diesen Fesieln wünschen würden, sehen sie nicht ein. Einstweilen mißcreditiren sie auf diese Weise ihre Bestrebungen bei allen Unbefangenen, wenn auch eine gewisie Partei sie unter ihren Schutz zu nehmen scheint. Hier in Breslau gingen die Leutchen noch weiter. Eine neue Schuhmacherinnung hatte in ihre Statuten die Bestimmung gesetzt, daß nur christliche Meister der Innung beitreten dürsten! Dabei muß man sich erinnern, daß diese Jnnungsmeistcr prätendircn, allein Lehrlinge halten zu dürfen. Sie wollen also für die jüdischen Handwerker jene Stellung wieder herbeiführen, die sic in manchen deutschen Staaten, z. B. Anhalt, bis zum Jahre 1848 cinnahmen, wo die Juden nämlich nur sog. Freimeister, d. h. die keinen Gesellen und nur einen Lehrling halten durften, waren. Es versteht sich von selbst, daß jene Bestimmung vom Magistrate gestrichen wurde, was jedoch bei den Herren Handwerksmeistern eine große „Entrüstung" hervorgerufen haben soll. Breslau, 20. Oktober. (Privatmitth.) Es ist charakteristisch für eine gewisie Klasse deutscher Blätter, ultramontaner und nationalliberaler Färbung, daß sie in Allem, was ihnen nicht in den Kram paßt, einen Juden aufzuspüren suchen, und, wenn sie ihn glücklich anfgefunden, ihn als sol. chen aufzuspielen, mag er Jude oder getauft sein. Bei dem jüngsten Aufenthalt des Prinzen von Wales in Pest wünschte dieser, seinen alten Freund, Prof. Bambäry, zu sehen und ließ ihn um einen Besuch bei einem befreundeten Dritten einladen. Als nun Vamb^ry in einer Zuschrift an die St. James Gazette dem Besuche des Prinzen in Pest eine den Ungarn freundliche Bedeutung beilegte, erhebt sich die (ultramontane) „Schlcs. Ztg." zu einem Schmähartikel gegen Vambäry, den sie als Juden, früher Bamberger genannt, der „sich mit Vorliebe auf den Magyaronen Hinausspiele", bezeichnet. Allerdings ist Vamböry seit langer, langer Zeit getauft; er ist übrigens in Ungarn geboren, hat große Reisen im Oriente gemacht und ist feit vielen Jahrzehnten als Professor an der Universität Pest thätig. Wir glauben, das; er unter diesen Umständen für sein Vaterland und die darin herrschende Nation eingenommen sein muß. Ohne also für Vambäry irgendwie eintrctcn zu wollen, können wir es doch nur als eine nicht zu rechtfertigende Engherzigkeit und niedrige Gesinnung ansehen, ihn bei dieser Gelegenheit als „Jude,, zu bezeichnen, und zwar in einem Tone, als ob damit ein verachtenswcrther Charakter von selbst verbunden sei. Auf welcher Seite hierbei das Vcrachtenswerthe liege, wird der Unbefangene leicht entscheiden. Natürlich nehmen andre deutsche Blätter mit Vergnügen von dem Artikel der Schles. Ztg. Notiz, und machen sich hiermit desielbcn Fehlers schuldig. Man darf sich deshalb nicht wundern, daß durch alle solche Vorgänge in vielen Ländern jetzt der „Deutsche" nicht in der ihm gebührenden Achtung steht. Münster, 15. Oct. (Privatmitth.) Am 28. October fand die Einweihung des neuen Seminargebäudes der Marks-Haindorfschen Stiftung statt. Die Einweihungsfeierlichkeit gestaltete sich zu einer recht imposanten und die Stimmung der zahlreich versammelten Festgenossen, worunter viele ehemalige Zöglinge des Seminars sich befanden, war durch den Anblick des Prachtgcbäudes eine sichtlich gehobene. Das Königliche Provinzial-Schulcollegium sowie die städtischen Behörden hatten ihre Vertreter zu der Feierlichkeit entsendet. Diese wurde zunächst durch eine Ansprache des Präses des Curatoriums Herrn F. Blumenfeld eingeleitet, an welche sich eine ebensolche von Seiten des Ehrenpräsidenten des Curatoriums Herrn Rittergutsbesitzers Löb anschloß. Nachdem der Präses den Schlüssel dem Vertreter der Königlichen Regierung überreicht hatte, begab sich die Festversammlung in die schöne Aula, wo der Herr Regierungsvertreter zuerst das Wort ergriff. Derselbe entwickelte mit kurzen aber beredten Worten das Bild eines schönen Seminarlebens, wo der Zögling im Seminare seine Berufsheimath erblickt, nach der er auch später, wenn er schon in das eigentliche Berufsleben eingetreten, mit einer gewissen Sehnsucht zurückblickt. Ein solches Seminarleben sei aber nur dann möglich, wenn dasselbe auf wahre Religiosität und treue Pflichterfüllung gegründet ist. Hierauf hielt der Seminardirector vr. Steinberg eine längere Rede, in welcher er hauptsächlich die Geschichte der Gründung, sowie des nunmehr sechzigjährigen Fortbestehens der Anstalt beleuchtete, dann aber Zur Geschichte des Neubaues übergehend, derjenigen Männer rühmend gedachte, welche den Impuls zu demselben gegeben, sowie derer, welche ihn mit seltener Energie zu Ende geführt haben. — Nachdem der Synagogenchor in Gemeinschaft mit den Seminaristen ein patriotisches Lied gesungen und der Gemeindeprediger vr. Mansbach ein erhebendes Weihegebet gesprochen, richtete der Herr Regierungsvertreter das Schlußwort an die Festversammlung. In diesem beleuchtete er den Seminarunterricht, welcher, obgleich vom Elementaren ausgehend, doch der Wissenschaftlichkeit nicht entbehren könne, vor allem aber auf Wahrheit beruhen und von treuer Pflichterfüllung, von Seiten der Lehrer sowohl, als der Schüler begleitet werden müsse. Als höchst nachahmungswürdiges Muster treuer Pflichterfüllung stellte Redner Se. Majestät den Kaiser und König hin, der trotz seines hohen Alters den Regierungsgeschäften mit seltener Pünktlichkeit obliegt, und forderte die Versammlung auf, Sr. Majestät ein Lebehoch auszubringen, in welches die gesammten Anwesenden dreimal begeistert einstimmten. Hiermit schloß die ebenso schöne als erhebende Einweihungsfeierlichkeit. — Um ,/22 Uhr Nachmittags versammelten sich die Fest-