Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1885)
- Date
- 1885-11-03
- Page
- Seite 715 (sequence 3)
- Language
- German
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715 bei ab und handelt unrecht, so wird er strafbar ohne Beachtung seiner früheren Gerechtigkeit. Kehrt der Frevler von seinem Frevel um und übet Recht und Gerechtigkeit, so wird er für seine früheren Uebelthaten straflos und erndtet den Lohn der Gerechtigkeit. Schon am Anfang seiner Prophetie deutet Ezekiel diese Lehre an (3, 18 ff.). Ausführlich jedoch stellt er sie im 18. Kapitel auf, wobei er die Grundzügc der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit entwirft. Er sagt: „Sieh, alle Seelen sind mein; wie des Vaters Seele, so die Seele des Sohnes; nur die sündige Seele wird sterben. So ein Mensch gerecht sein wird und Recht und Gerechtigkeit übet, dem Götzendienst nicht huldigt, Ehebruch nicht thut, Niemanden übervortheilt. das Pfand für seine Schuld zurückgiebt, keinen Raub begeht, dem Hungrigen sein Brod giebt und den Nackten mit Kleidern bedeckt; um Zins leiht er nicht und nimmt nicht Uebermaß, übet wahrhaftiges Recht zwischen Einem und dem Anderen, wandelt in meinen Satzungen und hält meine Rechte, Wahrheit und Treue übend — der ist gerecht und wird leben." Hat er aber einen frevelhaften Sohn, der all' dessen das Gegentheil thut, „er wird nicht leben, all' diese Greuel that er, er muß sterben, sein Blut kommt über ihn." Hat ein sündiger Vater einen Sohn, der all' dies Rechte thut, „der soll nicht sterben durch die Schuld seines Vaters, leben wird er." Immer wiederholt wird hierbei ausgesprochen, daß Gott „kein Wohlgefallen am Tode des Frevlers hat, sondern daß er zurückkehre von seinem Wandel und lebe." Jeder stirbt durch das Unrecht, das er gethan, und erhält seine Seele durch Recht und Gerechtigkeit, die er geübt. Deshalb richtet der Prophet an das Haus Israel auf's Inbrünstigste den Aufruf: „Kehret zurück und bekehret euch von all euren Missethaten, daß euch die Schuld nicht zum Anstoß werde! Werfet von euch all' eure Misiethaten, durch die ihr euch vergangen und schaffet euch ein neues Herz und einen neuen Geist: warum solltet ihr sterben, Haus Israel! Denn nicht am Tode des Todeswürdigen habe ich Wohlgefallen, spricht der Herr, der Ewige, so bekehret euch und lebet!" . . . So sehr liegt dem Propheten diese Theorie am Herzen, daß er sie später noch einmal ausführlich bespricht (Kap. 33). Ist dieselbe nun auch auf manchen Seiten anfechtbar, so sind es doch zwei Wahrheiten, die sie energisch einschärft: zuerst, daß jeder Mensch nur für sich, für sein Thun und Lassen verantwortlich ist, jede Menschenseele nur für sich einzutreten habe; dann, daß die Barmherzigkeit Gottes dem Menschen zu jeder Zeit die Umkehr vom bösen Wandel gestattet, und falls dieselbe durch das Leben und die Handlungen des früheren Sünders bethätigt wird, also ebenso in der Gesinnung, wie in den Handlungen sich dauernd kundgiebt, dem Sünder volle Verzeihung, volle Vergessenheit seines früheren Unrechts gewährt. Andererseits mußte diese vom Propheten so scharf vorgetragene Lehre einen tiefen Eindruck auf das Volk machen, es vor Uebelthaten verwarnen, zur Gerechtigkeit und Liebe anspornen und ihm so zur rechten Führung, zum anschaulichen Wegweiser dienen. — Nachdem die Zerstörung Jerusalems und die Wegführung der Volksreste eine vollendete Thatsache war, schlug die Prophetie Ezekiels eine andere Richtung ein. Seine Reden hatten zum Inhalt: die Wiederherstellung des geläuterten Israels. Unerschöpflich sind hier seine Versicherungen, daß Israel niemals untergehen, daß es sich zu Gott zurückwenden und wieder nach seinem Lande zurückgeführt werde. Diese Zuversicht im Herzen des Volkes zu nähren, es an den Glauben des einzigen Gottes zu fesseln und es zu versittlichen, macht das angestrengte Bestreben des Propheten aus. So besorgt war er hierfür, daß er selbst ein Ceremonialgesetz — auf Grundlage des mosaischen — für die dereinst Zurückgekehrten entwarf. (Kap. 40 ff.) Neben diesem wendet er sich weissagend gegen die Völker, welche den Sturz Juda's herbeigesührt und frohlockend begrüßt haben. Nicht im Einzelnen, sondern auch in ganzen Völkern erkennt der Prophet hoffärtige Selbstüberschätzung und Verachtung anderer Nationen, sowie Schadenfreude über das Mißgeschick Anderer als die Ursache ihres Sturzes, vorübergehenden oder dauernden Falles an (25, 6, und öfter). Befinden sich jedoch in einem sonst entarteten Volke hervorragende Männer, die durch Gerechtigkeit und frommen Sinn sich auszeichnen, so läßt die lenkende Vorsehung diesem Volke Schonung und Gnade angedeihen (14, 13). Eigenthümlich ist cs, aber aus dem Umstande erklärlich, daß unser Prophet in der Mitte jener großen Bölkerbewegung lebte, die immer wieder Inner-Asien überfluthete oder doch zu überfluthen drohte: er legte sich auch die Frage vor, ob, nachdem Israel wieder im heiligen Laude frei leben werde, die Ruhe der Welt für immer gesichert sein werde? Er verneinte dies, sah von Mitternacht her wilde Bölkerschaaren (Gog und Magog) Hereinbrechen, aber ihren Untergang finden. — Endlich wendete sich Ezekiel auch mit besonderem Nachdruck gegen die Fürsten, Vorsteher und Aeltesten — „Hirten des Volkes" — welche ihre Gewalt und ihr Amt zur Befriedigung ihrer Herrschsucht und Habgier mißbrauchen, in einem trefflich ausgeführten Gleichniß. Es heißt da: „Das Fett esset ihr und in die Wolle kleidet ihr euch, das Gemästete schlachtet ihr: aber die Heerde weidet ihr nicht; die Siechen stärket ihr nicht, die Kranken heilet ihr nicht, die Verwundeten verbindet ihr nicht, die Versprengten bringt ihr nicht zurück und die Verlorenen suchet ihr nicht: aber mit Gewalt herrschet ihr über sie." Ueber diese Hirten kommt das Strafgericht Gottes und vernichtet sie. Aber die verwirrte und zerstreute Heerde wird gerettet und gesammelt und geweidet „auf den Bergen, in den Niederungen und aus allen Wohnplätzen des Landes" (Kap. 34.). 4L*