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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-10-27 · Heft 44 (27.10.1885) · p. Seite 701

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 44 (27.10.1885)
Date
1885-10-27
Page
Seite 701 (sequence 5)
Language
German
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sah in dem Abfall von Babylonien den sicheren Untergang des Staates und des Volkes voraus, während bei treuer Anhänglichkeit an die chaldäische Herrschaft der Bestand Judas gesichert erschien; dabei war von Egypten nur ein anderes schweres Joch zu erwarten, während Nebuchadnezar die unterworfenen Völker, so lange sie treu blieben, ruhig bestehen ließ; von Egypten erwartete man die Herrschaft des finsteren Heidenthums aus dem Nilthale, indeß die Chaldäer den Völkern die freie Uebung ihres Cultus überließen; gegen Egypten sprach endlich der alte Nationalhaß. der sich durch alle Zeit fortgepflanzt hatte. Aber König, Fürsten, Priester und die falschen Propheten neigten durchaus in ihrem blinden Verlangen nach der erträumten Selbständigkeit nach Egypten, und unterdrückten die Opposition in ihren Trägern und im I Volke. An der Spitze dieser Opposition, im Kampfe gegen! den vorausgesehenen unvermeidlichen Untergang, gegen das! Götzenthum und die sittliche Entartung, stand Jeremias, bekämpfte die herrschende Partei mit unermüdlicher Anstrengung, erlitt dafür die schmählichsten Mißhandlungen und harrte aus bis zum Ende und über dasselbe hinaus. Jeremias war unstreitig nach Moses und Samuel der erhabenste Charakter, welchen Israel aufzuweisen hat. In seiner Person entfaltete sich die höchste Tragik. Er hatte den Beruf, seinem Volke, das er mit aller Liebe umfaßte, nur die härtesten Mahnungen zu geben, nur Unheil und Verderben verkünden zu können, überall ungehört, abgewiesen, ja verhöhnt und mißhandelt. Er mußte dieses Unheil und Verderben Schritt vor Schritt nahen sehen. Was er vorausgeschaut, es ward Wirklichkeit. Er warf sich ihm entgegen und wurde überwunden. Sein ganzes Leben war Kampf und dieser endete stets mit einer Niederlage. In der letzten Blüthezeit Juda's geboren und erzogen, schaute er die Vernichtung all' seiner Herrlichkeit voraus, und erlebte sie selbst. Wie er die Zerstörung Jerusalems zu verkünden hatte, mußte er mitten in ihr verharren; er weissagte das Unheil des Zuges des Ueberrestes nach Egypten und mußte selbst mitziehen; auch dort trat er wider den Götzendienst auf und hatte ihm zuzusehen. Wie wurde er mißhandelt! Bon seinen Landsleuten verfolgt, von den Priestern geschlagen und ausgeschlossen, von den falschen Propheten gemartert, von den Fürsten in die Schlammgrube geworfen, vom Könige und Volke im Gefängniß gehalten Diesen schreckensvollen Lauf empfand er tief. Dem sanften Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, verglich er sich (11, 18.), da er seine nächsten Verwandten gegen sich wüthen sah (12, 6.). Konnte er doch nur Hader und Zwietracht mit seinen Mahnungen anzurichten scheinen (15, 10.), aber aus Liebe zu dem ihm fluchenden Volke stand er fest. Wollte er schweigen, brennt es in seinem Gebein wie verzehrendes Feuer, die Begeisterung des Herrn überwindet ihn (20, 7.). Der Wahrheit brachte er sich zum Opfer. Keine Schrecken, keine Mißhandlung konnten ihn einen Schritt von ihr entfernen. Ob das Volk ihn schmähend umringte, ob Fürsten ihm zürnten, ob der Tod ihn bedrohtet er beugte sein Haupt nicht und sprach unverändert das Wort aus, das ihm in der Begeisterung gekommen. So sah er das traurige Schicksal seines Volkes, und auf den Trümmern des Tempels und Jerusalems ließ er seine Klagen ertönen, immer doch von der Zuversicht auf die Barmherzigkeit Gottes und auf die Zukunft seines Volkes und der Gotteslehre aufrecht erhalten. Aber auch dann noch mußte er den Undank und den Wahnwitz seines Volkes ertragen, ungeschwächt demselben sein wahres Heil verkündend, und dennoch in den Wirbel hineingerissen, der die letzten Reste desselben zermalmte. So offenbart sich uns in Jeremias ein sittlicher Charakter ersten Ranges. Sein Leben ist für sich die höchste sittliche Lehre, die Verkörperung des sittlichen Ideals. — Für Jeremias mar die Erkenntniß und Anbetung des einzigen Gottes, des Schöpfers des Alls, des Lenkers und Richters der Völker, identisch mit sittlicher Reinheit, mit ethischer Höhe. Im Gegensatz war ihm das Götzenthum, der Abfall Israels zum Heidenthum die Quelle aller sittlichen Entartung, die Ursache der Lasterhaftigkeit und der Untergrabung alles Rechtes und aller Liebe. Hier war keine Zwischenstufe, keine Mittelpartei. Ja, da während seines Lebens, namentlich in der ersten Zeit, in Juda der Cultus nach mosaischer Vorschrift und der Götzendienst neben einander bestanden, brandmartte er den Ersteren als Heuchelei und verworfenes Spiel mit dem Göttlichen. Vor ihm stand der jüdische Staat und das judäische Volk in allen Rangstufen in religiöse und sittliche Entartung versunken, und da er diese sammt ihrem politischen Hintergründe zu bekämpfen hatte, wird es uns nicht wundern, in seinen ethischen Aussprüchen nur in großen Zügen die vorherrschenden Lasier seiner Zeit ausgesprochen und bekämpft zu sehen. — Nach dem Berichte über die Berufung des Propheten (Kapitel I) beginnt er in der ersten Abtheilung (Kap. 2—19, 13) allgemeine Strafreden an Juda wegen seiner religiösen und sittlichen Entartung, ohne Anknüpfung an ein bestimmtes historisches Factum. Er wendet sich hier zunächst gegeit die Heuchelei, welche den schlechten Wandel mit dem Scheine der Tugend, gegen die Verstocktheit, die das böse Thun beschönigen will. Man weiß, wie gerade diese Unsittlichkeit das schwerste Hinderniß für Befferung und Umkehr bildet. „Was giebst du für gut aus deine Wege, Liebe zu erlangen: fürwahr, selbst an die Schlechtigkeiten hast du deine Wege gewöhnt; selbst an deinen Kleidersäumen findet sich das Blut unschuldiger Elender. Doch sprichst Du: Ja, unschuldig bin ich, wohl wendet sich sein Zorn von mir. Siehe, ich rechte mit dir über deinen Spruch: „Gesündigt Hab' ich nicht!" (2, 33—35.) Darin sieht er die Wurzel des Uebels, daß

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