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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-27 · Heft 44 (27.10.1885) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 44 (27.10.1885)
Date
1885-10-27
Page
Seite 710 (sequence 14)
Language
German
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710 Tadel nicht mißachten, und daraus Nutzen zu ziehen suchen. Der dritte Act des Prof. Möller lautet: »Ich gebe zu, der Assimilationsprozeß desselben ist noch nicht vollendet, ist noch fortwährend im Gange und so lange er das ist, werden gewisie Unannehmlichkeiten nicht auseine Reklame für die Maare des Gewerbtreibenden und Fabrikanten, vor allem aber die Veröffentlichung oder Verschweigung irgend eines privaten Skandals — das alles hat seinen Preis, je nach Stand und Vermögen des Betheiligten. Freilich weiß man ja, daß das Personal dieser Revolverbleiben. Namentlich wird das hergebrachte Gefühl der Zuj Presse sich nicht aus Juden allein rekrutirt; es befinden sich sammengehörigkeit, der alte Familien- und Stammessinn bei! auch christliche Germanen, ja sogar Männer mit altaristounsern jüdischen Mitbürgern so lange lebendig bleiben, als! kratischen Namen darunter. Immerhin aber hat dies starke sie noch in socialer Beziehung, wenn auch nicht mehr in! jüdische Kontingent dem Geschrei von der Berjudung der rechtlicher zurückgesetzt werden, also Ursache haben, sich nicht! deutschen Presse einen gewissen Anhalt gegeben. Dies Litevollkommen heimisch zu fühlen. Daß dies Gefühl der Soli-! ratenthum und jene sebstgemachten Volkstribunen find es, Parität neben guten Früchten auch sehr widerwärtige Aus-! die dem Antisemitenthume die meiste Nahrung zuführen und wüchse treibt, wurde schon oben berührt. Es ist vor allen! einen Schein von Berechtigung verleihen. Die anständigen Dingen die Kamaraderie, die gegenseitige Lobhudelei und! Juden sehen dies vollkommen ein, können aber leider jene Protektion, welche ich meine. Sie bringt es mit sich, daß > Leute schwer von ihren Rockschößen abschütteln, eine Menge von Mittelmäßigkeiten in den Vordergrund ge' Noch in einer andern Weise, die nicht sowohl zu ernsten schoben werden oder im Bewußtsein des Rückhalts, den sie Uebelständen führt, als vielmehr den Spott herausfordert, finden, sich vordrängen. Ich kenne bescheidene Juden und sehen wir die Eitelkeit der Juden zu Tage treten: es ist die sie sind sehr liebenswürdig, aber häufig sind sie es nicht! Das Sucht nach äußeren Auszeichnungen. Ist einer unserer jüist ganz natürlich; wird bei ihnen doch die Eitelkeit und dischen Kaufleute oder Fabrikanten zu Vermögen, zu einer Selbstgefälligkeit systematisch großgezogen. Am unangenehmsten macht sich diese noch nicht adgeschliffene Unart im öffentlichen Leben fühlbar. Wer kennt sie nicht, jene Schwätzer, die in Bezirksvereinen und Volksversammlungen das große Wort führen, jene Krakehler, die durchaus eine Rolle spielen müssen und da sie Positives zu leisten außer Stande sind, sich auf die Negative werfen und alle wirklich hervorragenden Männer Herunterreißen? Dies angesehenen Stellung unter seinen Mitbürgern gelangt, so läßt er sich selten daran genügen: der „Commerzienrath* oder wenn dieser stolze Titel zu hoch hängt, wenigstens der „Commisfionsrath" ist das Ziel seines Ehrgeizes. Macht unser Mann Geschäfte mit Rußland, so findet sich dort wohl ein Gönner, der ihm für eine kleine Gefälligkeit ein Stanisläuschen besorgt. Und sollte dazu keine Gelegenheit vorhanden sein, so thuts auch der fürstliche Hausorden von Wolkenwiderwärtige Maulheldenthum findet sein Seitenstück in einer! kukuksheim, umsomehr, als die Orden desto größer zu sein großen Zahl von Korrespondenten, Redacteuren und Mitarbeitern der Tagespresse. Es sei fern von mir, leugnen zu wollen, daß unter den jüdischen Vertretern der Presse sich nicht nur große publizistische Talente befinden, sondern auch höchst ehrenwerthe, überzeugungstreue Männer, die ihrer Sache mit Eifer und Opfermuth dienen und oft genug das Martyrium des Strafprozesses auf sich nehmen müssen. Aber auf der andern Seite wird jeder Kenner unserer und besonders der österreichischen Preßzustände ein jüdisches Proletariat kennen, das theils aus Gesinnungslosigkeit, theils aus materieller Noth bereit ist, seine Feder in den Dienst jeder Partei, selbst der antisemitischen zu stellen. Und da Renegaten es ja überall am ärgsten treiben, so wüthen denn auch diese jüdischen Antisemiten gegen ihr eigen Fleisch und Blut am unbarmherzigsten. Endlich aber werden so manche dieser Leute dem edlen Berufe, Organe der öffentlichen Meinung zu sein, soweit untreu, daß sie den vom Volkswitze erfundenen Namen „Preßpiraten" vollauf verdienen. Sie benutzen die Furcht vor der Oeffentlichkeit, um von dem Publikum ärmliche Steuern zu erheben. Ein lobendes Urtheil über die neue Sängerin, eine abfällige Kritik des neuen Stücks, pflegen, je kleiner das Baterländchen, dem sie entstammen. Als zweite höhere Stufe, nur wenigen Auserwählten erreichbar, steht darüber der „Geheime Commerzienrath" und endlich der Gipfel irdischer Glückseligkeit, ein Glanz, der nur noch Hofbankiers strahlt — der Adel, der Baron! Man denke: Freiherr von Levi, Frau Baronin Cohn von Cohnstein, Visitenkarten mit der siebenzinkigen Krone und ein Wappen auf dem Kutschenschlag! Und wenn man nun für sich selber dieses Glück nicht erreichen kann, vielleicht gelingt es, der geliebten Tochter das beneidenswerthe Loos zu sichern. Die Tochter ist hübsch, gut erzogen, sehr gebildet, spielt selbstverständlich Chopin, malt wohl gar in Oel, und — bekommt eine halbe, wo nicht eine ganze Million als Mitgift. Wie sollte nicht irgend ein Baron in Liebe für sie erglühen und ihr sein Wappenschild und seine Schulden zu Füßen legen! Dann ist „meine Tochter, die Frau Baronin, ach so glücklich!" Aber, aber — so lächerlich diese Thorheit auch sein mag, haben wir echten Germanen wirklich ein großes Recht, uns darüber lustig zu machen? Die Ordensjagd mag ja bei uns nicht ganz so arg sein, wie in Frankreich, die Titel-

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