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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-27 · Heft 44 (27.10.1885) · p. Seite 705

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 44 (27.10.1885)
Date
1885-10-27
Page
Seite 705 (sequence 9)
Language
German
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705 nach gesagt haben, wie er ihnen, gezwungen, zu der Praxis übergehen, die fast alle politisch thätigen Männer längst freiwillig üben, nämlich nicht wegen jedes scharfen Wortes gleich den Staatsanwalt zu behelligen. Der Prozeß in Siegen hat nun noch dazu geführt, daß über die Thatsache, ob der Krön-! prinz dem verstobenen Stadtrath Magnus gegenüber die antij semitische Bewegung als „eine Schmach für Deutschland" fce*; zeichnet hat, Zeugen vernommen werden sollen. Dieser Ausspruch des Kronprinzen hat in den letzten Jahren in der! Presse in Versammlungen und in öffentlichen Parlaments- Sitzungen oft eine Rolle gespielt. Er wurde von den Frei- | sinnigen gegen die Antisemiten ausgespielt, und diese halfen; sich damit, daß sie einfach die Thatsache bestritten. Ich höre noch die Herren v. Hammerslein und Minnigerode rufen: j „Ist ja nicht wahr!" als Richter im Abgeordnetenhause die Aeußerung des Kronprinzen zitirte. Es steht einer liberalen und konstitutionellen Partei im Allgemeinen schlecht an, sich auf Aeußerungen des Thronfolgers zu berufen. Die in Rede stehende Aeußerung mag aber eine berechtigte Ausnahme bilden. Sich auf diese zu berufen, lag nahe, weil die antisemitische Hetze von Anfang an. und zum Theil bis heute noch mit Recht, sich der Gunst sehr hoher Personen des Hofes rühmte und damit auch auf einen Theil der Beamten Eindruck gemacht hat. Ferner aber, und das ist das Wichtigste, hat der Kronprinz keinen Zweifel darüber gelassen, daß er; die Veröffentlichung seiner Worte wünsche. Der Hergang war, > wie ich zuverlässig weiß, folgender: In einer im Herbst vor 4 Jahren stattgehabten Sitzung der Victoria-Jnvalidenstiftung unterhielt sich der Kronprinz mit dem jetzt verstorbenen Stadtrath Magnus über die antisemitische Bewegung, erklärte, daß er dieselbe aufs Tiefste beklage und sie für eine Schmach (oder Schande) für Deutschland halte. Dies waren die prängnantesten Worte der längeren Aeußerung. Stadtrath Magnus theilte dieses Gespräch mehreren Bekannten mit und erklärte, er habe den Eindruck gehabt, daß der Kronprinz die Veröffentlichung dieser Aeußerung wünsche. Man beschloß aber, von der Veröffentlichung so lange Abstand zu nehmen, bis Magnus Gelegenheit gefunden haben würde, die direkte Ermächtigung des Kronprinzen dazu nachzusuchen. Diese Gelegenheit solle sich bei einem bald darauf stattfindenden Wohlthätigkeitskoncert in der Synagoge finden, das der Kronprinz zu besuchen versprochen hatte, dort wollte Magnus versuchen, den Kronprinzen um die Erlaubnis der Veröffentlichung seiner Worte zu bitten. Er kam aber gar nicht dazu, denn als er sich anschickte, den Kronprinzen bei dem Konccrt zu begrüßen, rief ihm dieser schon entgegen: „Sie haben doch nicht vergessen, was ich Ihnen neulich gesagt habe?" — Das genügte; unmittelbar nach dem Koncert trat Magnus mit einigen anderen Herren und einem hiesigen Journalisten zusammen, sie formulirten die Aeußerung des Kronprinzen über den Antisemitismus und schon am nächsten Morgen stand sie in der „ National-Zeitung". Dieses war der Hergang. Siegen, 14. Oft. Der Hofprediger Stöcker hat entschiedenes Unglück in den Anklagen, die er gegen Redakteure liberaler Blätter erhebt, oder vielmehr von der Staatsanwaltschaft erheben läßt. Diesmal galt es den Redakteur Bommert in Siegen, Redakteur des „Siegener Volksblattes", der zwei Flugblätter zur Bertheidigung des Candidaten Fabrikanten Schmidt, gegenüber der Candidatur Stöckers für den Reichstag, hatte drucken lassen. In dem ersten Flugblatt wird u. A. behauptet, „Herrn Stöcker sei mehrfach nachgewiesen worden, daß er sich der Unwahrheit schuldig gemacht." In dem zweiten Flugblatt sind die folgenden Stellen incriminirt: „Die Bewegung, welche Stöcker ins Werk gesetzt, hat Se. königl. Hoheit der Kronprinz eine Schmach für Deutschland genannt und hinzugefügt, er habe sich im Ausland gegenüber dieser Agitation geschämt. Im selben Sinne sprach sich der Kronprinz am 14. Januar 1881 wiederholt aus. Wähler? Ein Mann wie Stöcker, von dessen Wirken unser allverehrter Kronprinz so denkt und spricht, dem könnt Ihr Eure Stimme nicht geben"; ferner: „Herr Stöcker hat in Berlin den deutschen Protestantenverein, diese Vereinigung ernster und frommer Männer, öffentlich ein Mistbeet genannt. Ist dies die christliche Liebe und Duldsamkeit eines Pastors?" und: „Ter von Stöcker geleiteten christlich-socialen Partei in Berlin haben auch die Königsmördcr Hödel und Nobiling angehört." Rechts-Anwalt Schmitz II. wies auf das Urtheil des Berliner Gerichtshofes hin, in welchem ausgesprochen sei. daß der Hofprediger Stöcker mehrfach von der Wahrheit abgewichen sei. Was die angeblichen Beleidigungen im zweiten Flugblatt anbeträfe, müsse er seine Verwunderung aussprechen daß der Kläger dieselben zum Gegenstand einer Klage mache, nachdem bereits häufig und lange vorher dieselben Vorwürfe gegen Herrn Stöcker von anderer Seite gefallen seien. Franz Mehring z. B. sage in seiner 1882 erschienenen Schrift in Bezug auf Stöcker: „Man sieht, Kirche und Wissenschaft sind völlig einig über die Beurtheilung des Mißbrauchs, den Herr Stöcker mit dem Namen der christlichen Kirche treibt." Der Vertheidiger beantragte zum Beweis, daß Herr Stöcker! mehrfach von der Wahrheit abgewichen, die Requirirung der Acten im Prozeß Stöcker contra. Bäcker in Berlin; wenn sich der Gerichtshof den Anschauungen des Berliner Gerichts anschlöffe, könne sein Client wegen einer Beleidigung in dem ersten Flugblatt nicht verurtheilt werden. Der Berliner Gerichtshof habe die Unwahrhaftigkeit Stöcker's sowohl bei Gelegenheit der Eisenacher Conferenz constatirt, wie in Bezug auf den Reichstagsabgeordneten Ludwig Löwe. Ebenso habe Stöcker sich einer Unwahrheit in Bezug auf den Bremer Pastor Schwalb schuldig gemacht. In Bezug auf den Theologen f vr. Beyschlag in Halle, welcher behauptet hatte, Stöcker ver- 44

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