Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1885)
- Date
- 1885-11-03
- Page
- Seite 714 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227601--43039-3311649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
714 wie die Zuhörer seines älteren Zeitgenoffen auf Morija- Dabei zeigten sich dieselben Uebelthaten innerhalb der kleinen Gemeinden, wie dort im Mutterlande. Die Vorsteher und Aeltesten übten Gewaltthat, unterdrückten die Schwächeren und Untergebenen und saugten sie aus, so daß gegen sie der Prophet sich entrüstet aussprechen mußte. Jeremias also stand auf dem Boden der Wirklichkeit und hatte all' deren Schrecken zu ertragen, während Ezekiel nur in der Idee lebte und wirkte, nur im Innern seines Herzens all' die Schmerzen über die Verblendung und Verstocktheit seines Volkes und über deffen ganzes trauriges Geschick, über den Untergang aü' seiner Herrlichkeit empfand, in seiner Person aber unangefochten blieb. Deshalb kann es uns nicht wundern, daß Ezekiel in seiner Verlaffenheit sich vorzugsweise der Vision, Allegorie und dem Gleichniß überließ, wie dies in dieser Innerlichkeit und Ausdehnung bei keinem früheren Prodaß sie in den Gesetzen Gottes nicht wandelten und seine Rechte nicht thaten; ja so sehr waren sie Verächter des Rechtes, daß sie „selbst nach den Rechten der Völker, die rings um sie, nicht thaten." (5, 7.) Immer und immer wieder verkündet er nun das herannahende Strafgericht, versichert aber ebenso oft, daß der Zweck dieser Vergeltung ihres Wandels kein anderer sei, als „daß ihr erkennet, daß ich der Ewige bin" (<, 4 u. oft), daß sie also zur Erkenntniß des einzigen Gottes, zur reuigen Umkehr zu ihm, zur Erneuerung des Bundes und zur treuen Uebung des Gesetzes wiederkommen. Jetzt aber „ist das Land voll Blutschuld und die Stadt voll Gewaltthat, und hat Augen zu sehen und siehet doch nicht, Ohren zu hören und höret doch nicht, solch' widerspenstiges Geschlecht ist es" (12,2). Sind es doch diejenigen, die das Volk belehren sollten, die Priester und die falschen Propheten, die „das Herz des Gerechten trügerisch kränken, des Frevlers Hände stärken, daß pheten vorgekommen. Daß hierbei der Einfluß des Landes? er von seinem bösen Wandel nicht kehrt, ihm Leben verheißend" und Volkes und des Geistes desselben mitgewirkt, wollen (13, 22). Der Prophet geißelt den „Hochmuth, die Ueberwir nur andeuten, auf die nähere Ausführung in unserer sättigung und sorglose Ruhe, während man die Hand des Einleitung zum Ezekiel verweisend. — Die prophetische. Armen und Dürftigen nicht stärkt" (16, 4L). Die Fürsten Thätigkeit Ezekiels zerfällt deshalb in zwei Perioden, bis zur! Israels mißbrauchen ihre Macht um Blut zu vergießen; und nach der Zerstörung Jerusalems. In der ersten war! „Vater und Muter mißachten sie in Israel, üben Bedrückung der Geist des Propheten von dem Sturm der Ereigniffe erfüllt, der über Juda verheerend hintobte. Wir begegnen deshalb in diesen Reden all' den Momenten, welche bei Jeremias so kräftig sich geltend machten, nur mit dem einen Unterschiede, daß der erstere eine Verbindung zwischen den Vorgängen in seinem Volke und der Allgemeinheit des Daseins, wie sie in Gott existirt, suchte, fand und in seiner großen Vision ausdrückte, mit welcher er seine prophetische Berufung einleitete. Der Gedankengang, den er in diesem ersten Theile seiner Reden verfolgt, ist nun ebenfalls: der Abfall von Gott, die Hingabe an das Götzenthum, die Einführung des Götzendienstes durch das ganze Land wie selbst in dem Tempel zu Jerusalem ist für Israel die Quelle nicht blos der religiösen, sondern auch der sittlichen und sozialen Entartung, und um so strafbarer, als Israel durch die ihm geoffenbarte am Fremdling, bedrücken Waise und Wittwe; Verleumder sind sie, um Blut zu vergießen, und Unzucht treiben sie in der Mitte des Volkes; Bestechung nimmt man, um Blut zu vergießen, Wucher und Uebermaß nimmst du und bereicherst dich an deinem Nächsten durch Berückung" (21, 6). Durch alle diese Kundgebungen weht der Geist der Wahrheit und der Gerechtigkeit, und wird in kräftigster Weise das Streben bethätigt, die Grundlagen des Rechts und der Sittlichkeit im Volke immer wieder zu erneuern, zum Bewußtsein und zur Herrschaft zu bringen. Sind dieselben aber inhaltlich denen der früheren Propheten gleich, so unterscheidet sich Ezekiel durch die Aufstellung einer bestimmten Theorie über die Gerechtigkeit Gottes. Unter den furchtbaren Schicksalsschlägen, welche das Volk ohne Unterschied getroffen, wachten in demselben Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes auf. Sie konnten Religion in die engste Verbindung mit Gott, zur Erkenntniß sich in die Wege der Vorsehung nicht finden; sie erklärten des einzigen Gottes und zu sorgfältigen Gesetzen und Vor-„die Wege Gottes nicht für gerade"; sie wiederholten das fchriften gekommen war. Alles dies fordert das Strafgericht! schon ältere Sprüchwort: „Die Väter essen Heerlinge und Gottes heraus und hat sicher die Zerstörung Jerusalems, der Söhne Zähne werden stumpf" (18, 2), d. h. die Väter die Vernichtung des Staates, den Untergang zahlloser Jsrae-! haben gesündigt, und die Söhne werden gestraft. Hält sich £tton und die Wegführung des Restes in die Gefangenschaft doch gar leicht der Lebende für schuldlos, und sucht in An- ]\n Folge. Als den Grundzug des judäischen Volkes in deren die Ursache seines Mißgeschickes. Hiergegen erhob sich dieser zeichnet er wiederholt die Halsstarrigkeit desselben, die nun der Prophet. Die Gerchtigkeit Gottes besteht nach ihm „starren Angesichts und verstockten Herzens, ein widerspenstiges . in der sorgfältigen Prüfung des Wandels und in der Ec- Geschlecht" sind (2, 4. ff.). Dennoch erkennt er als höchste theilung von Strafe und Lohn nach der Beschaffenheit dieses Pflicht an, „seine Stirn härter als Demant zu machen", um! Wandels. Jeder Mensch tritt für sich selbst ein, und der furchtlos die Frevler zu verwarnen, weil sonst ihre Schuld Vater leidet nicht für den Sohn die Strafe und der Sohn "uf ihn selbst komme (3, 18). Darum wirft er ihnen vor, nicht für den Vater. Fällt ein Gerechter von seinem Wan-