Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1885)
- Date
- 1885-11-03
- Page
- Seite 719 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227601--43044-3311654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
719 Entschlossenheit ertragen, worauf er sich in vielen Fällen wieder heraus- und emporarbeiten werde. Das bewährte sich ihnen oft genug, und waren erst die Verhältnisse wieder er' träglich geworden, so war das Vergangene vergessen. Hierbei wirkte natürlich das religiöse Element kräftig mit, denn die Furcht vor Gottes Gericht war stärker als die vor dem Urtheil der Menschen, und die Anhänglichkeit und das Pflichtgefühl für Frau, Kinder und Eltern war zu stark, um diese der Noth und Bedrängniß hilflos überlassen zu wollen. Unser Kurfürsten kamen Tausende französischer Flüchtlinge reformirten Glaubens in der Mark Brandenburg an, und fanden unter dieses weisen Herrschers mildem Szepter Aufnahme und Förderung. Am hiesigen Orte haben sie ihr Bekenntniß und ihre Sprache gepflegt und bis zum heutigen Tage erhalten. Temungeachtet erfüllten sie zu aller Zeit gewisienhaft ihre bürgerlichen Pflichten und, der damaligen Bevölkerung an Cultur voran, brachten sie Gewerbe und Handel in nützlichster Weise nach Berlin. Aus ihren Reihen sind auch deutsche Dichter gegenwärtiges Geschlecht denkt und fühlt leider anders. Das! und bedeutende Autoren hervorgegangen. Wie will man nun religiöse Gefühl ist abgeschwächt, zum Theil ganz verdrängt, > den Inden einen Borwurf aus ihrem Bekenntniß und ihrem die Familienbande gelockert. Hab- und genußsüchtig, wie Festhalten an religiösen Satzungen und Gebräuchen machen. man ist, giebt man sich der Verzagtheit hin und ist in seiner Schwäche und Feigheit bereit, sich dem Kampf, bezüglich der Schande und der Noth, durch den Tod zu entziehen und damit allen Verlegenheiten zu entgehen. Ja, das Verbrechen des Selbstmordes hat in den Augen unserer Generation seinen Frevel und seine Schrecken — aber auch in den Augen der meisten Mitmenschen seine Schmach verloren. Man bedauert den Unglücklichen, ohne seine That zu verdammen und den feigen Selbstmörder als den elenden Charakter zu bezeichnen, der er ist. Man hat ein verschönerndes Wort für seine That: er war „gemüthskrank" oder hatte eine „momentane Geistesverwirrung" u. dergl. und macht unter Umständen den Selbstmörder zu einem Märtyrer oder gar einem Helden. Die Folgen dieser Verkehrtheit zeigen sich denn auch, da diese Art von Mordsucht bereits in die Reihen der Schüler gedrungen, die, wenn sie faul gewesen und deshalb in der Klasse Zurückbleiben, zum Revolver greifen. Bester kann es natürlich, so lange solche Ansichten herrschen, nicht werden. Kann man nicht die Frage aufwerfen: ob vor dem Forum der Gesellschaft der Unterschied zwischen einem Mörder und Selbstmörder — vorausgesetzt, daß dieser nicht wirklich wahn' finnig gewesen, d. h. schon längere Zeit seines Verstandes und Willens nicht mächtig — wirklich so groß ist, wie er der Jetztzeit erscheint? So weit der Einzelne ein Glied des Ganzen und diesem zugehörig und verantwortlich ist, erscheint es gleich, ob der Erstere einem Andern oder der Zweite sich selbst das Leben raubt und der Gesellschaft entzieht. Die die ebenso wenig ihren Pflichten und Gefühlen gegen Vaterland und Staat Abbruch thun?! Was an dem Einen billig ist, ist doch am Andern auch gerecht. — —. Im zweiten Berliner Landtags-Wahlkreise fand gestern eine liberale Wählerversammlung statt, in welcher Eugen Richter eine längere Rede hielt. Unter Anderem sagt er: „Was die Conservativen in Berlin betrifft, so hat ja Herr Stöcker neulich erst wieder gesagt: Die antisemitische Bewegung sei von Gott gemacht! (Oho! Pfui!) Die conservative Bewegung in Berlin hat diesmal keinen rechten Zug und gleicht ganz und gar nicht dem Anlaufe, der im Jahre 1üB2 gemacht wurde. Allerdings hat Herr Stöcker in der letzten Zeit auch viel Unglück gehabt; ec hat Anderen eine Grube graben wollen und ist nun selbst hineingefallen. (Bravo!) Man hat alle Ursache, den Staatsanwälten dankbar zu sein, die die Beleidigungsklagen des Herrn Stöcker „im öffentlichen Interesse" in die Hand nahmen. In Siegen ist erst jetzt wieder festgestellt worden, daß es gerichtsnotorisch ist, daß Herr Stöcker sich mehrfacher Unwahrheiten schuldig gemacht hat und die amtliche Erklärung des Staatsanwalts in Siegen hat die Bedeutung: es giebt einen königlichen Hofpredigec in Berlin, dem man ohne Gefahr vor einer Verurtheilung wegen Beleidigung Vorhalten kann, daß er mehrfach die Unwahrheit gesagt hat. Das wird die Geschichte später auch einmal als ein Charakreristikum unserer Zeit aufführen! (Stürmischer Beifall.) In dem Augenblick wo Herr Stöcker die antisemitische Bewegung als eine Art Gotteswcrk hinstellt, läßt das That an sich ist dieselbe, nämlich die gewaltthätige Vernich- Gericht in Siegen Zeugniß darüber erheben, daß der Krontung eines Menschenlebens. Wir wünschten, Rechtsgelehrte und Psychologen erörterten diesen Gedanken näher. Wäre das Resultat das eben angedeutete, so würden sich Folgerungen ergeben, die nicht ohne Wirkung bleiben könnten. Uebrigens kommen bei den Juden die überaus meisten Fälle der Selbstmorde unter den sog. Gebildeten vor, was eben kein Zeugniß von gesteigerter religiöser und sittlicher Bildung giebt. —. In diesen Tagen feiert die französische Colonie Hierselbst ihr 200 jähriges Jubiläum. Unter dem großen Prinz diese Bewegung für eine Schmach Deutschlands hingestellt hat! (Hört! Hött!) Ich bin bereit, meinerseits auch Zeugniß dafür abzulegen, daß der verstorbene Stadtrath Magnus mir mitgetheilt hat, der Kronprinz habe ihm gegenüber die antisemitische Bewegung als eine Schmach für Deutschland bezeichnet, deren er sich im Auslande schämen müste. (Hört! Hött!) Die Conservativen haben Unglück und Herr Stöcker hätte im eigenen Jntereste bester gethan, die Politik nicht in die Gerichtssäle zu tragen." Berlin, 21. Oct. Abermals ist ein Anhänger Stöckers