Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-27 · Heft 44 (27.10.1885) · p. Seite 707

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 44 (27.10.1885)
Date
1885-10-27
Page
Seite 707 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227600--43031-3311640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

707 mögen wohl einige sich dort angefiedelt haben; diese haben! auch sehr viel im Antisemitismus machen, jüngst zwei Artikel nun, da die Juden bekanntlich eine eigenthümliche Manier für das Kapital brachten. besitzen, die Thiere zu schlachten, sich einen „ Schächter" engagirt, Pest, 6. Oktober. (Privatmitth.) Der ungarische israeder ihnen dies nach üblichem Ritus besorgen sollte. litische Cultusbeamten-Verein hielt heute Vormittag unter Die Geraer Rathsherren haben vielleicht von diesem Borsitz seines Gründers und Präses, des Herrn Oberkantors Ritus nichts gewußt, und nun kam ihnen die ganze Geschichte Friedmann, seine diesjährige Generalversammlung ab. Der sonderbar vor, und sie haben kurzweg das „Schächten" verboten; aber bevor man etwas verbietet, sollte doch selbst ein Rathsherr in Gera sich erkundigen, wie die Sache anderwärts gehandhabt wird. In Berlin, in Paris, in London sind doch die Magistrate am Ende ebenso klug und ebenso human als in Gera; im ganzen deutschen Vaterlande können die Juden unbeanstandet „schachten"; nur in Gera schlägt dem Stadtrath das Herz für das Rindvieh wärmer als anderwärts. erst vor drei Jahren gegründete Verein zählt 223 ordentliche, 42 unterstützende und 6 gründende Mitglieder. Das Bereinsvermögen beträgt 5391 Gulden, und wurden bereits sechs Wittwen verstorbener Cultusbeamten mit je 200Gulden unterstützt. Krakau, 8. Oktober. Heinrich Morgenstern und sein Advokat vr. Eichhorn, welche in erster Instanz wegen Ehrenbeleidigung des aus den Affairen Stieglitz und Morgenstern Der wohlweise Stadtrath hätte sich auch erkundigen I bekannten Jesuitenpaters Eberhard (begangen in einem Gekönnen, wie die Männer der Wissenschaft über das „Schächten" denken; da hätte er gehört, daß die ersten Autoritäten diese Form des Schlachtens als vortheilhaft für Mensch und Thier betrachten; denn Moses hat das Schächten nur eingeführt, weil er ein Thierfreund war, und weil durch den Schnitt, den ein darauf eingeübter Mensch mit einem haarscharfen suche an das Ministerium wegen Entführung der Tochter Morgenstern's) verurtheilt wurden, und zwar vr. Eichhorn zu sechs Wochen und Morgenstern zu sieben Tagen Arrest, sind bei der heute durchgefühtten Appellverhandlung freigesprochen worden. Graz. 9. Oktober. Meldung der „Presse": Die hiesigen Messer in einem Zuge ausführt, das Thier am wenigsten ge- - Arbeiter bereiten eine allgemeine Versammlung vor, in welcher quält wird; und die Menschen kommen gut dabei fort, weil eine Resolution gegen den Anttsemitismus eingebracht wird, das Blut bei dieser Schlachtmethode rasch abfließt und das Fleisch nicht so rasch verwest, als wenn das Blut in den Adern Frankreich, gerinnt. j Paris, 16. Oktober. Obgleich in Algerien der Zustand Man wird doch nicht in Gera gescheidter sein wollen,! der Ruhe so ziemlich wiederhergestellt ist, haben die eben als in der ganzen Welt. Oder sollte am Ende ein bischen! vollzogenen Wahlen für die Deputirtenkammer einige Auf- Judenhaß in diese Ochsenliebe Hineinspielen? Das können wir! regung hervorgerufen. Vor Allem müsien wir hervorheben, von den aufgeklärten Thüringern nicht gut glauben. Jedenj daß hinsichtlich dieser Wahlen alle Hetzereien der Antisemiten, falls werden die Juden, die bekanntlich ein zähes Bölkleinj das find hier der Radikalen. nichts gefruchtet haben: ihre sind, diesen Bescheid des Senats von Gera nicht ruhig hin-! Candidaten sind durchgefallen und liberale Candidaten genehmen , und die Geraer werden am Ende doch zur Einj wählt worden. Einer der Haupträdelsführer war ein gesicht kommen, daß die Thierschutzvereine, welche gegen das) wisier Marchal, Redacteur des „vstit colon“. Unermüdlich „Schächten" eifern, aus einer Mücke einen Elephanten schmähte und wüthete er gegen die Juden und machte Alle, machen." ^die ihn nicht wählten, zu Genoffen derselben. Es half ihm aber nichts und er fiel jämmerlich durch. Dieser Ausfall veranlaßte einige Hitzköpfe zu Unordnungen. So fanden Wien, 13. Oktober. (Privatinith.) Der Adreffenbrief antisemitische Kundgebungen, die der Telegraph als „ziemlich der Majorität des Abgeordnetenhauses schließt mit dem folgenschwere" bezeichnet, in Bona nach den Wahlen statt, und die den Satze: Die Unterstützung dieser Bestrebungen erhoffen Behörden mußten Infanterie am 6. October aufbieten, um wir auch von der thatkräftigen Mitwirkung aller Schichten die Ruhestörer zu zerstreuen. In Constantine schleuderten die der Bevölkerung, und es kann nur unsere Bemühungen fördern, Radikalen Steine auf das Haus, in welchem die gewählten wenn alles hintangehalten wird, was den innern Frieden, Deputirten zusammen waren, auf die Polizei und die Soldas freundliche Einvernehmen aller gesellschaftlichen Claffen * daten. Auseinandergctrieben, verbreiteten sie sich in den ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens zu Straßen und zettrümmerten die Fensterscheiben der jüdischen stören oder zu beeinttächtigen geeignet ist. Läden und bedrohten die Juden. In Algier trug ein Ar- Fürst Bismarck hat in der Norddeutschen allg. Zeitung beiter eine Fahne umher, mit der Inschrift: „Die Juden sind Abrechnung mit Herrn Stöcker und Consorten gehalten. Nicht Sieger, der Deputirte Cachire ist gewählt!" Der Manu ohne Interesse ist es. daß die „Leipziger Grenzboten", die sonst I wurde ins Gefängniß gebracht. — Die Wahlen in Frank- 44* Oesterreich-Ungarn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.