Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1885)
- Date
- 1885-10-27
- Page
- Seite 703 (sequence 7)
- Language
- German
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703 da." So sieht der Prophet in der Gottcserkenntniß und dem Gottvertrauen die Quelle aller Tugenden, nicht blos, weil aus dem rechten Gottesbegriff die Sittlichkeit unmittelbar erfließt, sondern weil der, welcher Gott erkannt hat und in ihm allein die Stütze seines Heiles findet, den göttlichen Geboten, wie sie in sein Herz geschrieben und wie sie ihm durch das Gesetz vorgezeichnet, willige Folge leisten und alles Böse sorgfältig vermeiden wird. Aber in dem Menschenherzen sind der Neigungen und Triebe viele und entgegengesetzte vorhanden, die es zu beherrschen und überwältigen hat, und das weiß der Prophet wohl, und sagt (B. 9.): „Voll Liste ist das Herz, mehr denn Alles, und siech ist es, wer durchschaut es? Ich, der Ewige, ergründe das Herz, prüfe die Nieren und gebe jeglichem nach seinem Wandel, nach seiner Werke Frucht." Deshalb sagt er (18, 12.): „Sie aber sprechen: Vergebens I denn unfern Entwürfen wollen wir nachwandeln, und ein Jeder die Verstocktheit seines bösen Herzens vollführen." Und dies hat Niemand mehr und bitterer erfahren, als Jeremias. Aber drohend ruft er aus (22, 13.), als er vor dem Könige Jojakim stand: „Wehe dem, der sein Haus bauet mit Ungerechtigkeit und seine Söller mit Unrecht, seinen i Nächsten dienen läßt umsonst, und seinen Lohn ihm nicht giebt; der spricht: ich will mir ein großes Haus bauen mit luftigem Söller! er bricht sich Fenster aus, und täfelt mit Zedern, und malet mit Farben! Bist du denn König, wenn Du im Zederbau wetteiferst? Dein Vater, aß und trank er nicht, und übte Recht und Gerechtigkeit? Da ging es ihm gut; er richtete die Rechtssache des Armen und Dürftigen, da ging es gut; ist nicht dies die Erkenntniß meiner? spricht der Ewige. Aber Deine Augen und Dein Herz sind allein auf Deinen Gewinn und auf unschuldig Blut, es zu vergießen, und auf Unterdrückung und Gewaltthat üben." — Unter den schweren Erschütterungen und dem endlichen Sturz des Staates und des Volkes, denen Jeremias beiwohnte und in die er unentwegt eingrisi, mußten sich seine ethischen Mahnungen vorzugsweise auf das lenken, was ihm als die einzige Beste des staatlichen und nationalen Bestandes erschien — auf die in allen Beziehungen zu übende Gerechtigkeit und Freiheit Aller — mit ihnen steht, mit ihnen fällt Staat und Volk. Sie sind der einzige Anker für die staatliche Gesellschaft, und ohne jene ist diese der Existenz unwürdig. Für die Privatfehler und Laster der Einzetnen hatte er in seinem schweren Kampfe keine Zeit, keinen Raum. Hierin unterscheidet er sich von den übrigen Propheten, namentlich von den beiden Jesaias. Dies macht seine Stärke aus, aber auch seine Begrenzung. Dies ist das Bild, welches wir von der Ethik des Jeremias zu entwerfen hatten. Es war eine Sturmzeit über Israel gekommen, und er stand fest und sicher in ihr auf dem Boden der Gotteserkenntniß und des Gottvertrauens, aus dem er immer wieder die dereinstige Umkehr und Wiederherstellung Juda's verkündete. So lehrt er uns zwei Wahrheiten, die eine: in Folge einer zur Entartung führenden Richtung der Culturentwickelung sinkt ein Volk von seiner sittlichen Höhe von Stufe zu Stufe, und dann kommt über dasselbe das unvermeidliche Gericht, welches die Nation entweder zum Untergange bringt, daß sie aus der Reihe der Völker verschwindet, oder sie einem Läuterungsproceß unterzieht, aus welchem, nach vielen Verlusten und schweren Mühsalen der Rest sich hinüberrettet zu neuem Leben, zum verjüngenden Wiederbeginn ihres Daseins. Und die andere. Mitten in der größten Verkommenheit menschlicher Gesellschaft sinden die Wahrheit und das Recht immer doch ihre unerschrockenen Herolde, ihre alles duldenden Träger und Vertreter, und sie sammeln, wenn auch nur eine kleine Schaar Getreuer um sich, welche der Kern der neuen Zeit, einer anderen, besserer Cultur fähigen Epoche wird, und auf neubeackerten Boden kräftigere Saat ausstreut und zu köstlichen Früchten zeitigt. Diesen Beruf hatte und erfüllte Jeremias in einem vollendeten Maße, und bietet so durch sein Leben wie durch sein Wort; ein Ideal der Sittlichkeit und des höchsten Strebens für das j Menschenthum. 'Z&ci l'l/l VI d >1 1CLC doch auch Deutsche seien, welche in der Union für das Deutschland. Deutschthum und dessen Jnteresien einzustehen hätten. Es Berlin, 14. October. (Privatmitth.) Die hiesigen Zeiist uns hierbei eingekommen, wie deutsche Schriftsteller, selbst tungen heben belobend hervor, daß Karl Schurz in New-2)ork solche, die sich nicht zu den Antisemiten zählen lasten wollen, am ersten Stiftungsfeste des Vereins deutsch - amerikanischer und zwar Männer von Ruf und die als Denker anerkannt Journalisten und Schriftsteller von New-Iork eine Rede gesind, neuerdings den Juden vorgeworfen haben, daß sie immer halten, in welcher er ausgesprochen, daß die Deutsch-Amerinoch Juden seien, da sie doch die vollen Rechte als Deutsche kaner nie vergeffen möchten, daß sie, wenn auch Amerikaner,, besäßen. Nun aber ist doch noch ein gewaltiger Unterschied,