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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-27 · Heft 44 (27.10.1885) · p. Seite 708

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 44 (27.10.1885)
Date
1885-10-27
Page
Seite 708 (sequence 12)
Language
German
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708 reich, bereit entscheidendes Resultat erst durch die Stichwahlen am 18. d. erfolgen wird, sind bekanntlich diesmal durch Listenscrutinium, nicht wie bisher durch Arrondissementswahlen, geschehen. Statt also, daß jeder Bezirk seine kleine Anzahl Deputirte zu wählen hatte, wählt jetzt jedes Departement seine sämmtlichen Deputirten durch Listen. Der Erfolg dieser Veränderung war ein ganz anderer, als sich die Urheber derselben, die Gambettisten, gedacht hatten: es fielen viele bisherige Deputirte bei der Wahl durch und an deren Stelle wurde eine große Zahl Monarchisten gewählt. So geschah es auch, daß die bisherigen vier Deputirten jüdischer Religion nicht wieder gewählt wurden, und daß die fünf, welche in Paris aufgestellt wurden, meist nur eine verhältnißmäßig geringere Zahl Stimmen auf sich vereinten, so daß es leicht kommen kann, daß in dieser Kammer kein Jude einen Sitz erhält. Die Ursache hiervon scheint aber auch in dem gegenwärtigen Mangel an hervorragenden Talenten, die sich für die Menge bemerklich machen, unter den Juden zu liegen. Rumänien. Czernowih, im Oktober. „Bukowinaer Rundschau" berichtet über einen unerhörten Fall von Mißachtung der völkerrechtlichen Beziehungen, dessen sich ein officielles Organ der rumänischen Regierung vorige Woche gegenüber einem österreichischen Staatsbürger schuldig gemacht hat, wie folgt: „Ein orthodoxer jüdischer Bürger, der 55 Jahre alte Leib Rosenkranz aus Tremblowa bei Tarnopol, ist in Angelegenheiten seines Geschäftes nach Herza in der Moldau gereist. Er war im Besitze eines legalen österreichischen Passes, den er auch vom rumänischen Zollamte in Marmowitza ordnungsmäßig vidiren ließ, und meldete sich bei seiner Ankunft in Herza auf der Polizei, um seinen mehrtägigen Aufenthalt vorschriftsmäßig zur amtlichen Kenntniß zu bringen. Der Herr Polizeimeister findet es aber angezeigt, das Vidi der Präfektur in Dorohoi auf den Paß des österreichischen Staatsbürgers setzen zu lassen, läßt den Kaufmann 24 Stunden im Arrest sitzen und schickt ihn in Ketten unter militärischer Eskorte zu Fuß nach Dorohoi, woselbst dieser das Vidi der Präfektur persönlich abholen soll. In Dorohoi wird der Mann drei Tage lang im Kerker gehalten, täglich geprügelt, dann wird unter Anwendung von Martern Kopf und Bart rasirt und zuletzt wird er wieder mit Eskorte an die österreichische Grenze abgeschoben." (Und der Kaiserstaat läßt sich das gefallen!) Rußland. Petersburg, 16. Oktober. (Privatmitth.) Der „ Moskwskya Wjedwosty" zufolge wird am 13. October die „Pahlensche Commission" unter dem Beisitz der Senatoren H. Mordinow und Polvwzew ihre Sitzungen eröffnen. Unter anderem wird hier die Vorstellung, welche die Eparchialverwaltungen der westrussischen Gouvernements im heiligen Synod gemacht haben, nämlich: Juden zu verbieten an Sonn- und Feiertagen Handel zu treiben zur Verhandlung kommen. Wie ich aus sicherer Quelle erfahre, hat der General- Gouverneur vom Königreich Russisch-Polen General Gurko eine Commission eingesetzt, deren Aufgabe es ist, binnen eines Monats zu entscheiden, in welchen Grenzen es sich für nöthig erweist, die bekannten temporären Vorschriften vom Mai 1882 — welche wir so bitter zu beklagen haben — auch auf Polen auszudehnen, ferner die Angelegenheit der Synagogen und Cheder zu reguliren, über die jüdischen Schankwirthe und Landbewohner Bestimmungen zu treffen. Diese Nachricht hat begreiflicher Weise einen sehr betrübenden Eindruck gemacht, besonders als man erfuhr, daß zu den Mitgliedern dieser Commission einige erklärte Antisemiten ernannt worden sind. Australien. Neu Sidney, im Aug. Je weiter die Cultur über den australischen Continent sich verbreitet, desto weiter dehnen sich auch die Niederlassungen unsrer Glaubensgenossen daselbst aus und nach dem alten Bedürfniß und Brauch werden Synagogen errichtet und Friedhöfe hergestellt. So wurde am 7. Juli in Brisbann in Westaustralien der Grundstein zu einer Synagoge in Gegenwart der ganzen jüdischen Gemeinde und einiger christlichen Honorationen gelegt. Herr Lewis Phillips, der Präsident der Gemeinde, reichte einen Hammer und eine silberne Kelle dem Rabbi Phillips, der in gewohnter Weise die Ceremonie mit den üblichen Gebeten und Psalmen vollzog und eine Ansprache über die unverwüstbare Natur des Judenthums hielt, welches in allen Theilen der Welt blüht. Das Gebäude soll im November vollendet sein. Es wird 260 Sitze nebst 140 in den Gallerten enthalten. Der Styl ist byzantinisch, das schöne Portal wird durch zwei Thüren flankirt. Später soll ein Schulhaus errichtet werden. Das Bauwerk kostet 25 000 Dollar. Bonn, 18. Okt. (Notizen.) In Lille verstarb der hochangesehene Herr August Levylier. Sohn des Präsidenten des israelitischen Consistoriums zu Nancy, Joseph Levylier und Schwiegersohn des Obersten Max Cerfberr, Präsidenten des Centralconstoriums, war er 1824 geboren, und seit 1848, nachdem er die polytechnische Schule besucht hatte, Finanzeinnehmer, in welchem Amte er sich durch seine Pflichttreue I und Gewandtheit auszeichnete, so daß er zum Generalschatz-! meister in Chäteauroux, Bar-le Duc und zu Toulons erwählt ward. Im letzteren Posten erwarb er sich 1884, als die j Cholera in Toulons wüthete, so viele Verdienste, daß er zum Generalschatzmeister von Lille, einem der wichtigsten Aemter j dieser Art in Frankreich, erhoben wurde. Hier verstarb er.

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