Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1885)
- Date
- 1885-10-27
- Page
- Seite 702 (sequence 6)
- Language
- German
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702 man sich als rein vor Gott ausgiebt und doch das Böse thut. (3, 4. 5.) Darum ruft er aus: „Wasche dein Herz von Bosheit rein, damit dir geholfen werde: wie lange willst du in deinem Innern Herbergen deines Frevels Gedanken?" (4, 14.) Auf die Reinheit der Gesinnung, auf die Lauterkeit der Gedanken und Gefühle kommt es an; selbst das Thun des Menschen ist ohne wahren Gehalt, wenn es nicht aus reinem Herzen und edler Absicht fließt. Nein, Jeremias war kein Splitterrichter, kein moroser Tadler und Aburtheiler. Ruft er doch aus: „Durchstreifet die Straßen Jerusalems und seht und erkundet und suchet aus ihren Plätzen, ob Einen Mann ihr findet, ob Einer Recht übet, Wahrheit suchet: so will ich ihr verzeihen! Doch wenn sie: „so wahr der Ewige lebt!" sprechen: dennoch schwören sie falsch." Das setzt einen Zustand der Verstocktheit voraus, den Jeremias tief empfindet. — „Ewiger, sind deine Augen nicht auf die Wahrheit? du schlugst sie. sie empfanden es nicht; du tilgest sie, sie weigerten Zucht anzunehmen; härter denn Felsen machten ihr Angesicht sie und weigerten zurückzukehrcn." Da geht er zu den Armen, und die findet er aus Unkenntniß betbört; dann zu den Großen, die „den Weg des Ewigen, das Recht ihres Gottes kennen", aber sie haben „das Joch zerbrochen, die Bande zerrissen". Ganz besonders findet der Prophet das Unheil in dem Ehebruch, der gang und gebe war, in den geschlechtlichen Ausschweifungen, denen man sich ergeben (5, 1 — 9). Hieran reiht sich die Habgier, die mit Unrecht und List nach Gewinn sucht, und die Verletzung des Rechtes, besonders der schwächeren. „Unter meinem Volke finden Frevler sich, lauernd, wie Vogelsteller sich duckend, sie stellen Fallen, fangen Menschen. Wie ein Käfig voll Vögel, so sind ihre Häuser voll des Erlisteten, deshalb wurden sie groß und reich. Sie wurden fett, sie wurden feist, sie übertrafen noch ihre bösen Thaten, Rechtsspruch sprechen sie nicht, Rechtsspruch der Waisen, daß sie glücklich würden, und der Armen Recht richten sie nicht." (5, 26.) Da ruft er aus: „Jerusalem, Alles ist Erpressung in ihr. Wie ein Brunnen Wasier quillet, also quillet ihre Bosheit: Gewalt und Raub wird in ihr gehört immerfort, Wunden und Schläge." (6, 7.) „Tenn von den Kleinsten bis zum Größten streben alle nach Gewinn" und dazu rufen sie: „Heil, Heil!" und es ist doch kein Heil. (B. 13, 14.) Und dennoch hegt der Prophet noch Hoffnung und verheißt dem Volke Bestand und Sicherheit im Lande seiner Väter, „wenn ihr beffert euren Wandel und eure Werke, wenn ihr Recht übet zwischen Einem und dem Anderen, Fremdling, Waise und Wittwe nicht drücket und unschuldiges Blut nicht vergießet. Wie? stehlen, morden und ehebrechen und zur Lüge schwören — und dann kommt ihr und stellt euch vor mein Angesicht in diesem Hause, darüber mein Name genannt wird, und sprechet: „Wir sind gerettet!" um all' diese Greuel zu üben!" (7, 5 ff.) Gewiß muß die Lasterhaftigkeit und die Heuchelei tief eingewurzelt sein in einem Volke, wenn ein Prophet, der von Liebe für dieses glüht, solche Worte zu ihm sprechen muß. „Sie alle sind Ehebrecher, eine Näuberrotte! Und sie spannen als ihren Lügenbogen ihre Zunge, und nicht zur Wahrheit herrschen sie im Lande, sondern von Bosheit zu Bosheit schreiten sie, mich aber kennen sie nicht, spricht der Ewige. Vor seinem Freunde hüte sich Jeder und traue auf keinen Bruder; denn jeder Bruder geht mit Hinterlist und jeder Freund als Verleumder umher." (9, 1—3.) „Ein tödtlicher Pfeil ist ihre Zunge, Trug reden sie; mit seinem Munde redet zum Freunde Frieden der Freund, aber in seinem Innern legt er ihm Hinterhalt." (B. 7.) So verbindet sich Trug mit Treulosigkeit, um den sittlichen Boden zu durchlöchern, auf welchem das Volk sich bewegt. Aber durch nichts läßt sich der Prophet behindern, die Fackel der Wahrheit hoch emporzuhalten und all' die schweren Schäden zu beleuchten, die man so gern vor dem Tageslicht verbirgt, und an welchen das Volk bis zum Tode krankt. Hierzu geht er in den Palast und wirft dem Könige seine Habgier, seine Prachtliebe, seine Verschwendung in kostspieligen Bauten vor, geht in den Tempel und geißelt die Heuchelei, Liebedienerei und Sittenlosigkeit der Priester und falschen Propheten, und schleudert den Fürsten und dem Volke die Strafreden für ihren Götzendienst und ihre Lasterhaftigkeit ins Angesicht. Muthig, ungebeugt, ausharrend erträgt er alle Unbillen und Martern, die sie ihm dafür auferlegen. — Wohlthuend berührt es daher, wenn der Prophet von diesem verkommenen Ganzen abfieht und seine Blicke auf das Individuum richtet, dem er den wahren Gehalt des Lebens klar machen will. Er ruft ihm zu (9, 22.): „Also spricht der Ewige: Nicht rühme sich der Kluge seiner Klugheit, und nicht rühme sich der Starke seiner Stärke, nicht rühme sich der Reiche seines Reichthums: sondern solches rühm' sich, wer sich rühmen will: mich zu verstehen und zu erkennen, daß ich der Ewige bin, der Liebe übt. Recht und Gerechtigkeit auf Erden, daß ich an diesen Wohlgefallen habe, spricht der Ewige." Und weiterhin (l7, 5.): „Verflucht der Mann, der vertraut auf Menschen, der Sterbliches zu seiner Stütze macht, und deffen Herz vom Ewigen weicht. Er ist wie ein einsamer Strauch in der Steppe, der nimmer sieht, daß Glück kommt, in dürrem Wüsienboden steht, im Salzlande, unbewohnt. Gesegnet der Mann, der vertraut auf den Ewigen, und deffen Vertrauen der Ewige ist. Er ist wie ein Baum, am Waffer gepflanzt, zum Strome streckt er seine Wurzeln, der nimmer sieht, daß Glut kommt, sein Laub bleibt grün, im Jahr der Dürre bangt er nicht, und hört nicht Frucht zu bringen auf." Und im Gegensatz (P. 11): „Ein Rebhuhn, das Junge zieht, die es nicht geboren, ist, wer Reichthum schafft und nicht mit Recht: in seiner Tage Hälfte verläßt er ihn, an seinem Ende steht als Thor er